• Samstag, 27. Februar 2016
  • von Gerlinde Jänicke

Kolumne Gerlindes Geheimtipps

Ranzig und so schön: der AckerStadtPalast

  • Eingang zum Acker Stadt Palast Berlin
    Düsteres Steintor, pinke Lichter. Was sich hinter diesem hübsch schrammeligen Eingang versteckt, dem geht Gerlinde heute nach. Foto: externe Quelle - ©Gerlinde Jänicke

Rosenthaler Vorstadt - Gerlinde Jänicke ist Morgenmoderatorin bei 94,3 rs2. In ihrer Kolumne auf QIEZ.de verrät sie euch jede Woche exklusiv ihre liebsten Orte, besondere Events und noch jede Menge mehr. Diesmal verliebt sie sich mit besonders viel Theater.

Ranzig und verkommen. So mochte ich meine Zeit als Teenager in Berlin. Ich trug alte Satinschlafanzughosen aus dem Secondhandladen "Garage" in der Ahornstrasse in Schöneberg (damals der erste Laden, der Klamotten zu Kilopreisen angeboten hat. Ganz süß, mittwochs ist "happy hour" von 11 bis 13 Uhr, dann gibt es 30 Prozent Rabatt.) Ich wollte nur in Clubs gehen, die schäbig aussahen. Ich wollte lässig an der Wand stehen und rauchen und dabei Bier aus der Dose trinken. Mit hennarot gefärbtem Haar. Manchmal vermisse ich den Vintagecharme der Stadt, der jetzt viel zu oft künstlich erzeugt wird. Es gibt allerdings einen Laden, der ist noch wirklich "echt" abgeranzt. Und ich habe ihn neulich erst entdeckt. Ein befreundeter Regisseur, Helge – Björn Meyer, lud mich zu einer Performance in den AckerStadtPalast in Mitte ein.

Punk statt Prunk

Palast – das klingt groß und prunkvoll – wieso habe ich davon noch nie gehört? Mit Freunden, denen ich eine Performance (Kunst, bei der man vermutet, dass Menschen sich mit Farbbeuteln bewerfen und wirr zappeln) zumuten kann, mache ich mich auf den Weg. Was uns erwartet, ist nicht etwa ein modernes, großes Haus wie zum Beispiel der Friedrichstadtpalast. Ich stehe vor der Ruine meiner Jugend – und das im positivsten Sinne. Flashback 1990, ich fühle mich sofort wieder wie 16. Und das überhaupt nicht so zu unrecht. In diesem Jahr besetzten Künstler die ehemalige Schokoladenfabrik, eröffneten eine Kneipe und ein Theater. Zwischendurch gab es Ärger mit dem neuen Besitzer, mit Hilfe des Berliner Senats gab es dann eine Einigung.

So viel Efeu und das schummrige Licht werden einem Palast gerecht. ©G.Jänicke So viel Efeu und das schummrige Licht werden einem Palast gerecht. ©G.Jänicke

Ich bin wirklich sehr überzeugt von diesem hübschen Laden, der aussieht wie eine zerfetzte, kunterbunte Kulisse aus einem Film, in dem jemand mitspielen könnte, der in den 80gern ein bisschen aussah wie David Bowie. Ich bin definitiv overdressed, aber wir sind in Berlin, es ist egal, wie Du aussiehst.

Unwissen macht auch glücklich

Die Bühne ist klein, grau und schmucklos, wir sitzen alle auf langen Bänken, fast jeder Platz ist besetzt. Die Performance beginnt. Ein Pärchen auf der Bühne, die Künstler sprechen nicht. Aus Lautsprechern erklingen Stimmen und Musik. Mein Kumpel Max sagt am Ende, er habe das Stück verstanden. Ich nicht. Trotzdem macht mich das, was ich gesehen habe, irgendwie glücklich. Ein Auszug aus der Beschreibung zu "Absolution": "Das Performance Kollektiv Richter/Meyer/Marx nutzt Tanz, Sound und den Theaterraum als Komponenten eines Amalgams, das bei allen formalen und strukturellen Strenge, eine phänomenale Grauzone zwischen verschiedenen Theatergenres schaffen soll." Also keine wirklich leichte Kost. Trotzdem freue ich mich auf die nächste Performance am 27. und 28. Mai. Es muss eben nicht immer Popcorn und Blockbuster sein.

Selbst der Toilettengang hält noch eine sympathische Überraschung bereit. ©G.Jänicke Selbst der Toilettengang hält noch eine sympathische Überraschung bereit. ©G.Jänicke

Krönender Abschluss des Abends: Die anderen Gäste. Wir setzen uns an die Bar und trinken unfassbar günstig Bier und Jägermeister. Lachen mit Katja Richter, der früheren Stuntfrau von Milla Jovovich, die unfassbar gutherzig und witzig ist und mit dem Unterwäschendesigner Peter Papenberg, der so typisch Berlin ist, rau und freundlich – und das zeitgleich – dass meine Sehnsucht nach echten Berlinern für ein paar Stunden vollkommen befriedigt ist. Fazit: Der AckerStadtPalast ist was fürs Auge, die Gäste sind was fürs Herz. Große, neue alte Liebe.

Theater AckerStadtPalast

Ackerstraße 169
10115 Berlin

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Quelle: QIEZ / externe Quelle
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