• Donnerstag, 02. August 2012

Fahrgast eingeklemmt und mitgeschleift

Wie sicher ist die S-Bahn?

  • Ein 19-Jähriger wurde in Ahrensfelde von einer anfahrenden S-Bahn mitgeschleift.
    Tragischer Unfall in Ahrensfelde: Ein Jugendlicher wurde in der Tür eingeklemmt und mitgeschleift. Foto: dapd - ©Axel Schmidt/dapd

Stecken geblieben und mitgeschleift: Als ein junger Mann in letzter Sekunde in eine S-Bahn einsteigen wollte, wurde er in der Tür eingeklemmt. Der anfahrende Zug schleifte den 19-Jährigen mit, bis er ins Gleisbett geschleudert wurde. Wie ist es möglich, dass die Bahn mit ungeschlossener Tür losfahren konnte?

Eine geradezu gewöhnliche Leichtsinnigkeit ist am Dienstagabend auf tragische Weise geendet – und stellt erneut die Frage nach der Problematik der S-Bahn-Sicherheit. Es war 22.30 Uhr, als ein 19-jähriger Mann in Ahrensfelde von zwei Bekannten Abschied nahm und in letzter Sekunde in die S-Bahn springen wollte. Der Zug der S7, deren Endstation sich in Ahrensfelde befindet, hatte vor dem Zurückfahren nach Potsdam eine Weile im Bahnhof gestanden.

Nun geriet der Arm des 19-Jährigen in die Tür, während diese sich schloss. Im Anfahren schleifte der Zug ihn mit bis ans Ende des Bahnsteigs, wo der Mann über ein Absperrgeländer ins Gleisbett flog. Passanten versorgten ihn, bevor die Feuerwehr den an Beinen und Kopf  Schwerstverletzten in eine Klinik brachte.

Eine der zwei Begleiterinnen des Mannes musste mit einem schweren Schock in die Klinik gebracht werden.

Die Polizei ermittelt

Wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr ermittelt die Bundespolizei einem Sprecher zufolge gegen unbekannt. Videosequenzen von dem Geschehen existierten mangels Aufnahmen nicht.

Zwar gefährdete sich das Opfer offenbar mit seinem Verhalten selbst in Gefahr, aber eigentlich hätte der Unfall sich gar nicht ereignen dürfen: Laut einem Bahnsprecher fertigen die Zugfahrer in Ahrensfelde ihr Fahrzeug selbst ab – wie an fast allen Stationen, seit die Aufsichten abgezogen wurden. Zur Abfertigung müssten die Zugführer mit dem Mikrofon in der Hand aussteigen und das Fahrzeug beobachten, bis sich alle Türen geschlossen haben. Der Knopf zum Schließen der Türen sei am Mikrofon angebracht.

Keine Videoaufzeichnungen vom Geschehen

Wenn eine Tür sich nicht schließt, weil ein Gegenstand eingeklemmt ist, bekommt der Zugfahrer ein Signal – und die Technik hindert ihn daran, loszufahren. Nach Auskunft vonseiten der Bahn werden die Sensoren der Türen beim Warten mit einem sechs mal sechs Zentimeter großen Klotz geprüft. In der Praxis würden die Sensoren meist auch kleinere Hindernisse erkennen, hieß es. Da das Prüfmaß aber ungefähr mit dem Unterarm oder Handgelenk oder Unterarm eines erwachsenen Menschen vergleichbar ist, bleibt unklar, warum die Tür trotzdem meldete, sie sei geschlossen. Außerdem bedeutet der Sechs-Zentimeter-Test, dass zum Beispiel der eingeklemmte Arm eines Kindes zu schmal ist, um wahrgenommen zu werden.

Für die BVG-Bahnen nennt der Sprecher der BVG Klaus Wazlak zwar kein derartiges Maß, versichert jedoch: "In den Türgummis gibt es Kontaktleisten, die in den letzten Jahren immer empfindlicher geworden sind. Ein Kinderarm wird inzwischen erkannt." Allerdings werde eine kleine Lücke bewusst toleriert, damit nicht etwa ein eingeklemmter Rockzipfel eine U-Bahn lahmlegt.

Der betreffende Zug der S-Bahn ist Teil der recht neuen Baureihe 481, die das Gros der Flotte stellt. Was die Untersuchungen des Unglückszuges ergaben, war nicht in Erfahrung zu bringen. Klar ist hingegen, dass sich der Unfall bei Dunkelheit und am vorletzten von acht Wagen ereignete, also etwa 120 Meter entfernt vom Fahrer. Die Videokameras, die sich in Ahrensfelde am hinteren Bahnsteigende befinden, sind der Bahn zufolge Überbleibsel eines älteren Abfertigungssystems und nicht mehr in Betrieb.

Fahrgastverband Igeb fordert mehr Personal

Der Fahrgastverband Igeb ist sich sicher: "Wir brauchen wieder Personal auf den Bahnhöfen, das im Notfall schnell eingreifen kann", wie Igeb-Vizechef Jens Wieseke äußerte. Das Eisenbahnbundesamt prüft einem Sprecher zufolge, ob das Unglück eine genauere Untersuchung nach sich ziehen wird.

Unabhängig von diesen Fragestellungen zeigen sich Bahner besorgt ob der zunehmenden  Leichtsinnigkeit jener Passagiere, die durch sich schließende Zugtüren springen. Offenbar würden einige Fahrgäste trotz akustischen Warnsignals und rot leuchtender Lampen die Gefahr ignorieren.

Adresse

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Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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