• Donnerstag, 08. Juni 2017
  • von Elsa Maurice

Theaterkritik

Castorf beschwört noch einmal alle Geister

  • Szene aus Castorfs Stück Ein schwaches Herz
    In seiner letzten Inszenierung widmet sich Castorf seinem Lieblingsdichter Fjodor M. Dostojewskij. Foto: externe Quelle - ©Thomas Aurin

In einem Monat muss er raus – aus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Mit seiner letzten Inszenierung "Ein schwaches Herz", benannt nach einer Erzählung Dostojewskis, zeigt Frank Castorf nochmal, warum seine Kündigung ein Fehler war.

Wenig hat im letzten Jahr in Berliner Kulturkreisen für so viel Aufruhr gesorgt, wie die Ankündigung des Intendantenwechsels an der Volksbühne. Die Fans waren bereit, Frank Castorf bis aufs Theaterblut zu verteidigen. Nun bleibt ihm nur noch ein Monat, dann muss er seine Koffer packen. Ein schwaches Herz ist seine letzte Inszenierung an dem Haus, das durch ihn seit 25 Jahren Kultstatus hat. Éinem Hurrikan gleich fegt dieser Abschiedsabend über die Bühne, mit ehrlicher Traurigkeit und morbider Komik, Videoschnitt und schauspielerischer Maßlosigkeit.

Schon der Raum erinnert an ein Theater nach der Sintflut. Das Bühnenbild präsentiert klassisches Mobiliar quer über die Bühne aufgereiht bis ins Parkett. Eine lange Kolonne, um die Schauspieler robben und flitzen werden. Das Publikum macht es sich auf Seesäcken bequem, wie schon bei den Brüdern Karamasow.

Traurige Geschichte über einen Kopisten

Ein schwaches Herz ist eine traurige kleine Erzählung Dostojewskis über den Schreiber Wassja (Georg Friedrich). Mit krummen Rücken und  Hungerlohn gestraft, kann er sein Glück kaum fassen: Er hat sich mit seiner Traumprinzessin Lisanka (Kathrin Angerer) verlobt. Vor lauter Aufregung vernachlässigt er seine Arbeit. Als ihm klar wird, dass er seine Frist nicht einhalten kann, verliert er aus Scham den Verstand. Prompt wird er eingewiesen. Dabei war die Arbeit, wie man später erfährt, nicht einmal wichtig oder gar dringend.

Aber man würde sich sehr irren, wenn man glaubte, Castorf würde sich in seiner Inszenierung mit der titelgebenden Erzählung zufrieden geben. Die Bühnenfassung bedient sich u.a. auch einer anderen Erzählung Dostojewskis, Bobok, über Tote, die während sie verwesen, in ihren Gräbern noch ein bisschen plaudern, und dem sowjetischen Kultfilm Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf, dessen Held mit einer Zeitmaschine Iwan den Schrecklichen in seiner Wohnung heraufbeschwört. Castorf setzt sich über jegliche logische Zusammenhänge zwischen der Zeitmaschinen-Verwechslungskomödie, dem Totentanz und der Geschichte über unerträgliches Glück in vollendeter Lässigkeit hinweg.

Eine stille Geschichte über die Unerträglichkeit des Glücks: Ein schwaches Herz. ©Thomas Aurin Eine stille Geschichte über die Unerträglichkeit des Glücks: Ein schwaches Herz. ©Thomas Aurin

