• Mittwoch, 21. Dezember 2011

Die Bachstraße

Unterschätzte Lebensader

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  • Bachstraße im Hansaviertel
    Der S-Bahnhof Tiergarten bildet die westliche Grenze des Ortsteils. Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas
  • Bachstraße in Tiergarten
    Vor der Wende war die Gegend ruhig und abgelegen. Erst die Internationale Bauausstellung (IBA) 1987 belebte das Viertel und es entstanden Häuser mit interessanten Grundrissen. Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas

Zentral im Berliner Hansaviertel gelegen bleibt die Bachstraße dennoch wenig beachtet. Als die S-Bahn hier mit ohrenbetäubendem Lärm sanierte, behielten die Anwohner die Nerven. Mittlerweile ist die Straße angekommen – in der Gegenwart und mitten in Berlin.

Es ist einfach, die Bachstraße zu verkennen. Sie ist nicht lang, beherbergt keine aufregenden Geschäfte und auch nicht jene eindrucksvollen Altbauten voller Literaten und Künstler. Eigentlich ist sie eine Art Tangente des Hansa-Viertels, in dessen Schatten sie lebt. Aber sie hat die legendenumwobene Tiergarten-Quelle. Und den S-Bahnhof Tiergarten. Und ein wundervolles Hinterland mit Uferwegen gesäumt von Trauerweiden, die ihre Zweige in die Spree senken.

Ihren Namen trägt die Bachstraße seit 1889. Sie ist nach Johann Sebastian Bach benannt, aber das strahlt sie nicht wirklich aus. Obwohl zeitweise immer wieder die Klänge der Johannes-Passion aus den Fenstern wehten, ist sie eher der rockige Typ. Zu Mauerzeiten war die Gegend noch ruhig und abgelegen. Die Internationale Bauausstellung (IBA) 1987 sollte für Belebung sorgen. Häuser mit interessanten Grundrissen entstanden. "Wie ein Blitz geschnitten", sagte der Freund, als er das spitzwinklige Gehäuse zum ersten Mal betrat. Nicht praktisch, aber ungewöhnlich.

Damals leuchtete die Fassade gelb, zusammen mit den blauen Fensterrahmen ergab sich ein Ikea-Effekt. Heute sind die Farben der frühen Jahre verblasst. Jetzt tanzen in frischen Farben die Fahnen, wenn nach siegreichen Fußballspielen der Jubelkorso von Wedding Richtung Kurfürstendamm rollt. Hier kommt er laut hupend durchgefahren.

Stammkneipen-Philosophie über das Weltgeschehen

Als die Häuser gerade fertiggestellt waren, beherbergten sie ein buntes Publikum. Der Architekt hatte die schöne Terrassenwohnung ganz oben im Haus, weiter unten lebten eine vietnamesische Familie, die nach der Flucht mit der Cap Anamur hier gestrandet war, eine Diätberaterin, eine geheimnisvolle Gräfin, ein orthodoxer Priester, der aus Jerusalem gekommen war, und ein nettes älteres Ehepaar samt Hund. Einmal gab es in den Anfangsjahren einen Versuch, die Nachbarn draußen unweit der Tiefgarage bei einer Cocktailparty miteinander bekannt zu machen. Die Vietnamesen brachten Süßspeisen mit, andere lugten skeptisch zwischen den Gardinen hinaus.

Am Sonntag stolpert man fast in den Flohmarkt auf der Straße des 17. Juni hinein. Für Besucher  von außerhalb ist das eine touristische Attraktion, für Bachstraßenbewohner ein ganz normaler, kleiner Spaziergang zwischen abgegriffenen LP-Covern und goldgeränderten Sammeltassen. Am Rande des Flohmarkts erhebt sich glitzernd das Novotel, und der große Parkplatz ist ebenso verschwunden wie der Zaun zur Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM). Die Wegelystraße öffnet sich einladend dem Flaneur.

Ein Synonym für "zu Hause"

Von einigen Bachstraßenfenstern geht der Blick auf den Siegmundshof. Vielleicht waren die Studentenheime dort der Grund, dass im S-Bahnbogen ein Club auftauchte. Eine Weile trug er den Namen "Glückstein".

Dann ist da natürlich noch die Tiergarten-Quelle, die genauso aussieht, wie sich das Klischee das Bild einer Alt-Berliner Kneipe suggeriert, wie gemacht für tiefphilosophische Gespräche mit alkoholischen Abstürzen im Abgang. Generationen von Studenten philosophierten hier zwischen Rauchschwaden und Essensdunst und glaubten nicht, dass die Mauer je fallen würde. Als sie doch gefallen war, fantasierte man darüber, wie Berlin einmal werden würde nach der Jahrtausendwende, glänzend und vollständig unbezahlbar. Und der Priester erzählte von einem endlosen unglücklichen Prozess, von Verfolgungen und Intrigen, als sei das Mittelalter näher als das neue Jahrtausend.

Der Koch war damals auch ein Nachbar und einer der meistgesehenen Nutzer der gemeinsamen  Waschküche. Noch heute listet die Speisekarte viele Sattmacher für wenig Geld: Kaiserschmarrn und Rieseneisbein. Die Bachstraße machte ihren Namen lange zum Synonym für "zu Hause".

Niemand zieht gern weg

Sie steckte aber auch voller Herausforderungen. Wie auch immer die Disco gerade hieß, die in dem S-Bahnbogen logierte, sie lockte Motorradfahrer an, die bevorzugt zwischen drei und vier Uhr nachts ihre Maschinen Alarmsirenen gleich aufheulen ließen. Das Schlimmste aber begann, als Mitte der neunziger Jahre der S-Bahnhof geschlossen wurde und die Streckensanierung begann.

Das Signal der S-Bahn-Sirenen gellte alle paar Minuten durch die Luft, wie Verzweiflungsschreie von Monstern, so schmerzhaft laut, dass behelmte Bahnarbeiter, die gerade mit dem Presslufthammer zugange waren, zusammenzuckten und zur Seite sprangen. Was machte das mit den armen Anwohnern, deren Schlafzimmer auf Augenhöhe mit der Schienensanierung lagen? Sie blieben. Noch. Bachstraßenjunkies mit teils blanken Nerven.

Erst, als es im Keller und im Hausflur alles Erdenkliche zu kaufen gab, Sex und Drugs, nur keinen Rock’n’Roll, war Schluss. Zeit zu gehen. Das war nicht lange vor dem Umzug der Regierung. Kurz danach wurden die Klingelknöpfe angekokelt. Inzwischen ist die Anzahl der Satellitenschüsseln dem Augenschein nach wieder gesunken. Die Straße rockt. Sie ist mitten in Berlin angekommen, zwei S-Bahnstationen zum Hauptbahnhof, drei zur Friedrichstraße, eine zum Zoo. Sie wird unterschätzt. Noch.

Adresse

Bachstraße
10555 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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