Irgendwo im Nirgendwo

Lost in... Bohnsdorf

Lost in... Bohnsdorf
Das denken wir uns jetzt einfach schön: Im Sommer ist der kleine Dorfteich bestimmt von viel Grün umgeben. Zur Foto-Galerie
Ohne Maps und ohne Vorbereitung, verloren an einem unbekannten Ort in Berlin – das ist unsere neue Mission. Wer oder was uns dabei so begegnet und wohin es uns verschlägt, zeigen wir euch hier! Unser erster Weg führt uns nach: Bohnsdorf.

„Nächste Station: Grünau. Endstation. Bitte alle aussteigen.“ Hast du dich auch schon mal gefragt, was hinter der Endstation der S8 kommt? Ich hatte nämlich keine Ahnung. 45 Minuten bin ich hierher gefahren, weit in den Süd-Osten Berlins. Da mein Zuhause eigentlich der Wedding ist, verschlägt es mich nicht unbedingt oft in diese Gegend. Und nun bin ich, Ronja, doch hier, um einen kleinen Ort zu finden, von dem weder ich noch meine Bekannten je gehört haben: Bohnsdorf. Wie lebt es sich wohl dort, so am Rande der Großstadt?

Immerhin scheine ich erstmal richtig zu sein, denn unten am S-Bahn-Eingang hängt eine Karte vom Dorf. Mit S- oder U-Bahn ist der Ortskern nicht zu erreichen, aber der Bus 363 fährt immerhin alle paar Minuten. Bohnsdorf soll direkt hinter Grünau beginnen. Also laufe ich einfach los, vorbei an den größeren Einkaufsläden, immer entlang der befahrenen Hauptstraße. Ich laufe. Und laufe. Und laufe. Und warte auf irgendein Zeichen, dass ich da bin! Da wird auf einmal die Straße schmaler und um mich herum bleibt nur noch Stille – ich habe es gefunden. Rechts und links sind jetzt keine Reihenhäuser mehr. Auch keine typischen Berliner Plattenbauten. Stattdessen blicke ich in grüne Vorgärten und kleine, alte Einfamilienhäuser mit schicken Autos davor.

Die kleine Dorfkirche steht im eigentlichen Kern von Bohnsdorf. ©QIEZ

Ganz woanders…

Da ich mich hier überhaupt nicht auskenne, folge ich einfach der größten Straße, die irgendwie bis zum Dorfplatz führen soll – da ist bestimmt was los. Ich fühle mich jetzt schon wie in einer anderen Welt, komplett losgelöst vom Stress Berlins. Menschen begegnen mir erstmal keine, nur drei Pizza essende Teenager an der Bushaltestelle. Vielleicht arbeiten alle anderen in der Stadt? Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit den Platz erreiche, wird mir klar: In Bohnsdorf steppt NICHT der Bär. Eine kleine weiße Kirche steht vor einem winzigen Teich, in dem eine einsame Ente schwimmt – und Hotel und Steakhaus haben auch schon bessere Tage gesehen.

Es fühlt sich komisch an, hier zu sein, und erinnert mich total früher, als ich meine Großeltern besuchte und davon geträumt habe, in ihr kleines Dörfchen zu ziehen. Hier ist die Zeit wirklich stehen geblieben.

Weil ich ohne Maps und ohne Plan unterwegs bin, frage ich eine ältere Passantin, ob es hier einen schönen Ort gebe. Sie schickt mich lächelnd  eine bürgersteiglose Asphaltstraße entlang – und plötzlich stehe ich auf freiem FeldNun habe ich endgültig das Gefühl, die Stadt verlassen zu haben. Von einem kleinen Erdhügel aus blicke ich auf das Panorama, was sich mir bietet: Ein großer Acker, darüber setzt ein Flugzeug zur Landung an. Rechts von mir führt ein schmaler Pfad übers Feld, dessen Ende ich nicht mehr sehen kann. Ganz weit entfernt sind gerade so die Umrisse von höheren Plattenbauten zu erkennen, und das große Schild irgendeines Großkonzerns… Die Landschaft hat wirklich was, das muss ich zugeben. Und ich fühle mich auch direkt entspannt, wenn mir der Wind so ins Gesicht bläst und ich mal keine Abgaswolken einatme.

Ist das hier noch Berlin?

Da ich nicht ewig so stehen bleiben kann, finde ich irgendwie (mit Hilfe) die Straße zurück ins Dorf – nur leider an eine völlig neue Ecke. Aber irgendein Weg wird mich wohl zur Hauptstraße zurückführen. Menschen sind auch hier kaum welche, dafür begegnen mir plötzlich unschöne Neubauten. Berlin meldet sich! Aber gleichzeitig könnte ich ehrlich gesagt auch in irgendeinem Ostsee-Dörfchen sein, bloß dass dafür die Meeresluft fehlt. Während ich noch so umherwandere, kommt mir ein Mädchen entgegen, das wohl gerade Schulschluss hat. Ob es ihr gefällt, hier zu wohnen? Ich werde angeschaut, als hätte ich eine komplett abwegige Frage gestellt. „Ja klar“, sagt sie. Kontakt in die Stadt habe sie aber eigentlich nie. Na ja, es hat bestimmt sein Gutes, in einer so ruhigen Umgebung aufzuwachsen…

Als ich endlich wieder die mir bekannte Ecke mit dem Kiosk erreiche, kommt mir noch ein älteres Pärchen entgegen und ich stelle die Frage, die mich nun beschäftigt: Ist das hier wirklich noch Berlin? Als Antwort bekomme ich ein klares „Ja“ von dem Mann, der sehr stolz auf seine Berlin-Bohnsdorfer Familientradition seit 1800 ist. „Noch wat?“ Niemand von den sehr netten und hilfsbereiten Menschen hier scheint in Frage zu stellen, dass sie zu Berlin gehören – das ist eben einfach so. Sogar die Mitarbeiterin der einzigen Dorfbäckerei, die ursprünglich aus Neukölln kommt. Sie bringt es so ziemlich auf den Punkt: „Für ein Dorf ist es hier zu anonym, aber eine Großstadt ist es auch nicht mehr.“ Für mich fühlt es sich hier definitiv nicht mehr an wie Berlin, aber ich bin ja auch anderes gewohnt. Und immerhin berlinern hier die Menschen viel mehr als in meinem Freundeskreis im Wedding und im Prenzlauer Berg!

Bohnsdorf: Hier steppt nicht der Bär, sondern die Ruhe. ©Ronja Hegemann

Damit endet mein Kurztrip nach Bohnsdorf und ich steige in den Bus, der gerade kommt, und mich zurück zum S-Bahnhof Grünau bringt – zurück ins andere Berlin, wo mich Zeit und Hektik schnell wieder im Griff haben.

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