• Sonntag, 04. März 2012

Gegensätze in Prenzlauer Berg

Das Vergangene lebt

  • Prenzlauer Berg
    Prenzlauer Berg: noch ein Viertel der Gegensätze? Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas

Es gibt alles, was man hier vermuten würde: teure Wohnungen, schummrige Kneipen, szenige Bars. Doch in Prenzlauer Berg haben auch einige Institutionen überlebt, die den verbreiteten Klischees widersprechen. Ein Spaziergang durch den Kiez zur anderen Seite des Stadtteils.

Schön, wenn man bestätigt wird: in Prenzlauer Berg ist vieles genauso wie es in unzähligen Gesprächen diskutiert und  in ebenso vielen Texten beschrieben wurde. Die nervigen "Lassen-Sie-mich-durch-ich-bin-doch-Mutter"-Mütter, die neuen Väter, die gar nicht so neu sind, weil sie doch das Geld verdienen, die verwöhnten Kinder, die sprunghaft gestiegenen Mieten, die tägliche Verdrängung. Doch man stößt auch auf die andere Seite. Neben dem Schlimmen existiert hier immer noch Außergewöhnliches, Gutes, und das wird so lange so bleiben, wie mit den Straßenbahnen auch der Autoverkehr vierspurig durch Prenzlauer Allee, Schönhauser Allee und Greifswalder Straße rollt.

Wer die Prenzlauer von der Raabestraße auf der rechten Seite Richtung Norden läuft, entdeckt gleich drei Lokalitäten, in die die Bewohner der Dachgeschosse am Kollwitzplatz oder im Bötzowviertel nie einen Fuß setzen würden. Das "Café Prenzlau", in dem sich früher gelegentlich Nazis und Skins trafen, das inzwischen jedoch "gutbürgerlich" daherkommt, donnerstags Eisbein auf der Karte hat und samstags zur "Disco" lädt. Die Sportsbar im Haus daneben hat auch die Sanierung überstanden ("Bodega" steht nun außen) und ist immer voll, wenn Fußball läuft. Und dann gibt es kurz hinter der Immanuelkirchstraße noch eine Schummerkneipe namens "Bine". Hier wird ebenfalls Fußball gezeigt, dann kostet das gezapfte Bier 1,50. Doch auch sonst sitzen hier alte Stammgäste, trinken, essen garnierte Wurstbrote, paffen billige Zigarren, spielen Karten.

Neue, alte Szene

Ist das Geschehen in Läden wie diesen angesichts des Bevölkerungsaustauschs in Prenzlauer Berg schon "Subkultur"? Oder findet diese doch eher in herkömmlichen Szeneläden wie dem "Neu" statt, einer Bar, die seit fast zwei Jahren auf der Greifswalder in Ansätzen die Lücke schließt, die die Konzertläden Knaack und Magnet hinterlassen haben. Das "Neu" erinnert an eine dunkle, lauschige Höhle. Hier läuft Musik von Nick Caves Altmänner-Krachrock-Combo Grinderman, von Sonic Youth, aber auch Sixties-Beat. Gäste aus Amerika und Spanien sitzen hier neben Prenzl- und Kreuzbergern, die Altersstruktur ist heterogen, und manchmal überwiegen sogar die Frauen, was möglicherweise an Lucien liegt, einem der DJs, der für neuere Sounds von Panda Bear, Burial bis The XX verantwortlich ist.

Das "Sorsi e Morsi" in der Marienburger, das einem Italiener gehört, spricht eher für die These vom homogenen Prenzlberg. Hier treffen sich die von Arbeit und Kindern erschöpften Neu-Prenzlauer-Berger, um guten Wein zu trinken und vor allem zu rauchen, weil das in der eigenen Wohnung verboten ist. Der Laden ist das vollkommene Klischee. Dennoch dürfte es Überschneidungen mit dem Publikum der in der Prenzlauer Allee wiedereröffneten "Luxus Bar" geben. Die Räumlichkeiten des "Luxus" sind größer als zuvor in der Belforter Straße, doch der besondere Charme ist geblieben: Wenn es voll ist, ist alles gut. Wenn nur ein paar Leute da sind, ist die Tristesse groß, aber für die meistens allein an der Theke sitzenden Männer genau das Richtige.

Nicht alles glänzt

In dieser Atmosphäre wird einem dann klar, dass es natürlich auch unter den Neu-Prenzlauer-Bergern Verlierer gibt. Berufliche Abstürze sind in Zeiten andauernder Finanzkrisen vorprogrammiert, vor Sinnkrisen ist sowieso niemand sicher. Den Kummer ertränken kann man im "Luxus" genau wie in der "Bine".

Der Bezirk wird weiterhin ein Soziallabor sein. Inzwischen gibt es mehrere Generationen von Zugezogenen. Noch dominieren Kleinkinder das Straßenbild, bald werden es die Zwölf- bis 18-Jährigen sein. Obwohl es die, die in den neunziger Jahren zugezogen sind, nicht leicht haben. Als Normalverdiener innerhalb des Stadtteils umzuziehen ist angesichts der Preise nur wenigen möglich, vor allem mit Kindern.

Schön, dass auch in den komplett sanierten Häusern nie alles rund läuft, es hier mancherorts spukt. So wie in dem Haus an der Ecke Ryke-/Knaackstraße, gegenüber dem Wasserturm. In den neunziger Jahren war hier die "Kommandantur", eine halblegale, für die Zeit typische Sauf- und Absturzbar, ein echter Szenetreffpunkt. Nach Schließung und Renovierung versuchten sich unterschiedlichste Restaurantbetreiber in dem Haus, zumeist im Jahreswechsel. Gerade ist wieder ein Italiener an der Reihe. Wusste der nicht Bescheid? Denn hier scheint der widerständige Geist des alten Prenzlauer Bergs den neuen sehr wirkungsvoll zu bekämpfen.

Adresse

Knaackstraße
Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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