Ein Teil von Berlin feiert Geburtstag

Marzahn legt eine neue Platte auf - auf Russisch

Marzahn legt eine neue Platte auf - auf Russisch
Bunter Stadtteil. Die Allee der Kosmonauten in Marzahn gehört zu den längsten Straßen Berlins - und ein bisschen russisch hört sie sich auch an.
Vor 35 Jahren wurde aus Marzahn ein Bezirk. Das wird jetzt groß gefeiert. Viele Bewohner sind erst ein paar Jahre in Berlin – und stolz auf ihre russischen Wurzeln. Ein Bummel unter kyrillischen Vorzeichen.

Das gelbe Ortsausgangsschild ist schon zu sehen. Ahrensfelde ist S-Bahn-Endstation, 150 Meter weiter: Brandenburg. Ende der 70er zogen die ersten Familien hier an den Stadtrand, in die damals hochmodernen Plattenbauten. Marzahn wurde 1979 zum eigenen Bezirk. Zuvor gehörten die Äcker zu Lichtenberg, heute ist es Teil des Großbezirks Hellersdorf-Marzahn.

An diesem Wochenende feiert Bürgermeister Stefan Komoß – 50 Jahre, Sozialdemokrat, Protestant – den 35. Geburtstag des Bezirkes mit einem Volksfest. Drei Tage zuvor wartet Alex – 22, Nichtwähler, Orthodoxer – am Bahnhof Ahrensfelde auf seine Freundin. 35. Geburtstag? Für Alex, seine Freundin, sogar die Türsteher seiner Stammdisko gibt es Marzahn erst seit 20 Jahren.

Alex – rasierter Nacken, strenge, blaue Augen – war zwei Jahre alt, als die Familie 1994 ihr Dorf südlich von Nowosibirsk verließ. Von ihrem Hof an der russisch-kasachischen Grenze bis nach Marzahn sind es 5000 Kilometer – und doch könnte sich Alex hier ausschließlich auf Russisch unterhalten. Zwischen den Marzahner Wohnblöcken mit fünf, elf oder 20 Geschossen gibt es russische Läden, russische Vereine, eine deutsch-russische Schule, ein deutsch-russisches Theater. Eine russisch-orthodoxe Kirche wird gebaut. Alex ist Russlanddeutscher. Einst hatte Katharina die Große im 18. Jahrhundert vor allem Schwaben ins Zarenreich geholt. Viele siedelten an der Wolga, weshalb sie Wolgadeutsche genannt wurden. Stalin deportierte sie später nach Sibirien und Kasachstan.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion förderte die Bundesregierung ihre Einwanderung, auch wenn kaum jemand Deutsch sprach. Allenfalls Alex’ Oma konnte 1994 ein paar Sätze.

Fast 30.000 Russischsprachige

Die ersten 1500 Männer, Frauen und Kinder kamen 1992 in ein Marzahner Wohnheim. Zeitgleich zogen viele Altmieter aus ihren Wohnungen, es gab viel Platz für wenig Geld. Bald kamen neben Wolgadeutschen auch Russischsprachige aus der Ukraine, dem Baltikum, Mittelasien: Fast 30 000 Russischsprachige leben nun in Hellersdorf-Marzahn.

Alex wohnt noch bei seinen Eltern. Bald studiert er BWL, dann will er mit seiner Freundin zusammenziehen: „Hier irgendwo!“ Eine 90-Quadratmeter-Wohnung für 675 Euro warm gibt es eben nicht in der Innenstadt.

Im Fuß der Plattenbauten gibt es winzige Kneipen mit Trinkhallencharme. Aus den Boxen surrt russischer Elektropop. Im Laden in der Jan-Petersen-Straße gibt eingelegtes Gemüse und Pilze, Trockenfisch und Kaviar, Wodka und Krimsekt. Ein Rothaariger, dem man den Babyspeck noch ansieht, rennt durch die Gänge. Seine Mutter zischt: „Idi sjuda!“ – „Komm her!“ Auf dem Titel der „Russkij Berlin“ prangt Klaus Wowereit über kyrillischen Texten. Auf der Bank an der Straßenbahnstation lehnt sich eine lallende Frau an einen jungen Mann. Sein ausgemergelter Körper steckt in einer zu großen Jeansjacke. Die beiden blinzeln in die Sonne.

