• Montag, 02. April 2012

Die Sophienstraße in Mitte

Die geliftete Straße

  • Sophienstraße
    Früher war die Sophienstraße eine Handwerkergasse. Foto: Der Tagesspiegel - ©Doris Spiekermann-Klaas

Ursprünglich war die Sophienstraße eine Handwerkergasse. Doch nach Wende und Komplettsanierung ist davon kaum noch etwas übrig. Eine Spurensuche …

Wenn Traudel Balzer ihre Brille mit dem schwarzen Rahmen von der Nase nimmt, sich eine Zigarette ansteckt und verkündet: "Ick will Ihnen mal ’ne Historie flüstern", dann verwandelt sich das hippe, schicke Berlin-Mitte zurück in das Quartier der Kleinbürger und Arbeiter von einst. Die Lofts der Hinterhöfe verwandeln sich in Fabriken, die Designer-Boutiquen und Coffee-Shops in heruntergekommene Mietskasernen – und die Sophienstraße mit ihrem Denkmalschutz zurück in die Handwerkergasse, in der früher Korbflechter, Droschkenkutscher und Schirmmacher ihrer Arbeit nachgingen. Allesamt Berufe, die es nicht mehr gibt. Traudel Balzer ist eine der Letzten, die noch da sind. Am 6. September 1926 öffneten ihre Eltern Ernst und Gertrud Balzer in der Sophienstraße 37 die Bäckerei und Konditorei Balzer. In den Sechzigerjahren zog die Bäckerei auf die gegenüberliegende Straßenseite um, in die Nummer 30/31 – und dort ist sie heute noch.

212 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln flossen in die Spandauer Vorstadt

Vorn am Tresen kosten die Schrippen 30 Cent; hinten im Arbeitszimmer rührt Balzer in ihrem schwarzen Kaffee, DDR-braune Kacheln am Boden, DDR-grüne Fliesen an den Wänden. Über die Geschichte der Sophienstraße weiß Balzer mehr als jeder andere. Die Frau ist die "alte Seele" der Handwerkergasse, wie sie selbst mit kratziger Stimme sagt.

Die Sophienstraße, 1837 nach Königin Sophie Luise benannt, fängt an der Rosenthaler Straße an, genau an den Hackeschen Höfen, und endet nach 400 Metern an der Großen Hamburger Straße. In den Zwanzigerjahren bevölkerten zahllose Kleingewerbe und Werkstätten die Straße. Zu Beginn der Achtzigerjahre ließ die SED-Bezirksleitung die Tradition erneut aufleben und siedelte neue Werkstätten an: Zinngießereien, Goldschmieden, Holzbildhauereien. Inzwischen erinnert lediglich noch ein verblasstes Gemälde an einer Giebelwand daran. Die Gegend um die Sophienstraße ist zu einer der hippsten Adressen in Berlin geworden. 212 Millionen Euro öffentlicher Mittel gingen von 1993 bis 2010 an die Spandauer Vorstadt. Eine Milliarde Euro privater Investitionen folgten. In einem ganzen Stadtteil wurden denkmalgerechte Sanierungen durchgeführt, die historischen Altbauten gerettet. Eine Erfolgsgeschichte, sagen die einen. Der Kiez habe seine Seele verkauft, meinen die anderen.

Anwälte und Architekten statt Holzbildhauer und Keramikerin

Zwei Drittel der Bewohner sind seit dem Anfang der Sanierung des Stadtteils fortgezogen. Fast alle Handwerker sind gegangen, der Holzbildhauer, die Keramikerin, die Handweberin Angela Binroth-Gierke und die Stroh-Sophie mit ihrem Erzgebirgskunstladen. In die ehemaligen Werkstatträume sind Architekturbüros, Anwaltskanzleien und Galerien eingezogen. Nur ein paar Alteingesessene sind noch da: die Kneipe "Sophien 11" von Monika Bothe, das Puppentheater Firlefanz, die Instrumentenwerkstatt von Boris und Anke Schoenherr, in der sie Reparaturen an Querflöten und Klarinetten der Berliner Philharmoniker durchführen – und die Bäckerei Balzer. Die Mietpreise schießen weiter in die Höhe, die Kosten belaufen sich durchschnittlich auf 11 Euro pro Quadratmeter. Die Umgebung ist zu teuer geworden für 'die Alten' – ihre Mietverträge laufen bald aus. Wenn sie wegziehen, verschwindet auch ein Teil des alten Berlins.

