Tiny Town Urania Festival

Wohnen auf sieben Quadratmetern

Wohnen auf sieben Quadratmetern
Kreativität auf kleinstem Raum: die Tiny Town Urania.
Gerade steht an der Urania das vielleicht kleinste mobile Dorf der Welt – mit einem 6,4 Quadratmeter-Haus, einem Foodtruck und einem Büro. Organisiert hat das der Architekt Van Bo Le-Mentzel für das Tiny Town Urania Festival.

Van Bo Le-Mentzel ist kleingeistig – wenn es um Wohnungen geht. Ansonsten hat der Architekt mit laotischen Wurzeln ein großes Herz: Seine alternativen Wohnkonzepte sollen das Leben in der Stadt revolutionieren und vor allem Menschen mit wenig Geld zurück in die Innenstädte holen. Le-Mentzels bisherige Projekte reichen von günstigen Hartz4-Möbeln zum Selberbauen bis hin zu einem mobilen Minihaus für 100 Euro Miete warm, dem Tiny100. Dieses steht nun auch bis zum 3. September direkt vor der Urania und ist Teil des Tiny Town Urania Festivals. „Sogar die Bushaltestelle nebenan ist größer als das Tiny House. Viele Leute sagen deshalb, auf so wenig Raum könne man doch gar nicht wohnen oder leben“, so Le-Mentzel.

Um zu zeigen, dass man durchaus gut auf 6,4 Quadratmetern leben kann, wird während des Tiny Town Urania Festivals der kurdische Künstler Apo Ericek im mobilen Häuschen wohnen. Denn das Tiny100 hat alles, was man zum Leben braucht: eine Küche, ein Schlafzimmer, ein Bad, einen Arbeitsplatz und sogar eine Gästecouch. Dabei braucht ein Tiny House nicht mal fließendes Wasser oder Stahlbeton, nur etwas Strom. Van Bo Le-Mentzel und Apo gucken aus dem TinyHouse Tiny100

Sieht so die Zukunft des Wohnens in der Stadt aus?

Ein kleiner Tempel fürs Geschäft

Gegenüber steht der Tiny-Temple, architektonisch gestaltet nach dem Brandenburger Tor. Das kleine Holzhaus mit vier Eingangstüren ist nur 3,20 Meter hoch, hat aber dank architektonischer Rafinesse Platz für unglaubliche zwei Stockwerke. Es sieht ein bisschen aus wie ein Toiletten-Häuschen aus Holz – und das ist kein Zufall. Zum Beispiel könne der Tiny Temple bei Stadtfesten wie Jahrmärkten die hässlichen Dixie-Klos ersetzen. „Deshalb ist er so konzipiert, als ob hinter jeder Tür ein Klo sein könnte“, erklärt der sympathische Architekt. Der Tiny Temple wurde zusammen mit dem Obdachlosen Heiko entwickelt. Dieser wohnte in der Nähe und fragte, ob er in einem Mini-Haus schlafen könne. „Wir haben uns mit ihm angefreundet, er ist in unser Dorf eingezogen und wir haben gemeinsam das Projekt erdacht“, so Le-Mentzel. „Die Idee dahinter ist es, ein Angebot für die Stadt zu erstellen.“ Derzeit wird das Klo-Häuschen nämlich anders verwendet: Es gibt zwar ein WC, auf den restlichen Türen verkünden Schilder jedoch eine Bibliothek, einen Kiosk, ein Studierzimmer, einen Seniorentreff, einen Gebetsraum und eine Dusche. Alles im Miniformat natürlich. Das ist eben auch der Zweck der Architektur Le-Mentzels: Die Häuser sollen günstig sein, aber gleichzeitig vielseitig und flexibel nutzbar.

Ersichtlich wird das auch an dem gläsernen Gebäude daneben, auf dem New Work Studio steht. Dieses wird während des Festivals als Mini-Büro und Meetingraum verwendet. Wegen der großene Glasvitrine diente es aber auch schon mal als Schuhladen. Wir wundern uns dennoch: Ist es denn hier an der Kleiststraße nicht zu laut zum Wohnen und Arbeiten? „Nein, gar nicht, wir arbeiten ja auch selbst hier drin. Wenn das nicht ginge, wäre das Projekt fehlgeschlagen“, so Le-Mentzel. „Schließlich geht es darum, Wohnraum auf Plätzen in der Stadt zu schaffen, die sonst nicht genutzt werden.“

Das Innere des kleinen Büros.

Sehr praktisch für Meetings ist vor allem die große Kreidewand.

Dieses Dorf ist offen für alle

Derzeit besteht die Tiny Town Urania nur aus drei Häusern – das kann sich aber schnell ändern. Denn während des Festivals dürfen in Absprache mit dem Bezirk auch weitere Häuser gebaut werden; es soll ein richtiges Mini-Dorf entstehen. „Wir wollen hier die Stadt der Zukunft ausprobieren. Dazu gehört natürlich gute Nachbarschaft, sagt Le-Mentzel. Deswegen sollen auch die Nachbarn wie das Elektronik-Unternehmen Conrad oder das Flüchtlingsheim gegenüber eingebunden werden. Dort lebten viele Kinder, deshalb wäre es auch denkbar, auf dem Platz vor der Urania einen Ort zum Spielen zu schaffen. „Es ist ein Festival, aber es geht um mehr als nur Konsum. Wir wollen hier arbeiten und leben“, so der Architekt. Besucher dürfen sogar in einem Tiny House probeschlafen und bei Fragen einfach vorbeikommen. „Wenn Leute Fragen zum Projekt haben, können sie mich kontaktieren oder einfach an der Tür klopfen“, sagt Ericek. Ob der Künstler zuhause ist, sieht man ja – Vorhänge vor den Fenstern gibt es nämlich nicht in dem kleinen Haus.

Der Tiny Tempel

Der Tiny Tempel ist sogar von zwei Seiten aus begehbar.

Um den Austausch mit den Berlinern weiter zu fördern, ist während des Festivals die Ausstellung 99Books zu sehen, außerdem gibt es ein Café, ein Tiny Restaurant im Foodtruck und einen Coworking Space. Ganz in der 150 Jahre alten Tradition der Urania als Institution für Wissenschaftsvermittlung, bietet die Tiny Town Urania außerdem ein buntes Programm mit Diskussionen, Bau-Workshops und Vorträgen, zum Beispiel über Berlins Weg zur Zero Waste Stadt.

Immer mittwochs findet der Urban Tiny Talk statt, um mit inspirierenden Gästen aus Architektur und Design über die Zukunft des Wohnens und des sozialen Miteinanders in der Stadt zu sprechen. Donnerstags gibt es einen Tiny House Stammtisch und samstags eine offene Werkstatt für Erwachsene und Kinder. Wer Lust und mal eben 10.000 Euro übrig hat, kann auch an einem Workshop teilnehmen und sich selbst ein Tiny House bauen.

Mehr zum Tages- und Wochenprogramm sowie die Highlights des Tiny Town Urania Festivals findest du auf der Website der Urania.

Urania, An der Urania 17, 10787 Berlin
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