INTERVIEW

Milliarden: "Berlin, lass' doch mal alle anders drauf sein!"

Milliarden:
Ben Hartmann und Johannes Aue (v.l.) haben die Berliner Band Milliarden gegründet. Jetzt erscheint ihr zweites Album und ein Kurzfilm mit ihnen.
Das neue Album der Band Milliarden heißt Berlin. Im Interview erzählen sie, warum es trotzdem kein Abbild der Stadt ist, dass wir alle gleich aussehen und dass Gentrifizierung keinen Sex bringt. Außerdem geht es um das Gute am Kater und den Duft von Neukölln.

Kennengelernt haben wir Ben und Johannes von der Band Milliarden vor einiger Zeit auf einem Kiezspaziergang durch Kreuzberg. Dieses Mal quatschen wir in einem Büro ihrer Plattenfirma über das neue Album Berlin. Es erscheint am 1. Juni und enthält Sätze wie „Berlin, ich springe splitternackt in die Trümmer deiner Nacht“ oder „Nur ein Haus steht hier noch unsaniert.“

QIEZ: Habt ihr euch gezielt vorgenommen, Berlin auf einer Platte abzubilden?

Ben: „Nein. Als wir die Lieder im Studio gehört haben, hat ein Freund gesagt, dass alles sehr urban ist. Die Biografien spielen sich in diesen Kiezen und diesen Milieus ab und er meinte, das ist halt so Berlin.“

Wir finden, das neue Album fühlt sich an wie ein verkaterter Spaziergang durch Berlin – wenn man leicht angeschlagen alles intensiver wahrnimmt und ein bisschen meckern möchte. Wie seht ihr das Album rückblickend?

B.: „Ich bin ja ganz gerne verkatert. Ich muss auf jeden Fall Dinge schaffen, damit ich mich wohlfühle. Das ist was, das ich an mir sehr hasse und der Kater hilft mir da, mich zu schonen. Nichtsdestotrotz ist es wie du sagst: Du hast das Wort meckern erwähnt. Ich glaube, das ist jedem immanent, der hier geboren und aufgewachsen ist, immer zu meckern. Das Album ist einfach eine Aufnahme. Es ist eine Sehnsuchtsbeschreibung. Nach einer Welt oder einem Ort, den man als Teenager in sich abgespeichert hat. Wenn man sieht, wie diese Welt immer weiter kaputtgeht durch eine normale Stadtentwicklung, ist es ein Schrei, der zeigt: eigentlich will ich es anders.“

Johannes, du kommst eigentlich aus Bielefeld. Konntest du deinen Blick auf die Stadt einbringen?

Johannes: „Ja klar, wir machen alles zusammen. Im Endeffekt schreibt Ben aber die Texte und Berliner Meckern finde ich sehr erfrischend. Mir fällt es aber gar nicht so als Meckern auf. Es ist wie Ben gesagt hat: Biografische Klagegeschichten aus Berlin mit denen ich mich identifizieren kann.“

B.: „Es ist schon gut, dass Johannes da ist. So einen Charakter neben sich zu haben, der ein ruhigeres Verhältnis zu den Dingen hat und vielleicht auch einen anderen Optimismus.“

J.: „Hätte ich die Texte geschrieben, wäre es das komplett anderes geworden. So in die Richtung: Alles ist ok (lacht). Aber genau das ist ja dieser Gegensatz, der für uns beide so gut funktioniert. Ich finde, das ist das beste Album, was wir jemals geschrieben haben und mehr auf den Punkt als alles, was wir vorher getan haben. Die komplette Arbeit dauerte gefühlt nur eine Woche. Dadurch fühlt sich das viel mehr nach uns an, nach dem, was wir hier leben. Es heißt Berlin, weil wir hier wohnen und wenn wir aus Magdeburg kämen, hieße es Magdeburg.“


Zwischen den Songs gibt es O-Töne von Berlinern. Direkt vor dem Lied Die Toten vom Rosi, spricht ein Obdachloser. Habt ihr das selbst aufgenommen?