Traudel Balzers Arbeitstag fängt um 4 Uhr 20 an, die ersten Schrippen hat ihr Bäcker da schon längst aus dem Ofen geholt. Am Morgen um halb sechs zieht Balzer die Rollläden hinauf und öffnet die Tür des Ladens, am Abend um sechs Uhr schließt sie sie wieder. Im Anschluss noch zwei Stunden Büroarbeit, um acht Uhr ist Feierabend. Sechs Tage die Woche geht das so. Eines Tages wollte ihr Vermieter sie hinauswerfen, da schickte sie Briefe an den Bezirksbürgermeister und passte Klaus Wowereit beim Friseur ab. Resultat: eine fünfjährige Verlängerung des Mietvertrags. Und als das Übernahmeangebot eines großen Backkonzerns auf dem Tisch lag, lehnte Balzer ab, ohne ewig darüber nachzudenken. Eigentlich müsste sie sich die Belastung nicht mehr antun mit ihren fast achtzig Jahren. Sie ist doch schon längst in Rente. Aber um des elterlichen Erbes willen, um ihrer sechs Angestellten willen hält sie das Geschäft. Wie eine Glucke, die ihre Flügel zum Schutz über die Küken legt.

Man präsentiert sich in Schaufenstern

Am Beginn ist die Sophienstraße eine Flaniermeile für Touristen, mit Restaurants, Cafés, Schuhgeschäften, eine Zuckerwatte-Welt, perfekt gestylt wie in einem Werbefilm. Die Leute wohnen hier nicht, sie präsentieren sich in Schaufenstern, eine Filmkulisse ohne Leben. Vorn an der Ecke, im ehemaligen Kaufhaus Wertheim, hat ein riesiger Versicherungskonzern seine Zentrale hingestellt, eine Menge Beton und Glas. Etwa auf der Hälfte der Strecke ändert sich das Aussehen der Straße, rechter Hand befinden sich die Sophien- und die Gipshöfe, zu Apartments ausgebaute Fabriketagen, besucherlose Galerien in pastellfarben angestrichenen Jugendstilhäusern – mit Klasse, ohne aufdringlich zu sein. Linker Hand versperrt ein eisernes Gitter den Blick auf den Kirchhof, der vom Barockturm der Sophienkirche überragt wird. Schließlich geht die Gasse ins Wohngebiet über, die Plattenbauten sind schon in der Nähe.

"Man kann hier immer noch sehr gut leben", sagt Monika Bothe, die Wirtin der Kneipe "Sophien 11" über die Sophienstraße. "Aber wer ist man?" Mit einer Rente von 600 Euro komme hier keiner mehr über die Runden. Früher sei es ein gemischter Kiez gewesen. Alte Leute, junge Mütter oder Studenten kamen in die "Sophien 11". Inzwischen ist die Gruppe der Anwohner homogener. Viele haben einen überdurchschnittlich guten Verdienst, viele eine überdurchschnittliche Bildung, mehr als die Hälfte einen Hochschulabschluss. Ärzte, Schauspieler, Designer, Musiker, Anwälte wohnen jetzt hier. Ein Wohlstandsghetto. Das Gesicht der Sophienstraße hat sich verändert, es wirkt wie geliftet, glatter, aber auf gewisse Weise unnatürlich. Die Falten fehlen.

Mitte

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Quelle: Der Tagesspiegel
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