Das Schicksal der Volksbühne schwingt mit

Die Schauspieler taumeln durch die Identitäten und als Zuschauer fühlt man sich oft ziemlich verloren. Aber Stilbrüche und schlitternde Übergänge sind eben das, was wir von Castorf kennen. Das Stück wurde in kürzester Zeit auf die Bühnen-Beine gestellt, weshalb es längst nicht so vollendet wirkt wie zuletzt Castorfs Faust. Auch die Souffleuse hat einen harten Job, spricht sie fast so viel Text ein, wie das Manuskript hergibt. Aber die unverhohlene Imperfektion hat ihren Charme. Und wird gut gemacht – herausragend sind die berührenden Szenen, als zum Beispiel  Wassja mit seiner Feder fieberhaft in die Luft schreibt oder als Wassja und Lisanka sich über die Stoffpuppe eines Jungen annähern. Vor allem Georg Friedrich, der Wassja mit einer Sanftheit spielt, die unter die Haut geht, beeindruckt – gleich darauf kippt die Stimmung durch die Komik des wutentbrannten Zaren ( Daniel Zillmann ) oder den Galgenhumor der Toten, die über offene Rechnungen, pfuschende Ärzte oder die ungestillten Gelüste einer verstorbenen Dame auf Jünglinge herziehen und in deren Gebrabbel immer auch das Schicksal der Volksbühne mitschwingt.

Das ist die Volksbühnen-Coolness, die wir alle vermissen werden. Diese Kunst, uns über vier Stunden locker zu unterhalten und manchmal gnadenlos wachzuhalten. Als ohrenbetäubend Something Blue von Elvis eingespielt wird, könnte man fast sentimental werden. Leider wird es in der Realität keine Rot blinkende Zeitmaschine geben, um demnächst in die Volksbühnen-Vergangenheit zu reisen. Aber man kann hoffen, dass Castorf wie Dostojewskis Tote keine Ruhe geben wird, und man ihn mit seinen Stars ab Herbst dank Peymann-Nachfolger Oliver Reese gewohnt laut und schrill als Gast im Berliner Ensemble erleben kann.

Nächste und letzte Vorstellungen am 10. und 30. Juni 2017 in der Volksbühne.

Volksbühne

Rosa-Luxemburg-Platz
10178 Berlin

Zum Eintrag

Entdecke deinen Kiez mit unserer Karte! aufklappen

 
Quelle: QIEZ
Möchten Sie einen Beitrag schreiben oder eine Bewertung vornehmen?
Weitere Artikel zum Thema "Kultur & Events"

Kultur & Events

Die Berliner Promi-Woche

Die Berliner Promi-Woche

Diese Woche müssen wir Abschied nehmen, von einem, der noch nicht gehen … mehr Berlin

Radio ENERGY

Die ENERGY MUSIC TOUR 2017

Die ENERGY MUSIC TOUR 2017

Am 2. September steigt in der Kulturbrauerei Berlin das gratis Open … mehr Prenzlauer Berg

Radio ENERGY

Das QIEZ-Poesiealbum #20: Sarah Maria Breuer

Das QIEZ-Poesiealbum #20: Sarah Maria Breuer

QIEZ hat ein eigenes Poesiealbum. Mit vielen freien Seiten für unsere … mehr Charlottenburg

Sehenswürdigkeiten

Helene Fischer bekommt ein neues Ich

Helene Fischer bekommt ein neues Ich

Als erste deutsche Künstlerin bekommt die populäre Schlagersängerin eine … mehr Mitte

Museen

Von Hopper bis Rothko: US- Moderne im Barberini

Von Hopper bis Rothko: US- Moderne im Barberini

Nach seinem fulminanten Einstand zeigt das Potsdamer Museum Barberini … mehr Brandenburg

Kultur & Events

Fast geschenkt: Tickets für The One Grand Show

Fast geschenkt: Tickets für The One Grand Show

Der Friedrichstadt-Palast bietet seinem Publikum fast täglich eine … mehr Mitte

Artikel versenden

Geben Sie hier die E-Mail-Adresse des Empfängers ein (z.B. name@xyz.de).
Mehrere Empfänger werden durch Kommata getrennt.

* Pflichtfelder

Hast Du bereits ein QIEZ-Benutzerkonto? Melde Dich hier an.

ODER
Falls Sie sich mit Ihrem Facebook-Konto auf Qiez.de registriert haben, klicken Sie auf den nebenstehenden Button, um sich mit Ihrem Facebook-Konto anzumelden.

Passwort zurücksetzen