Durch den Kiez

Michael Nast: "Ab 30 braucht jeder eine Therapie"

Michael Nast:
Als Autor füllt Michael Nast Hörsäle und seine Texte werden in der Schule gelesen. Wir sind zusammen in Prenzlberg unterwegs ... Zur Foto-Galerie
Gehört hat jeder schon von Michael Nast. Innerhalb weniger Jahre ist der Blogger zum Erfolgsautor geworden und das vor allem, weil er unserer Generation die Beziehungsfähigkeit absprach. Mit seinem neuen Werk #Egoland gibt er sein Romandebüt und uns Gelegenheit, seinen Lieblingskiez zu entdecken…

Heutzutage ist man ja überrascht, wenn jemand genauso aussieht wie auf den Fotos, die man von ihm kennt. Michael Nast ist so jemand. Und es gibt verdammt viele Fotos von dem sympathischen Urberliner, der mit seinem Bestseller Generation Beziehungsunfähig den Nerv der Zeit getroffen hat. Seither sieht man ihn auf Plakaten, Fotostrecken, im TV, in Magazinen und natürlich auf allen Social Media Kanälen. Seine Lesungen gleichen Popkonzerten und seine Expertise zur Jugend von heute ist mehr als nur gefragt. Als er nun im schwarzen T-Shirt (sein Markenzeichen) das Spreegold betritt, haben wir das Gefühl, einen alten Freund nach langer Zeit wiederzusehen. Und weil Michael berlinert, verstärkt sich das Gefühl. Es heißt, er mache das absichtlich, um Kumpelnähe zu vermitteln. „Wie Gregor Gysi“, bringt er selbst den Vergleich auf und lächelt aufkommenden Dünkel schnell wieder weg.

Auf uns wirkt Michael Nast recht bodenständig, weil er sich aber gern (selbst) inszeniert, wird er oft für arrogant und eitel gehalten: „Eitelkeit ist doch immer ein Zeichen von Unsicherheit“, erklärt er ganz offen und entwaffnet damit jeden Stänkerer. Und Hand aufs Herz: Leben wir nicht in einer Zeit, in der Äußerlichkeiten enorm wichtig geworden sind? „Ich kenne Frauen“, berichtet Michael Nast, „die gehen nie ungeschminkt aus dem Haus, weil sie ihrem Idealbild und den retuschierten Fotos von sich auf Instagram entsprechen müssen.“ Deshalb sei die Haut junger Frauen unter den dicken Make-up-Schichten echt miserabel.

Woher Michael Nast das weiß? Gerüchte besagen, er habe mehr Sex-Abenteuer erlebt als Casanova, dem immerhin tausend Liebschaften nachgesagt werden. „Natürlich stimmt das nicht“, klärt Michael uns auf, der früher viel im Berliner Clubleben unterwegs gewesen ist. Heute hat er keine Lust mehr, die ganzen In-Locations abzuklappern, in der Hoffnung einen coolen Abend zu haben. „Die meisten jungen Frauen, die man dort trifft, sind total affektiert und ihre Gesichter strahlen so eine Leere aus…“ Dahinter sei keine Substanz. „Am Ende bin ich gar nicht mehr in die Läden reingegangen, sondern fand es viel angenehmer, draußen mit dem Türsteher zu quatschen.“ Dafür hat er unser vollstes Verständnis.

Mit Michael Nast im Gespräch an einem Tisch im Spreegold

Michael Nast schreibt auf, was andere heimlich nachts erleben.

