• Montag, 24. Juni 2013

Die Weidendammer Brücke

Ein Konstrukt aus Liebe, Luft und Eisenguss

  • Weidendammer Brücke
    Verkehrsreich. Die Weidendammer Brücke war die erste, die um die Jahrhundertwende die ganze Nacht über elektrisch beleuchtet war. Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas

Friedrichstraße - Berühmt sind die Adler, die ihre Geländer zieren. Zum Start unserer Sommerserie über Berliner Brücken lesen Sie hier Geschichte und Geschichten von der Weidendammer Brücke in Mitte.

Die goldenen Sonnenbälle hoch oben an den Kandelabern glitzern im Abendlicht. Eine Dame richtet ihr Haar und eilt Richtung Berliner Ensemble, ein Betonmischer rumpelt über die Fahrbahn und lässt den Asphalt erzittern. Auf dem Bürgersteig stehen Umleitungsschilder und provisorische Ampeln wegen der U-Bahnbaustelle Spalier, dazu Werbetafeln für Schiffsanleger und die Kneipenmeile rund ums BE. "18 Biersorten vom Fass!" Die Theater im Viertel versuchen es mit einer Laufschrift neben dem irischen Pub.

Sanft wölbt sich die Brücke über der Spree nördlich des Bahnhofs Friedrichstraße. Passanten verlangsamen den Schritt, Radfahrer treten kräftig in die Pedale, auf dem gluckernden Fluss dümpeln Touristenschiffe. Unter der Brücke ducken sie sich, zwischen den granitverkleideten Pfeilern hat schließlich schon mancher Kapitän das Augenmaß verloren - und sein Steuerhaus dazu. Auch die Moby Dick ging bei einer Spezialfahrt nach Mitte hier einmal auf Kollisionskurs.

Rund um die Weidendammer Brücke: eine Amüsiermeile, damals wie heute

Die Weidendammer Brücke zwischen Reichstagsufer, dem einst mit Weiden bewachsenen gleichnamigen Damm im Süden und dem Schiffbauerdamm im Norden hat viel auf dem Buckel. Unter den geschätzten 2100 Berliner Brücken befindet sie sich mit 971 anderen in städtischer Obhut und gehört zu den historisch bedeutendsten Spreequerungen. Ihre Ursprünge als hölzerne Zugbrücke gehen bis ins 17. Jahrhundert zurück. 1826 wurde sie durch eine der ersten gusseisernen Brücken Mitteleuropas ersetzt, eine Pioniertat der Ingenieure, denn in der Mitte besaß sie Zugklappen für größere Schiffe, weshalb sie frei schwebend konstruiert werden musste.

Als Verkehrsanbindung der Dorotheenstadt zur Spandauer Vorstadt wie als Flaniermeile zwischen Musen- und Amüsiertempeln war sie viel frequentiert. Auch die Komische Oper stand einmal hier, gleich neben dem Admiralspalast - dort wo sich heute das Hotel Meliá befindet. So reichte die Brücke auch mit angebauten Fußgängerwegen und Tram-Behelfsbrücke nicht mehr aus, eine neue musste her. 1896 war sie fertig, 73 Meter lang, 22,5 Meter breit, nach Entwürfen von Otto Stahn, mit verzierten Kandelabern, verspielten Schmiedearbeiten und Doppelgleisen für die Straßenbahn.

Brückengeschichten sind Liebesgeschichten

Brücken sind Abkürzungen, Beziehungsstifter, Grenzüberwinder, sie verbinden - und machen Angst. Wer sie betritt, verlässt sicheren Boden, Heinrich Heine machte in der qua Brücke verlängerten Friedrichstraße gar die "Idee der Unendlichkeit" aus. Die Häuser weichen zurück, Möwen flattern hoch, Brückengeschichten sind Liebesgeschichten, Freiheitsgeschichten, Berliner-Luft-Geschichten. Von der Weidendammer Brücke schweift der Blick zum Fernsehturm hinter der Museumsinsel im Osten und zum Regierungsviertel im Westen bis hinüber zum Potsdamer Platz. Der Himmel wird weit, die Stadt schöpft Atem, lässt sich den Wind um die Nase wehen, träumt vom Meer und vom Fliegen.

Ach, die berühmten eisernen Adler in der Mitte der Balustraden! Sie breiten ihre Schwingen aus, als wollten sie die ganze Welt umarmen. Aber die Fabelfische samt neobarocker Flora und Fauna in den Ziergittern mögen sich noch so eifrig vor ihnen verneigen - sie sorgen immer wieder für Streit.

Zum einen wegen der Schlösser. An den filigranen Stellen des Federviehs und unter den Kronen ducken sich Liebesschlösser. Ständig muss das Ordnungsamt die kleinen Vorhangschlösser wieder abzwacken, vor dem Valentinstag im Februar waren es bald 600. Dieser Tage sind es bloß 50, aber es werden wieder mehr. Das Ritual mit den Faustpfanden der Treue ist bei Liebespaaren in aller Welt nun mal beliebt. Ein Kuss, eine Umdrehung und ab mit dem Schlüssel in den Fluss, auf dass man sich nie wieder trennen möge.

Die Ballade vom "preußischen Ikarus"

Zum anderen wegen der Heraldik. Die Reichsadler tragen das preußische Staatswappen auf dem Bauch, sie selber die Reichskrone, bekrönt sind auch die Miniadler auf den Wappenkartuschen. Reichsadler, Preußenadler, Hohenzollern, Brandenburg, ganz schön verwirrend. Wolf Biermann sang in seiner Ballade anno 1976 vom "preußischen Ikarus", Jahre bevor die DDR den Raubvögeln aus Gründen historischer Korrektheit ihre Kronen zurückgab. Das war 1986, der Kopfputz soll den Adlern in der Novemberrevolution abhanden gekommen sein, oder - andere Version - er war ihnen gar nicht erst aufgesetzt worden.

Die Ballade ist die letzte, die Biermann noch in der nahe gelegenen Chausseestraße komponierte, damals zu Mauer- und Stacheldrahtzeiten. Auf dem Cover des Liedtextebuchs posiert er vor dem Vogel, "da wo die Friedrichstraße sacht/den Schritt über das Wasser macht", als Ikarus, "mit grauen Flügeln aus Eisenguss/dem tun seine Arme so weh". Er stürzt nicht ab und macht nicht schlapp, "am Geländer über der Spre" - bis die DDR ihren prominentesten Dissidenten doch über den Rand kippte, in den Westen hinüber.

Als Biermann das Lied 13 Jahre später wieder singt, da stimmt das Bild vom Ikarus nicht mehr. Man kann nicht schön sterben und dann munter weiterleben, sagt er bei seinem ersten Auftritt nach dem Fall der Mauer im Osten. Lacht und weint und das Publikum auch.

Adresse

Am Weidendamm 1
10117 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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