Berliner Persönlichkeiten zeigen ihren Kiez

Wenig Rangeleien im Wrangelkiez

Der Autor und Historiker Christian von Ditfurth ist Wahlkreuzberger und liebt seinen Wrangelkiez.
Der Autor und Historiker Christian von Ditfurth ist Wahlkreuzberger und liebt seinen Wrangelkiez.
Bestseller-Autor Christian von Ditfurth lebt erst seit Mai 2011 im Viertel und hat als Zugezogener erlebt, wie manch militanter Anwohner Touristen und Fremde als Nazis beschimpft. Trotzdem sieht er seinen Kiez als gelungenes Integrationsbeispiel und liebt es, dort spazieren zu gehen.

„Mein Wahlspruch könnte lauten: Vielfalt ist Reichtum“, sagt der 59-jährige Literat, Historiker und Kiezliebhaber Christian von Ditfurth. Seine Augen fangen hinter der rechteckigen, rahmenlosen Brille an zu leuchten, sobald er über den Wrangelkiez und seinen Stadtteil Kreuzberg zu reden beginnt. Das bunte Viertel mit reichem Kulturangebot und Menschen jeglicher Couleur lockte ihn von Lübeck nach Berlin. „Als es um die Wohnungssuche ging, stand Kreuzberg ganz oben auf meiner Prioritätenliste. Ich habe früher schon mal in Kreuzberg 61 gewohnt und wusste daher, dass es mir hier gefallen würde.“

So zog er vor anderthalb Jahren mit einem Mitbewohner und Heinrich, dem Terrorbarsch, der regelmäßig alle anderen Fische im Aquarium tyrannisiert, in eine WG in der Wrangelstraße. Auf die Frage, wo man im Kiez unbedingt gewesen sein sollte, zählt der leidenschaftliche Restaurantgänger den Italiener De‘ Noantri, die Tapas-Bar Las Primas und das Café Nest auf. „Aber auch den Görlitzer Park und den Landwehrkanal sollte man auf keinen Fall missen“, so von Ditfurth.

Inspirierende Spaziergänge am Landwehrkanal            

Entlang des Landwehrkanals macht der ehemalige Lektor, der irgendwann erfolgreich das Ufer zum Autoren-Dasein wechselte, zwei bis fünfmal wöchentlich ausgiebige Spaziergänge. Hierbei lässt er seinen Gedanken freien Lauf und ersinnt die eine oder andere Geschichte für seine Bücher. „Es kommt auch schon mal vor, dass ich mich auf meinen Spaziergängen verlaufe. Dann brauche ich das GPS meines Handys, um wieder nach Hause zu finden“, erklärt er schmunzelnd.

Der Anschein des zerstreuten Professors, der durch das weiße, etwas abstehende Haar noch verstärkt wird, darf aber nicht täuschen. Mit seinem kürzlich erschienenen Krimi Tod in Kreuzberg, der im Graefekiez spielt, trifft von Ditfurth den Nerv der Zeit und die aktuellen Diskussionen um das Thema der Gentrifizierung. „Nicht nur der Graefekiez verändert sich. Die Gentrifikation geht durch Kreuzberg wie eine Dampfwalze. Das ist ein völlig unaufhaltsamer Prozess“, gibt er zu bedenken.

 

Die größte Perversion von Kreuzberg

Die Richtung, in die sich das verändere, sei aber nicht schön, erklärt er weiter: „Es wird hier aussehen wie überall und es wird weniger Vielfalt und Türken geben.“ Als ein Zeichen der fortschreitenden Umgestaltung seines Kiezes sieht er auch den Einzug der Bäckereikette Kamps auf der gegenüberliegenden Straßenseite von seinem Häuserblock. Doch am meisten stören von Ditfurth die Wohnungen mit Carloft in der Reichenberger Straße. „Das ist die größte Perversion von Kreuzberg, schlimmer als alles andere. Sowas kann man in Charlottenburg bauen, aber doch nicht hier!“, empört sich der Wahlberliner.

Die Wohnungen, von denen von Ditfurth spricht, werden von einem Sicherheitsdienst bewacht, weil sich zu viele Gegner der Luxusapartments als Vandalen zeigten und das Gebäude mit Farbbeuteln und ähnlichem bewarfen. Auch im neuesten Buch des Autors gibt es eine militante Bürgerinitiative, angeführt von Rosi, die mit rabiaten Mitteln gegen die Gentrifizierung, sprich gegen eine böse ausländische Immobilienfirma kämpft. Sie wird gleich zu Beginn des Romans ermordet.

Bunte Kulturvielfalt und erfolgreiche Integration

„Im Graefekiez gibt es zwar eine Mieterinitiative, aber die hat nichts mit der im Buch zu tun. Was Rosi und ihre Freunde treiben, ist ein Produkt meiner Phantasie“, erklärt von Ditfurth. Tatsächlich traf er aber einige Monate, nachdem er seinen Krimi fertig gestellt hatte, auf eine ähnlich kämpferische Initiative in seinem eigenen Kiez. „Da wird durchaus Gewaltbereitschaft signalisiert“,meint er mit Unverständnis in der Stimme.

Trotzdem fühlt sich Christian von Ditfurth wohl im Wrangelkiez und sieht solche Extremfälle als Ausnahmen. Er liebt das „Durchmischte“, die reiche Vielfalt an Kulturen, die hier aufeinander treffen, das bunte Flair. „So ein Quatsch, dass einige Leute sagen, Kreuzberg wäre ein Problembezirk. Hier herrscht ein friedliches Zusammenleben von Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern. Wenn irgendwo Integration gelungen ist, dann ja wohl hier!“, sagt der Schriftsteller äußerst überzeugt zum Abschluss des Kiezspaziergangs. Es gibt eben doch nur wenig Rangeleien im Wrangelkiez.

Wenig Rangeleien im Wrangelkiez, Wrangelstraße, 10997 Berlin

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