Durch den Kiez

Coole Beats und abgefahrene Drums mit Lizzy

Coole Beats und abgefahrene Drums mit Lizzy
Mit diesem coolen Drumdress startet Lizzy richtig durch, da sind wir uns sicher... Toi Toi Toi! Zur Foto-Galerie
Die Berliner Musikszene hat einiges zu bieten: zum Beispiel die Schlagzeugerin Lizzy Scharnofske. Mit ihrem einzigartigen Drumdress erobert sie die Welt. Wir trafen sie noch schnell im Lichtenberger Kaskelkiez, bevor sie von Japan aus richtig berühmt wird.

Beim heiteren Berufe-Raten würde Lizzy Scharnofske mit einem gut gefüllten Sparschwein nach Hause gehen, denn niemand würde darauf kommen, dass diese sportliche Blondine eine der besten Schlagzeugerinnen unserer Stadt ist. Ach was, weit über Berlins Grenzen hinaus ist die mehrfach ausgezeichnete Drummerin eine gefragte Musikerin für diverse Bands. Weil sie fast alle Stile beherrscht und weil sie voller guter Ideen steckt. International berühmt ist sie noch nicht, aber das ändert sich mit einer dieser besagten guten Ideen bald, wenn wir das hier mal prophezeien dürfen. Dazu gleich mehr…

Von Modelshots und Koks

Wir treffen Lizzy in ihrem Lichtenberger Lieblingscafé Nadia und Kosta, wo es deutlich ruhiger zugeht als auf einer Tour. „So richtig Rock’n‘ Roll ist mein Leben aber gar nicht. Meistens kann ich nach dem Konzert nichts trinken, weil ich mein Instrument nicht locker in der U-Bahn mitnehmen kann“, erklärt die Schlagzeugerin – nicht ohne Bedauern. „Eigentlich muss ich deshalb fast immer selbst mit dem Auto fahren… und die anderen mitnehmen.“ Sie lacht und wir ahnen, dass sie Ausnahmen macht, in denen sie ihr Feier-Gen auslebt. Und auf die Frage, ob es  tatsächlich Backstage-Bereiche gibt, in denen die Koks-Lines für die Musiker bereit liegen, bekommen wir leider nur ein ausweichendes Grinsen. Als sie unsere Enttäuschung bemerkt, erklärt sie kichernd: „Zum Thema Klischees: Neulich habe ich zum ersten Mal von einem Model-Shot gehört. Der heißt so, weil Alkohol zu viele Kalorien hat und sich Models den deswegen angeblich anal oder vaginal mit einem durchtränkten Tampon einführen müssen, um in Partylaune zu kommen.“

Ein Besuch im "Nadia und Kosta" ist Pflicht, findet Lizzy. Recht hat sie!

Solche Nachtleben-Eskapaden findet man im behaglichen Kaskelkiez kaum, dafür urlaubsgleiche Atmosphäre und dörfliche Nachmittagsruhe. „Diese Ecke ist ein absolutes Must-See für alle meine Nicht-Berliner-Freunde, die mich besuchen“, erklärt Lizzy und begeistert sich selbst immer wieder für die Idylle ringsum. „Die Häuser sind zum Großteil niedriger als im restlichen Berlin, das gibt dem Ganzen etwas Kleinstädtisches“, schwärmt das bekennende Landei, das aus einem 800-Seelen-Dorf bei Hannover stammt. „Und die Innenhöfe hier sind meistens grüne Oasen oder richtige Gärten.“

Zwischen lauten Konzerten und Kaskelkiezruhe

Als Lizzy 2005 nach ihrem Jazz-Studium in Paris und Amsterdam nach Berlin zog, landete sie mit Freunden in einer WG im Wrangelkiez, dann teilte sie sich eine Wohnung mit anderen Musikern hoch über der lauten Stralauer Allee, bis sie vor zehn Jahren ihr jetziges Domizil etwas weiter weg von der Hauptstraße im Rudolfkiez bezog. „Langsam werde ich zu alt für das WG-Leben, obwohl ich mit echt netten Leuten zusammenwohne. Bei den Mietpreisen ist eine eigene Wohnung allerdings gar nicht drin.“ Wir flanieren durch Straßen, die an das holländische Viertel in Potsdam erinnern, und finden Ecken, die das echte Berlin quasi in Miniatur wiedergeben.

Ein Farbtupfer im Regengrau: Lizzy Scharnofske.