Die Szene erinnert an „Tschick“, den Marzahn-Jugend-Roman von Wolfgang Herrndorf: Darin trifft Andrej „Tschick“ Tschichatschow, ein latent verwahrloster Russlanddeutscher, in der achten Klasse auf Maik Klingenberg, ein einsamer Bürgersohn aus einem der Einfamilienhäuser mit Pool, die es in der Nähe tatsächlich gibt. Doch Tschick spricht Deutsch, der real existierende Mann auf der Bank aber schüttelt den Kopf. Die Russischsprachigen gelten dennoch als gut integriert.

Kein Schwerpunkt für Kriminalität

Marzahn ist kein Kriminalitätsschwerpunkt, die meisten Freunde von Alex haben Abitur, vielen ist Sport wichtig. Die Arbeitslosenquote im Bezirk liegt bei vergleichsweise niedrigen zehn Prozent, unter Russischsprachlern sei sie aber viel höher, sagen Sozialarbeiter. Genaue Daten fehlen. Doch die steigenden Arbeitslosenzahlen der 90er haben es den Neumarzahnern schwer gemacht. Dazu kommt, dass einige in Russland ein Gehöft hatten oder Architekten waren, ihre Qualifikation hier aber nicht anerkannt wurden.

„Ich bin Russe mit Stolz“

„Ich bin Russe mit Stolz“, sagt Alex. „Die Deutschen haben so mehr Respekt vor dir.“ Wie eine Ballerina tippelt seine Freundin die Bahnhofstreppe runter. Von weitem sieht sie aus wie Helene Fischer, die auch Russlanddeutsche ist. Die Russen, sagen Altmarzahner, seien hart zu sich und zu anderen. Häusliche Gewalt sei „bei denen“ verbreiteter. Alex dementiert: „Schlägerei gab es schon, aber niemals gegen eine Frau.“ Übrigens seien die deutschen Männer keine echten Männer.

Denken alle wie Alex? Und wie geht’s im Bezirk weiter? Dmitri Geidel sitzt in einem Café zu Fuße 20-geschossiger Türme in Springpfuhl. „Noch haben wir nicht so viele hippe Kneipen“, sagt er fast entschuldigend. Geidel ist eines dieser deutsch-russischen Multitalente, die man immer wieder trifft: mehrsprachig, engagiert, angehender Jurist. „Viele haben sich erst in Berlin als Russen definiert“, sagt Geidel, „aus Enttäuschung, weil ihnen die Anerkennung verweigert wurde.“ Geidel wurde 1989 im damaligen Leningrad geboren, Vater DDR-Ingenieur, Mutter Sowjet-Metereologin, er hat russische Freunde und ist als SPD-Bezirksverordneter gut vernetzt.

Der Vater einer Bekannten habe es auf dem Arbeitsmarkt nicht geschafft, nun hüte er wieder Schafe in Kasachstan. Bei den in Berlin geborenen Kindern laufe es aber besser. Viele sprächen Russisch zu Hause, im Job aber fehlerfrei Deutsch. In 50 Jahren lebten die Russen wohl wie die Polen im Ruhrgebiet: völlig integriert. Dmitri Geidel möchte ohnehin lieber über die Chancen des Bezirks sprechen: Endlich würden Studenten wegen der günstigen Mieten herziehen, ihnen könnte das Kiezflair folgen. Immerhin machen die Künstler aus dem früheren Tacheles nun in Marzahn ihre Kunst.

In drei Jahren werden Besucher aus der ganzen Welt zur Internationalen Gartenschau in Marzahn erwartet. Alex aus Ahrensfelde hätte dann schon gern einen Sohn. Wie der heißen soll? „Friedrich!“

Volksfest im Wiesenpark, Eisenacher Straße in Marzahn. Unter anderem treten Revolverheld und der Konzertchor der Staatsoper auf. Informationen unter www.plattenfest.com


Quelle: Der Tagesspiegel

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