Jubiläums-Kommentar

Ost gegen West – auch 30 Jahre nach dem Mauerfall

Ost gegen West – auch 30 Jahre nach dem Mauerfall
Es muss ja nicht gleich Liebe werden zwischen Ost und West.
Trotz Grenzöffnung und Zusammenschluss sind wir eine geteilte Nation, sagt die Forschung. Aber herrscht wirklich Krieg? Finden Ossis Wessis so schlimm oder was steckt hinter den Fronten? Ein Kommentar.

Einmal im Jahr herrscht Jubel, Trubel, Heiterkeit, in den restlichen Monaten wird gestöhnt, dass einfach nicht zusammenwachsen will, was zusammengehört. Aber ehrlich: Muss es denn? Die Unterschiede zwischen Nord und Süd gibt es seit Jahrhunderten. Sogar zwischen Westfalen und Rheinländern findet man tiefe Gräben, die zur Lebenskultur gehören. Zehlendorfer können nicht gut mit Spandauern und die Menschen aus Pankow wollen im Leben nicht nach Köpenick ziehen. Es sind alles nur Menschen – mit anderen Hintergründen und Vorlieben.

Forschung ist alles

Machen wir es uns mit dieser Einstellung zu einfach? Immerhin gibt es ständig wissenschaftliche Studien, die sich mit simplem Menschenverstand nicht zufriedengeben wollen. So wird auch anlässlich des Mauerfall-Jubiläums wieder geforscht, ob die Mauer noch in den Köpfen der Ossis und Wessis steht. Und tatsächlich findet Forsa für die Berliner Zeitung heraus, dass die Kennenlernfrage „Woher kommst du?“ für 27 Prozent der Berliner von Bedeutung sei. Besser gesagt, das Ergebnis: Ost oder West. Vor einigen Jahren bekannten sich nur 19 Prozent dazu.

Ok, aber gefragt wurde nicht, ob man dann gleich mit den Augen rollt und das Gegenüber wahlweise als Besserwessi oder Jammerossi beschimpft. Ja, ganz richtig, die Begriffe gibt es noch. Kann man nicht genauso gut forschen, ob der Ostfriese wirklich zu dumm ist, das Licht auszumachen? Oder hat mal jemand belegt, dass alle Bayern träge und maulfaul sind? Wir sind ein Land, eine Stadt und im Notfall stehen wir zusammen. Beim Klimastreik waren Ossis und Wessis vor dem Brandenburger Tor. Wenn es um Mieten geht, falsche Senatsbeschlüsse oder auch beim Fluchen über die BVG erkennt man deutlich: Wir sind ein Volk.

 

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Ein Beitrag geteilt von be Berlin (@sei_berlin) am Nov 9, 2018 um 12:29 PST

Nicht nur für die Ossis hat sich einiges getan nach dem Mauerfall. Gerade in Berlin. Die Stadt ist größer geworden und voller, es gibt im Prenzlauer Berg mehr Schwaben als eingefleischte Ossis und die Kreuzberger, die immer froh waren, unter dem Radar zu laufen, leben plötzlich in einer Touristenhochburg. Natürlich gibt es Menschen im Osten, denen nach der Wende die Existenz wegbrach. Aber die gibt es im Westen auch – mit der Öffnung wuchs die Konkurrenz, einige Branchen fielen weg, andere Wessis wurden an ihrem Arbeitsplatz durch einen Ostler ersetzt. Andererseits gibt es Liebespaare aus Ost und West oder Patchworkfamilien aus beiden Teilen der Stadt. Es ist an der Zeit, uns nicht mehr gegeneinander aufzuwiegeln.

Wir sind ok

Es gibt auch keinen Grund für Stress oder Zwangsverbrüderung. Viele verharren in ihrem Kiez. In Berlin, in Köln, in Hamburg oder München. Na und? Kommunikationstherapeutisch ausgedrückt: Du bist ok, ich bin ok, wir sind ok. Lasst uns einfach sein, wer wir wollen und wo wir wollen. Ohne Gram und ohne Angst. Feiern wir… das ganze Jahr, jedes Jahr. Denn dass die Mauer weg ist, freut uns hoffentlich alle im Osten und Westen und Norden und Süden.

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