Romantik und Liebe sind nie ausgeschlossen

Wenn Michael Nast heute ausgeht, dann nur noch in Bars, in denen man sich viel besser aussuchen kann, mit wem man den Abend verbringt. Einige davon befinden sich am Helmholtzplatz. So verlassen wir das Spreegold, das Michael früher sogar als eine Art Büro genutzt hat, um zu sehen, wo er nachts gern Zeit verbringt. „Eigentlich bin ich hier genauso oft tagsüber“, gesteht er. „Ich kann nämlich nur morgens gut schreiben“, erklärt er weiter. Weil er mittlerweile fast nur noch im Home-Office arbeitet, ist er für seinen neuen Roman #Egoland fast zum Einsiedler geworden. Sogar sein Krafttraining hat er in die eigenen vier Wände verlegt und sich eine Bank und Hanteln besorgt. Dieses Jahr nimmt er sich wieder mehr Zeit für das Leben vor der Tür, für Spaziergänge… so hat er jüngst genau hier am Helmholtzplatz die Chance auf eine neue Liebe entdeckt: Die Traumfrau kellnert in einem Lokal und bringt Michael genau deshalb in ein Dilemma. „Eine Bedienung anzugraben, ist ein totales No-Go!“ Wie also die Regel brechen und trotzdem ihre Sympathien gewinnen? Er klagt sein Leid einem Bekannten, der gegenüber in der Buchhandlung arbeitet. Zu Michaels Glück kennt der tatsächlich einen Freund der Auserwählten, bei dem er dann fallen lässt, dass Michael Nast die Bedienung bezaubernd fände… „Mittlerweile hatten wir unser erstes Date„, freut sich Michael über die erfolgreiche Unterstützung. „Der Abend endete nach sechs Stunden auf einer Schaukel auf dem Spielplatz„, verrät er uns noch, bevor er die restlichen Erinnerungen doch lieber im Stillen genießt.

Es ist nicht einfach für den Autoren der Generation Beziehungsunfähig eine Frau, die ihn wirklich interessiert, dazu zu bringen, sich auf ihn einzulassen. Sie schrecken vor seiner Popularität zurück oder sein Image macht ihnen Angst. „Sex wird einfacher, eine Beziehung schwieriger“, bringt er es auf den Punkt. Das beschäftigt Michael. Obwohl er sich beruflich immer wieder mit Oberflächlichkeiten, beklemmenden Prenzlauer-Berg-Klischees und der beziehungsunfähigen Generation beschäftigt, ist der coole Erfolgsautor nämlich ein Romantiker, der an die Liebe glaubt. Auch wenn er sie noch nie erlebt hat: Seine erste große Liebe habe er verpasst, weil er „ein Arsch“ gewesen sei. „Geliebt habe ich glaube ich keine meiner Ex-Freundinnen“, räumt er sogar ein. Seine Mutter und seine Steuerberaterin seien zu dem Schluss gekommen, dass er zu viel Wert auf Attraktivität lege. Michael streitet das nicht einmal ab, gibt aber zu bedenken, dass der erste Eindruck doch bei uns allen darüber entscheide, wie man sein Gegenüber findet. „Vielleicht solltest du mal wieder mit einer Frau schlafen, die du magst“, heißt es in seinem Roman #Egoland. Und genau das ist wohl schwieriger als es klingt.

Michael Nast steht unter einer Werbung für einen Kosmetiksalon: Beauty isn't MakeUp

Natur pur traut sich die Insta-Jugend nicht mehr.

Kinderwunsch im Sommerloch

„Michael Nast möchte bald Vater werden!“ Diese Schlagzeile hat Michael vor zwei Wochen in den Tageszeitungen lesen dürfen. Diesen Schluss hatte die dpa aus einem Radiointerview gezogen, in dem Michael erklärt hatte, dass er in der KiTa seines künftigen Kindes nicht für den Opa gehalten werden möchte. „Mir war nicht bewusst, dass ich das Sommerloch füllen kann“, staunt er und lacht über die mediale Kontaktanzeige. Wenn er selber eine Kontaktanzeige verfassen müsste, würde er seine negativen Eigenschaften betonen. „Ich bin kompliziert, fürchte ich. Und weil ich seit drei Jahren Single bin, habe ich ganz schön viele Spleens entwickelt“, fasst er seine Makel kurz zusammen: „Die Frau sollte wissen, dass es nicht einfach wird: Aber es lohnt sich.“