Das Heileweltbild des Kaskelkiezes passt nicht so ganz zu dem, was uns Lizzy auf dem Weg zu ihrem Proberaum erzählt. Als Frau wird man auch in der Ach-so-lässigen-Musikszene nicht immer für voll genommen. Entsprechend ungern lässt sich Lizzy für gewisse Frauenbands buchen, „in denen es nicht um die Musik geht, sondern um das Aussehen und die Rocklänge.“ Das ist nicht nur ärgerlich, sondern ganz offen sexistisch. Sie sagt: „Es ist schwer genug als Musikerin gegen alle dummen Vorurteile zu bestehen, da machen solche gecastete Bands unser Leben nicht leichter.“ Nicht selten sinkt das Niveau vor der Bühne, nämlich, noch ehe man den ersten Ton gespielt hat. „Weibliche Brassbands müssen sich grundsätzlich von Gästen Sprüche anhören wie: Ihr blast uns heute einen? Richtig mies“, findet Lizzy.

Neues Design, neuer Beat

Der Proberaum liegt nicht in einem hippen Mitte-Prunkstück, sondern in einem alten Industriegebäude. Viel wichtiger ist aber, dass wir hier Lizzys neues Drumdress in einer exklusiven Vorpremiere erleben. Bitte was? „Ich war es leid, immer hinter großen Schlagzeugsets festzusitzen, während das Publikum ausgelassen tanzen konnte“, beschreibt Lizzy ihr einstiges Dilemma. Statt ein anderes Instrument zu suchen, kam ihr die Idee für ein mobiles Set, das „irgendwie an meinem Körper bleibt.“ Der erste Versuch sah entsprechend aus wie selbstgebastelt und die langen Kabel, die nötig waren, brachten nur wenig Bewegungsfreiheit. „Eine holländische Designerin hat einen Auftritt von mir gesehen und hatte echtes Mitleid“, Lizzy lacht. Maartje Dijkstra heißt die Fashion-Tech-affine Modeschöpferin, die Lizzys silbernen Erstling schneiderte. Ein spaciges, aber für die Künstlerin doch sehr schweißtreibendes Design.

Das neue Modell wird Lizzy vom Insidertipp zum angesagten Special bringen. Das Kleid aus dem 3D-Drucker, das ebenfalls Maartje Dijkstra entworfen und handgefertigt hat, ist optisch und technisch der Wahnsinn, wenn wir das mal ganz objektiv behaupten dürfen. Robotic Engineer Ahmad Taleb aus Syrien half Lizzy die Elektronik zu entwickeln und die Produktdesignerin Ana Albertini Dantas aus Brasilien sorgte dafür, dass die Pads so cool aussehen wie der Rest. Das Kleid (mit dem klangvollen Namen 3DDD) allein ist schon ein Gesamtkunstwerk, doch wenn Lizzy es zum Leben erweckt, ist es atemberaubend. Man will selbst sofort tanzen, ob man kann oder nicht. Lizzy kann es. „Ich war sogar beim Ballett“, gesteht sie, „bis ich mit meinem breiten Kreuz nicht mehr zu den zierlichen Mädels in rosa Tutus passte“, berichtet sie lachend vom damals vorläufigen Ende ihrer Tanzkarriere. Ihre rosa Mädchenphase holt sie heute übrigens nach („Ich liebe Einhörner und Pink!“) und bewegt sich auf der Bühne so einzigartig, das sicher auch ihre Ballett-Lehrerin von damals Fan ist. 

Von hinten nach ganz vorn

Die ersten Bookings im neuen Drumdress 3DDD stehen schon, vor allen Dingen in Japan kommt Lizzy als Blondine mit ihrem innovativen (Music-Dance)Style super an. Während sie den Sprung von hinten an den Bühnenrand schon geschafft hat, braucht ihr erstes Solo-Album noch Zeit. Lizzy übt sich im Chefin-Sein. „Ich bin viel zu weich, deshalb kommt das auch nicht richtig in die Gänge“, meint sie und lacht dann wieder. „Vielleicht liegt es auch an meinem Perfektionismus, dass wir noch nicht fertig sind.“ Um neue Ideen zu bekommen, zieht es Lizzy immer wieder ans Wasser. Entweder sucht sie sich mit Kopfhörern am Osthafen einen Platz, um die Gedanken treiben zu lassen, oder sie läuft zur Rummelsburger Bucht.

