Kiezbummel mit Miriam Pielhau

Ein gemütliches Dorf

Moderatorin Miriam Pielhau wohnt in Berlin-Friedrichshain 
Moderatorin Miriam Pielhau wohnt in Berlin-Friedrichshain 
Die Moderatorin und Buchautorin Miriam Pielhau hat schon in vielen Städten und auch in Berlin-Mitte gewohnt, bevor sie in Friedrichshain Wurzeln geschlagen hat. Hier fühlt sie sich pudelwohl und engagiert sich sehr für ihren Kiez, der einem Dorf nicht unähnlich ist. 

Der Mann schreit. Mit weit geöffnetem Mund und zusammengekniffenen Augen. Der Mann ist ein grau-weißes Graffiti auf einem unsanierten Haus. Miriam Pielhau bleibt davor stehen und meint: „Ich fühle mich in Friedrichshain so wohl, weil es hier so bunt ist.“ Bunt durch die Menschen, die hier leben, die Besucher, die kommen, um zu feiern und die Graffiti an den Häuserwänden. „Hier verewigt sich die Szene noch an den Mauern, und das mag ich“, sagt die 36-jährige Moderatorin, Schriftstellerin und einstige Chefredakteurin des mittlerweile eingestellten Fernsehsenders NBC Europe.

In den vergangenen zehn Jahren moderierte sie sich quer durch die Landschaft der deutschen Privatfernsehsender – von „Big Brother“ bis „Taff“. Inzwischen arbeitet sie für die RBB-Sendung „Ein Wochenende mit…“. Vor kurzem war sie häufig Talkshow-Gast: Miriam Pielhau hatte Krebs und schrieb einen Bestseller über den Umgang mit der Krankheit. Nach Aufenthalten in Heidelberg, Köln, München und Berlin-Mitte lebt sie jetzt seit fast drei Jahren in Friedrichshain, ist wieder gesund und schreibt an einem neuen Buch. „Als Einstieg für Berlin war Mitte total okay“, sagt sie. „Aber Friedrichshain ist gemütlicher. Hier kann man eher Wurzeln schlagen.“ Das hat sie getan.

Machen statt Meckern

„In Mitte gab es Nachbarn, die uns bis zum Schluss nicht gegrüßt haben, hier in Friedrichshain hat man uns gleich eingeladen, bei einer Nachbarschaftsinitiative mitzumachen.“ Zusammen mit ihrem Mann, einem Musiker, ließ sie sich darauf ein. Die Mitglieder der Initiative organisieren zum Beispiel Straßenfeste oder setzen sich dafür ein, dass aus ihrer Straße eine Tempo-30-Zone gemacht wird: „Hier wurde ganz schön geheizt. Aber ich neige nicht zum Meckern, sondern zum Machen. Man muss immer gucken, was man selbst dazu betragen kann, die Lebensqualität im Viertel zu verbessern.“ Die Nachbarschaftsinitiative ist demnach genau das Richtige für Miriam Pielhau. „Aber bei uns ist es jedem frei gestellt, ob und mit wie viel Aufwand er sich engagieren will. In Friedrichshain hat man die optimale Mischung: Zusammenhalt wie in einem Dorf, aber ohne die Nachbarschaftsüberwachung.“

In puncto steigender Mieten und Gentrifizierung ist Miriam Pielhau pragmatisch eingestellt: Leute mit geringem Einkommen sollten ihrer Meinung nach nicht aus dem Kiez verdrängt werden. Anderseits sei dies ein idealistischer Wunsch, so die Moderatorin. „Wie sollte die Politik das denn reglementieren?“ Vor allem aber findet sie, dass die Sozialstruktur im Kiez noch in Ordnung ist: „Man muss kein Akademikerpaar sein, um hier angenehm zu leben.“ Bestes Beispiel dafür sei der Markt am Samstag auf dem Boxhagener Platz. Nicht nur hier hat sie „ein besseres Miteinander der Menschen mit und ohne Kinder als in Prenzlauer Berg“ beobachtet.

Ostkreuz: „Sinnbild des Abgefuckten“

Dann sind da noch die Berlin-Gäste: Miriam Pielhau findet es „total asozial“, wie viele Berliner gegen die Touristen protestieren. Sie denkt nicht, „dass wir wie Montmartre enden – an jeder Ecke Touristenshops und Leute, die hässliche Karikaturen von Touristen zeichnen“. Touristen sind wichtig für Berlin, „das sind diejenigen, die das Geld in die Stadt bringen.“

Die größte Veränderung in Friedrichshain beobachtet sie am Ostkreuz: „Bevor der Umbau anfing, war der Bahnhof das Sinnbild des Abgefuckten.“ Das hat sie so fasziniert, dass sie etliche Fotos davon gemacht hat: „Man kann nur hoffen, dass die neue Architektur auch dem Stadtbild entspricht und die Gegend nicht verschandelt.“ Eigentlich sieht sie der Zukunft ihres Stadtteils optimistisch entgegen: „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Friedrichshain so schick wird wie Mitte oder Prenzlauer


Quelle: Der Tagesspiegel

Ein gemütliches Dorf, Boxhagener Straße, 10245 Berlin

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