B.: „Ja. Roberto wohnt auf meinem Dachboden oder vor der Tür. Die Jungs vom Rosenthaler Platz sind nicht Roberto, aber er steht für etwas. Man sieht es ja im ganzen Stadtbild: Du hast überall die Zelte in den Büschen, in jedem Waggon bettelt jemand. Die Jungs, die scheißen mir vor die Tür und sie verrecken und es ist laut. Die kippen sich Waschbenzin in die Fresse. Das ist kein Spaß. Und ob jetzt tot oder lebend, das macht hier keinen Unterschied. Da könnte ich heulen weil ich es nicht aushalte, weil ich’s nicht ändere. Weil ich es auch gar nicht ändern kann. Ich singe: ‚Ich schreibe dieses Lied solange ich kann‘, weil ich die Tür nicht zumachen will. Ich probiere sie eigentlich aufzustoßen und der Jesus zu sein, der ich gern sein möchte. Dafür ist dieses Lied, um zu sagen: Vielleicht müssen wir einfach unsere Schein-Moral noch einmal überprüfen.“

Außerdem erzählen Mädchen, wie markenverliebt sie sind.

B.: „Danach kommt dieser Song in dem es heißt: ‚Wir verbluten unter dem Regenbogen‘. Das ist eigentlich ein Trennungslied, auf der anderen Seite natürlich auch ein Sinnbild für uns.“

J.: „Das ist eh so krass, Jugendliche und Kinder, die auf Youtube rumgeistern und den Rap-Shit, den ich ja auch feiere, so hart feiern und adaptieren. Die haben von null auf hundert angefangen zu erzählen von KMN (Kiss my Nikes, Anm. d. Red.), Gucci, Prada und so. Wir waren in diesem Alexa, in diesem Kaufhaus, was ja eh eine andere Welt ist.“

B.: „Die Mädels finde ich zuckersüß und dadurch auch nicht angreifbar. Sie sagen einfach: ‚Küss‘ meine Nikes.‘ Da kann ich gar nichts sagen. Das ist nicht richtig oder falsch. Ich bin nur dabei, mich darin zurechtzufinden. Und genau deswegen diese Interludes.“

Ihr singt ja auch von Menschen, die alle gleich aussehen und dasselbe träumen. Ihr prangert diese Synchronität also nicht an?

B.: „Doch, das finde ich schon grundlegend falsch. Wo ist mein Abenteuer geblieben? Wo ist unser Abenteuer geblieben? Was ist los? Ich nehme wahr, dass unsere Kreativität und unsere Werte nur noch darüber funktionieren, dass wir uns mit unserem Außenbild abgleichen. Dieses Außenbild wird immer genormter. Und deswegen gibt es so viel Gleichschaltung, gibt es auch so viel rauschende Langeweile die ganze Zeit.

J.: „Es liegt an jedem einzelnen, für sich zu entscheiden, ist Berlin jetzt meine Partystadt? Ist das cool so? Brauche ich nicht mehr?“

B.: „Wir, die hier geboren sind, müssen wir denn so leben, wie uns das so eine Zeitentwicklung vorschreibt? Brauchen wir nicht! Vor Kurzem wurde die Volksbühne besetzt und ich bin da sofort hingerannt und wurde an die DNA dieser Stadt erinnert. Dass es so ein stoisches Nein zu bestimmten Dingen gibt, weil man ein ehrliches Ja will.“

Wie im Song Jajaja.

B.: „Genau. Das Lied schimpft einerseits. Aber es ist kein: ‚Leute, wir müssen die Welt verändern!‘ Es ist ein: ‚Och komm, fickt uns doch mal alle ins Knie. Lass‘ doch mal anders drauf sein.‘ Ich habe wirklich Lust, einfach dieses Kaufhaus hier abzubrennen. Aber klar gibt es noch Möglichkeiten. Sonst wären wir ja hoffnungslos. Wir sind keine Hoffnungslosen.“

Ein Beitrag geteilt von QIEZ (@qiez.de) am Mai 9, 2018 um 6:19 PDT


Also liegt Berlin nicht in Trümmern, so wie ihr singt?