Wir sind nun auf seiner Hauptflaniermeile angelangt, der Pappelallee. Neben dem Tageszeitungen-Lesen ist das Flanieren nämlich eine seiner Lieblingsfreizeitaktivitäten. Manchmal schlendert er nur bis zur Kastanienallee, manchmal läuft er auch mehr als zehn Kilometer. Sein Revier Mitte-Prenzlauer Berg-Friedrichshain verlässt er dabei nur selten. Seine Zukunft könnte sich Michael aber in Friedrichshagen vorstellen. „Dort gibt es einen unglaublichen Altbaubestand und tolle Villen.“ Mit Köpenick verbindet er eigentlich nur noch Kindheitserinnerungen. Wenn er seine Eltern dort besucht, macht er das sehr gern ohne Handy und mit dem Rad. Immer erreichbar zu sein, hält er also nicht für so überlebenswichtig wie die meisten seiner Protagonisten. Von Bedeutung sind Michael sein Privatleben und seine Freunde, die übrigens keine Angst haben müssen, in seinen Texten verbraten zu werden. „Ich nutze nur einzelne Zitate und verfremde die so, dass garantiert keiner erkannt wird.“ Um mehr Zeit für seine Freunde zu haben, nimmt er nicht mehr so viele Termine an und liest höchstens dreimal die Woche irgendwo in Deutschland.

Berlin für Berliner

Am Prater legen wir eine verdiente Pause ein. „Hier bin ich sehr gern“, erzählt Michael und genießt es, dass trotz bestem Biergartenwetter kaum Gäste da sind (ok, es ist mittags und viele arbeiten noch). Michael wird oft erkannt, doch das stört ihn kaum, nur seine Kumpel sind genervt. „Man kann nicht mehr so offen reden, wenn man das Gefühl hat, am Nebentisch hört jemand mit.“ Überhaupt sei es abends im Prater manchmal zu voll. „Die sollten Berliner Abende einführen, an denen keine Touristen Einlass finden“, meint Michael halb ernst. Wir gestehen ihm als echten Berliner diesen Wunsch zu. Seine Heimat verließ Michael bisher nur ein einziges Mal, um anderswo sein Glück zu suchen. Eine Werbeagentur bot ihm in Köln einen Job an und Michael nahm nach reiflicher Überlegung an. Einige Jahre später brachte ihn eine Sinnkrise zurück nach Berlin. Er wollte nicht länger als Art Director arbeiten und weil auch seine Beziehung am Ende war, kehrte er heim und konzentrierte sich fortan auf das Schreiben. Zunächst als Blogger, dann als Buchautor.

Michael Nast sitzt auf den gelben Bänken im Prater.

Allein geht Michael Nast ungern in Cafés, Bars oder Biergärten...

Luxusprobleme für jeden

Als Midlife-Crisis will Michael diesen Neuanfang nicht beschreiben. „Ich war ja erst dreißig“, meint er, „außerdem verteile ich meine Krisen sehr gleichmäßig auf mein ganzes Leben.“ Krisen gehören einfach dazu. „Und die Frage, wer bin ich, was will ich, kann ja kaum noch jemand beantworten“, beschreibt er das Luxusproblem unserer Zeit. „Uns wird doch alles vorgegeben, wer wir sein sollen und wie wir leben müssen. Wir sind eben Kinder einer Konsumgesellschaft“, und Michael geht sogar so weit zu sagen, dass wir längst fühlen als würden wir Emotionen shoppen. „Ab 30 braucht eigentlich jeder eine Therapie“, als Ausnahme lässt Michael nur die wenigen, die es schaffen, sich mit Yoga und Meditation selbst einzunorden. Er selbst hat allerdings auch noch keine Therapie gemacht, obwohl er als Scheidungskind prädestiniert dafür wäre. „Ich brauche meine Neurosen, um weiter schreiben zu können“, entschuldigt er sich.

Das Mittagessen im Schoenbrunn lassen wir ausfallen. Es ist einfach zu heiß, stattdessen besuchen wir zum Abschluss die Buchbox auf der Kastanienallee. Dem Gründer David Mesche ist es zu verdanken, dass #Egoland nun hier zum Verkauf liegt. „Er war einer der ersten, dem ich die Story erzählt habe und er hat mir Mut gemacht, den Roman zu schreiben“, klärt uns Michael auf. David ist leider nicht da, stattdessen treffen wir auf Hannes, der Michaels neuem Liebesglück auf die Sprünge geholfen hat. Apropos Glück: Mittlerweile arbeitet Michael schon an seinem nächsten Werk, das grundsätzlich positiver werden soll. Wer vorher Neues von ihm lesen will, darf sich freuen. Ab September wird es vierzehntäglich wieder eine Kolumne geben.

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