• Mittwoch, 08. Januar 2014

Holocaust-Mahnmal

Das Stelenfeld wurde zum Urinal

  • Denkmal für die ermordeten Juden Europas
    Das Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas. Foto: dpa - ©picture alliance / dpa

Ebertstraße - Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin ist geschändet worden. Das zeigt ein Amateurvideo. Der Frage, wie und durch so etwas verhindert werden kann, ist nur schwer zu beantworten.

Männer springen zwischen Betonquadern hin und her. Böller flackern in Betongassen. Stelen werden zu Abschschussrampen. Ein Mann mit offener Hose erleichtert sich. Einer liegt da wie bewusstlos. Flaschen stehen rum im Denkmalsland südlich des Brandenburger Tores. Ein Paar küsst sich. Am Bildrand blitzt das Hauptstadtsilvester, die Akteure erscheinen als Schemen. Der düstere Film, vier Minuten, 19 Sekunden, steht in Israel auf der Homepage eines Radiosenders und in der Online-Ausgabe der Zeitung "Haaretz". Sein Titel gibt dem Clip vom deutschen Jahreswechsel einen politischen Unterton: "German Hooligans desecrate Berlin Holocaust Memorial". Die englische Vokabel lässt sich mit "schänden" übersetzen, mit "entweihen" oder "entheiligen".

Skandal oder Kollateralschaden? Bei Berliner Diplomaten des Staates Israel scheint der Sachverhalt auf Nachfrage noch unbekannt, dann gibt die Pressestelle ein Statement ab: "Wir sind über dieses schreckliche Verhalten an einem so wichtigen Ort des Gedenkens entsetzt. Nichtsdestotrotz vertrauen wir darauf, dass die deutschen Behörden alles dafür tun werden, um ähnliche Aktionen in der Zukunft zu vermeiden." Bei den Veranstaltern der Megaparty, K.I.T., reagiert man überrascht ("Autsch!") und bedauernd auf den Bericht vom Urinieren im Denkmalsbereich, betont aber, das Veranstaltungsgelände und die eigene Zuständigkeit habe an der Behrenstrasse geendet. 400 Security-Leute seien im Einsatz gewesen, sagt Pressesprecherin Doreen Kinzel, doch "dort hätten die gar nicht eingreifen dürfen". Jedenfalls sei am Sowjetischen Ehrenmal, das aufgrund der davor aufgebauten Catering-Logistik abgeschirmt war, so etwas nicht vorgefallen.

Im Bezirk Mitte weist man jede Zuständigkeit für das, was am Stelenfeld passierte, von sich. Aus dem Büro des Stadtrats für Ordnung, Carsten Spallek (CDU), verlautet, um Sicherheit kümmere sich an diesem Ort die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Als Erlaubnisinstanz für die Riesenfete mag der Bezirk sich den schwarzen Peter ebenfalls ungern zuschieben lassen. Die „Hauptgenehmigung“ werde von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erteilt. Dort heißt es: Stimmt - nur komme das Sicherheitskonzept vom Bezirk. Man könne bei solchen Massen nicht den Zustrom/ Abstrom durch Auflagen an den Veranstalter steuern, sagt Sprecherin Daniela Augenstein. Letztlich müssten die Wachleute Polizei anfordern. Die Beteiligung vieler Stellen mache das Ganze kompliziert, gewiss würden sich bald alle an einen Tisch setzen.

Im Polizeipräsidium ist die Aufgabe akzeptiert worden, nur verweist Sprecher Thomas Neuendorf auf das Problem Verhältnismäßigkeit: "Es ist zwar eine Schweinerei, aber keine Straftat. Für illegales Pinkeln ist das Ordnungsamt zuständig." Wenn man das Gelände mit Polizisten absperre, widerspreche das der Party-Aura ebenso wie dem "offenen Charakter" des Denkmals. Darum sei auch Umzäunung nicht das Patentrezept, doch laufe es auf eine technische Lösung hinaus; aber wer bezahle die? Demnächst werde die Stabsstelle 12 mit der Denkmal-Stiftung darüber sprechen.

Deren Sprecherin äußert sich empört über das Verhalten der Gefilmten - und etwas ratlos. "Ich werte die Aktionen nicht als politisch", sagt Jenifer Stolz. Der Filmer habe ihr berichtet, zwischen 22 und 24 Uhr seien 50 Personen im Stelenfeld gewesen, einige gekleidet wie Rechtsradikale. Das könne sie aber nicht erkennen. Statt der üblichen zwei Wachleute seien sechs im Einsatz gewesen, vermutlich zu wenig. Sie schlage vor, an der Partymeile Dixie-Klos aufzustellen. "Wir haben nichts dagegen, wenn Leute sich küssen, wenn jemand was trinkt. Es kommt aufs Gesamtbild an. Und ein Betrunkener, der von der Stele fällt, kann sich böse wehtun. Was also wäre praktikabel? Was verhältnismäßig?"

Denkmal für die Ermordeten Juden Europas (Holocaust Mahnmal)

Georgenstraße 23
10117 Berlin

Zum Eintrag

Entdecke deinen Kiez mit unserer Karte! aufklappen

 
Quelle: Der Tagesspiegel
Möchten Sie einen Beitrag schreiben oder eine Bewertung vornehmen?
Weitere Artikel zum Thema "Kultur & Events"

Events

Unsere Event-Highlights diese Woche – nur für dich

Unsere Event-Highlights diese Woche – nur für dich

Kurz und knackig geht's rein in diese Arbeitswoche. Mit wenig Arbeit und … mehr Berlin

TOP-LISTEN

Top 10: Open-Air-Tanzflächen in Berlin

Top 10: Open-Air-Tanzflächen in Berlin

Wo lässt sich das gute Wetter besser genießen als auf den Tanzflächen der … mehr Berlin

Events

Am Wochenende findet Berlins erstes Mural Festival statt

Am Wochenende findet Berlins erstes Mural Festival statt

Berlins neues Festival nur für Street-Art macht Berlin noch bunter. Ab … mehr Berlin

Theater und Varieté

Gerlinde bei den Wühlmäusen

Gerlinde bei den Wühlmäusen

Gerlinde Jänicke ist Morgenmoderatorin bei 94,3 rs2. In ihrer Kolumne auf … mehr Charlottenburg

Sport

So lockt die alte Dame neue Fans ins Stadion

So lockt die alte Dame neue Fans ins Stadion

Eines der Highlights der just abgehaltenen Mitgliederversammlung bei … mehr Charlottenburg

Kultur & Events

Melde jehorsamst: Köpenicker Garde läuft wieder!

Melde jehorsamst: Köpenicker Garde läuft wieder!

Was den Briten die Grenadier Guards mit den Puschelhüten, sind uns … mehr Köpenick

Artikel versenden

Geben Sie hier die E-Mail-Adresse des Empfängers ein (z.B. name@xyz.de).
Mehrere Empfänger werden durch Kommata getrennt.

* Pflichtfelder

Hast Du bereits ein QIEZ-Benutzerkonto? Melde Dich hier an.

ODER
Falls Sie sich mit Ihrem Facebook-Konto auf Qiez.de registriert haben, klicken Sie auf den nebenstehenden Button, um sich mit Ihrem Facebook-Konto anzumelden.

Passwort zurücksetzen