B.: „Die Trümmer, das ist so ein Wort: Es ist eine innerliche und äußerliche Architektur, dieses System. Das findest du in den Häusern und in den Menschen. Und dieses zu überbauen und neu auszumessen, ist ein Problem. Das bringt uns keinen Sex. Das macht uns nur frigide. Das reibt uns nicht auf, diese Betonklötze überall rüber zu bauen.“

Was muss passieren, damit ihr nicht mehr in Berlin bleiben wollt?

B.: „Ich habe kein Problem damit, auch mal zehn Jahre in São Paolo zu wohnen, darum geht’s nicht. Es geht nur darum, dass ich auch da nicht Berlin aus mir rauskriege. Es ist also egal, ob ich hier bin oder woanders, Berlin wird immer der Stachel in mir bleiben. Wenn man hierher kommt nachdem man woanders war, riecht man das Zuhause halt.“

J.: „Wir waren gestern bei einem Kollegen und sagen, als wir in den Hausflur treten: ‚Hier riecht’s richtig nach Neukölln.‘ Und das ist was jeder kennt, wenn er nach langer Zeit nach Hause kommt, das sind diese Gerüche, die man nicht loswird. Ich wohne erst seit sieben Jahren hier, aber durch meine erste Wohnung in Neukölln wusste ich genau, was Ben meint.“

B.: „Ich mein auch wirklich die Berliner Luft.“

Wobei die in Hellersdorf, wo du herkommst, sicher anders riecht als im Zentrum.

B.: „Voll. Die Blöcke riechen auf jeden Fall anders als die Innenstadt. Es ist noch mal anders wenn man jetzt irgendwie in Köpenick von der Autobahn reingefahren ist und dann das Fenster runtergemacht hat. Das roch eben einfach nach Berlin. Im Grunewald riecht‘s übrigens anders als in Schönhausen. Weil der Wind weht meist von Südwest nach Nordost über Berlin. Da wo ich wohnte, roch es halt eher so… merkwürdig. (Lachen)“

In den nächsten Wochen spielt ihr live auf vielen Festivals. Auf welches freut ihr euch besonders?

J.: „Ich freue mich auf das Kosmonaut Festival. Letztes Mal sind wir spontan für Wanda eingesprungen. Der Schlagzeuger hat sich auf der Bühne fast übergeben weil wir nur zu viert waren, der Tonmann und der Gitarrist sind gar nicht angekommen. Ich möchte diese Chance noch einmal haben, da zu spielen. Die Leute und das Feeling waren einfach geil.“

B.: „Das Deichbrand war auch mega letztes Jahr. Ich freue mich auf Rock am Ring, das ist halt auch ein gigantischer Moment diese Massen zu bewegen. Und das Feel Festival ist jedes Jahr wie Urlaub mit Freunden, da zelten wir dann auch mit.“

Mit Milliardens neuem Album Berlin erscheint im Juni auch der Musik-Kurzfilm Morgen. Er setzt sich aus den Videos zu vier neuen Songs der Band zusammen. Auf der Bühne kannst du die gelernten Schauspieler Ben und Johannes am 18. Oktober im Astra erleben.


Für das Feel gibt es in diesem Jahr übrigens keine Tickets mehr, dafür für diese Festivals in Berlin und Umgebung.

 

 

Milliarden: "Berlin, lass' doch mal alle anders drauf sein!", Stralauer Allee 1, 10245 Berlin
XMAS Newsletter

Weitere Artikel zum Thema Wohnen + Leben, Kultur + Events

Wohnen + Leben

Döner essen und dabei Gutes tun

Seit 2012 versucht die Kampagne "One Warm Winter", junge Menschen für Obdachlosigkeit zu sensibilisieren. Gemeinsam […]
Ausbildung + Karriere | Wohnen + Leben

Plan B: Das Betahaus zieht um

Das Betahaus ist groß geworden, die Kinderschuhe zwicken – nächstes Jahr wird die Coworking-Location zehn […]