„Das ist eine ganz eigene Welt hier. Und jedes Mal, wenn ich hierher komme, hoffe ich das pinke Flamingo-Tretboot fahren zu dürfen.“ Diesen Wunsch können wir ihr heute endlich erfüllen und lernen so Jan Seeger kennen, den Betreiber des Bootsverleihs Ahoi-Ostkreuz. Wir sind alle auf der Stelle schockverliebt: Jan ist ein echt cooler Seebär mit Berliner Schnauze, wo gibt es denn so etwas noch auf dieser Welt? Apropos Berliner Schnauze: Auch Lizzy hat eine sehr direkte Art und spricht liebend gern fremde Menschen an. „Das ist doch spannend, manchmal erfährt man tolle Geschichten, manchmal hat man einfach nur eine nette Begegnung“, findet die Künstlerin. So ist sie auch zu ihrem Freund gekommen. „Nimm doch einen Ingwertee“, lautete der Anmachspruch von Lizzy, der beweist, man muss weder originell noch mehrdeutig sein, um ins Gespräch zu kommen (Wir spüren gerade, wie Lizzy uns wegen dieser Frechheit den Ellbogen in die Seite rammt). „Das coolste Kompliment habe ich mal von einem älteren Herren an der Theke bekommen: Mit diesen Reh-Augen kannst du auch ein Schnitzel anbrennen lassen…“

Verlorener Kiez

Verlorener Kiez nennt man den Rudolfkiez, weil er eingekeilt ist von fetten Hauptstraßen, aber abgeschnitten liegt vom angesagten Teil Friedrichshains. Lost muss man sich dank des Royals hier nicht fühlen. Als wir uns gerade bei Pommes, Burger und Bier investigativ vortasten in Lizzys Kindheit („ich war die meiste Zeit im Keller und habe Schlagzeug geübt, wie besessen“), ihre Träume als Teenie („ich wollte durchstarten: vom Land in die weite Welt und berühmt werden“), ihre Familie (bis auf die Lehrer-Mutter alles Musiker, die nie gefordert haben: Mach was Solides) und ihre Sehnsüchte heute („ein Haus in den Bergen und am Meer, ganz egal ob in Kanada, Südfrankreich oder Neuseeland“), dreht sie den Spieß plötzlich um und fragt uns aus. Spätestens hier können wir die professionelle Distanz nicht mehr aufrecht erhalten und haben eine Menge Spaß, mit Anekdoten aus dem wahren Leben, bis uns einfällt, dass Lizzy uns noch eine letzte Location zeigen wollte…

Die Rummelsburger Bucht ist ein Tipp für Spaziergänger mit Liebe zum Wasser.

Normalerweise liegt die Zukunft in weiter Ferne, das Kino Zukunft zum Glück nicht. „Das ist ein besonderer Ort.“ Und tatsächlich: Leicht versteckt hinter einem Zaun und Wildwuchs finden wir das Kunstparadies in der Laskerstraße. Insider wissen, das hier einst das Ministerium für Entspannung residierte, bis der Technoclub 2009 abbrannte. Heute gibt es zwei kleine Kino-Säle mit besonderen Filmen, ein Freiluftkino, das nicht vor Blockbustern zurückschreckt, ein Theater, in dem auch Konzerte stattfinden (Lizzy ist hier auch schon aufgetreten), ein Bildersaal, in dem Ausstellungen zu sehen sind von Berliner Künstlern, und natürlich eine Bar, in der wir mit der Goldenen Zukunft aus der eigenen Brauerei auf eben diese anstoßen. Was Lizzy sich für die Zukunft wünscht? „Mit meiner eigenen Band weltweit auf Tour zu sein, wäre klasse, und ein Publikum, das meine Songs mitsingt.“ Darauf heben wir unsere Gläser ein letzes Mal. Und spätestens mit 70 besuchen wir sie in ihrem Haus in den Bergen am Meer, um genau da wieder anzuknüpfen, wo wir an diesem Abend aufhören: Prosit!

Foto Galerie

Zukunft // Ostkreuz, Laskerstr. 5, 10245 Berlin

Telefon 017657861079

Webseite öffnen
E-Mail schreiben


Montag bis Mittwoch von 17 Uhr bis 01 Uhr
Donnerstag bis Samstag von 16 Uhr bis 03 Uhr
Sonntag von 16 Uhr bis 01 Uhr

Weitere Artikel zum Thema Durch den Kiez, Wohnen + Leben

Familie | Freizeit + Wellness | Wohnen + Leben

Top 10: Laternenumzüge in Berlin

Am 11. November ist St. Martinstag. Rund um dieses Datum finden von Köpenick bis nach […]
Familie | Freizeit + Wellness | Wohnen + Leben

Top 10: Tipps für die Herbstferien

Die Herbstferien sind auch deshalb so schön, weil wir uns ohne schlechtes Gewissen drinnen verkriechen […]