• Sonntag, 24. April 2016

Vom Roten Rathaus in den Fernsehturm

Der Wanderfalke wagt den Abflug

  • Wanderfalke
    Der Wanderfalke wurde 2015 zum Vogel des Jahres gekürt. Foto: pixabay.com

Mitte - Seit 1986 leben Wanderfalken im politischen Zentrum. Doch im Jubiläumsjahr machen sie den Abflug. Sie haben eine neue Bleibe am Fernsehturm – die ziemlich gefährlich ist.

Die Wanderfalken vom Roten Rathaus sind ebenso seltene wie komische Vögel. Seit 30 Jahren schreiben sie Geschichte. Erfolgsgeschichte, um genau zu sein. Doch ausgerechnet im Jubiläumsjahr scheinen sie entschlossen, ihren wetterfesten und von Vogelfreunden sogar gepolsterten Brutkasten zu verschmähen – zugunsten einer Belüftungsluke am Fernsehturm, im Betonschaft knapp unterhalb des Doppelrings unter der Kuppel. Vogelversteher halten das für eine Schnapsidee: windig, ungemütlich und fast 200 Meter über dem harten Boden, auf dem der Jungfernflug des erhofften Nachwuchses ein böses Ende nehmen dürfte.

Derk Ehlert, Wildtierexperte beim Senat, ist unschlüssig, ob man die Luke verschließen soll, "um den Falken quasi verpflichtend klarzumachen, dass das kein guter Brutplatz ist". Andererseits "würden wir ihnen auch einen Misserfolg gönnen, aus dem sie lernen". Zumal die Saison allemal lang genug sei für eine zweite Brut, die dann bestimmt wieder in einem der dafür vorgesehenen Kästen stattfinden würde. Es gibt zwei davon: Einer hängt im Turm der Marienkirche, einer hoch im Roten Rathaus; die Falken vergangener Jahre wählten mal diesen und mal jenen.

Bestand habe sich bundesweit stabilisiert

An der Marienkirche begann 1986 die Erfolgsgeschichte, als die – seit 1952 aus Berlin verschwundenen – Wanderfalken in die für Turmfalken vorgesehene Wohnstatt zogen. Bald darauf folgte der Kasten am Rathausturm. Aus Falkenperspektive ist das Rathaus ein guter Wohnfelsen: mit Simsen und Dächern zum Zwischenlanden – und reichlich Futter vor der Tür, das in Gestalt von Tauben und Kleinvögeln vorbeifliegt. Weil das viele Licht ringsum nächtliche Zugvögel anlockt, haben die Falken ihren Rhythmus angepasst und jagen auch nachts.

Welche Rarität Wanderfalken sind, zeigt die Einwohnerstatistik: 200 Berliner Turmfalkenbrutpaaren stehen gerade mal zwei Wanderfalkenpaare gegenüber. Das andere Paar nistet im Sendeturm auf dem Schäferberg am Wannsee. Allerdings habe sich der Bestand bundesweit stabilisiert, sagt Ehlert.

Weil es beispielsweise in Brandenburg wieder mindestens 50 Freilandhorste gebe, müsse man die Tiere nicht unbedingt mit weiteren Nistkästen in die Berliner City locken. Zumal es den Falken wie den Menschen geht: Wer sich einmal an die Stadt gewöhnt hat, zieht nicht unbedingt wieder in ländliche Gefilde und umgekehrt. Das gelte auch für den Nachwuchs, der sich dann wohl ebenfalls ein neues innerstädtisches Revier suchen würde.

"Vogel des Jahres"

Während einer der bisherigen Rathausbewohner ausweislich seines Rings aus Leipzig stammte, sind die Fernsehturmfalken in diesem Jahr neu und unberingt, also geheimnisvoll. Und faszinierend: Weit über 100 Stundenkilometer erreichen die Falken, wenn sie sich mit angelegten Flügeln auf Beute stürzen. Im Zentrum sind das bei Turm- wie Wanderfalken eher Vögel oder auch mal Ratten, in der Peripherie eher Mäuse.

Während die eher bräunlich-roten Turmfalken im Winter ohne festes Ziel in mildere Gefilde fliegen, bleiben die kompakteren, bläulich schimmernden Wanderfalken in der Stadt. Theoretisch können sie 20 Jahre alt werden, praktisch leben sie dafür zu gefährlich. Auch die Vorgänger des aktuellen Paares sind wohl verunglückt.

Dass die Wanderfalken überhaupt zurückgekehrt sind, ist Naturschützern zu verdanken, die sie gehütet und ausgewildert haben, nachdem das Unkrautgift DDT ihnen in fast ganz Deutschland in den 1970ern den Garaus gemacht hatte. 1971 wurden sie vom Vorläuferverband des Nabu zum ersten Vogel des Jahres gekürt. Sollten sie tatsächlich im Fernsehturm brüten, wären sie wohl die schrägsten Vögel des Jahres 2016. Ehlert rechnet mit einer Entscheidung in den nächsten Tagen.

Rotes Rathaus

Rathausstraße 15
10178 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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