Der "Lokschuppen" in Steglitz

Wo Männer an Modelleisenbahnen riechen

Wo Männer an Modelleisenbahnen riechen
Thomas Wache ist - anders als sein Chef Thomas Dümchen und Kollege Christian Schmidt (v. l.) - kein Quereinsteiger. Er hat im "Lokschuppen" seine Lehre gemacht.
Markelstraße - Modelleisenbahnen machen seit über einem halben Jahrhundert Männer und Jungs glücklich - so wie Thomas Dümchen. Seit 30 Jahren ist sein "Lokschuppen" in Steglitz Treffpunkt für Freunde der kleinen Welten.

Manche Kunden lassen sich in Thomas Dümchens Laden erst mal vom Duft der Loks betören. Sie setzen zum Beispiel die Märklin-Dampflok der Baureihe 89 auf die Teststrecke am Tresen und geben am Trafo kurz Stoff. Dann nehmen sie die Lok wieder vom Gleis, halten sie dicht an die Nase – und lächeln beglückt. „Das ist ein bisschen wie eine Droge“, sagt Thomas Dümchen.

Der Glücklichmacher ist der zarte Elektrogeruch, den Modellbahnloks verströmen. Es kommt hinzu, dass die dreiachsige Lok, ein Modell aus den Fünfzigern, dank ihres hohen Anteils an Gussmetall so herrlich schwer in der Hand liegt. Außerdem sieht sie der „Emma“ von Lukas dem Lokomotivführer in Lummerland verblüffend ähnlich. Man kann bei Thomas Dümchen also auf den Modellbahnspuren H0, N und Z auch weit zurück in die Kindheit reisen.

Schwerpunkt: Second Hand

Markelstraße Nummer 2, Ecke Schloßstraße in Steglitz. Hier im Kiez verkauft Thomas Dümchen in seinem Laden „Lokschuppen“ seit mehr als 30 Jahren vor allem Modellbahnen und -autos sowie alles, was dazugehört. Zu Weihnachten übte der Laden wieder eine besondere Anziehungskraft aus. Schwerpunkt: Second Hand – An- und Verkauf. Das Geschäft ist eine Fundgrube für gebrauchte, günstige Schätze. Und zickt eine Lok mal auf den Schienen herum, so macht sie Dümchen mit seinen Kollegen in der Reparaturwerkstatt wieder flott.

Eine junge Mutter mit ihrer vierjährigen Tochter im Radsitz stoppt vor den Schaufenstern. „Guck mal!“ Sie bewundern die bayerische Kirche im H0-Maßstab, gekrönt von Zwiebeldach und Wetterhahn, daneben die Schrebergartenkolonie. Und dort – ein Marktplatz, an der Ecke Straßenmusikanten, am Gemüsestand ein Dackel, der sein Bein hebt.

Alles drin in 250 Schubladen

Natürlich sind hier auch viele Loks und Waggons von anno dazumal abgestellt, genauso wie im Technikmuseum in Kreuzberg, nur en miniature. Lust auf mehr? Die Ladentür steht offen, ein Teppich mit aufgedruckten Schienen führt hinein. Willkommen bei den drei vom Lokschuppen.

Der Chef ist mit zwei Mitarbeitern im Laden: Christian Schmidt und Thomas Wache. An diesem Morgen haben sie schon eine Flotte sehr detailgetreuer Feuerwehrautos aus einer Nachlasskiste geholt, gesammelt von einem Berliner Oberbrandmeister. Soeben entstaubt Thomas Dümchen mit Kosmetikpinseln ein gründerzeitliches Plastikmietshaus und einen Büroturm aus dem Sortiment der Firma Faller.Vor ihm, in den Regalen, breiten sich Städte und Dörfer bis unter die Decke aus. Hinter ihm steht ein alter Apothekerschrank mit 250 beschrifteten Schubladen. Schienen, Weichen, Signale, Oberleitungen – alles drin.

 

Aus dem Hobby wurde Beruf

Thomas Dümchen (54) ist in Steglitz aufgewachsen. Ein großer, schlanker Mann, diplomierter Betriebswirt. Dass er auf keine Managerkarriere setzte, hängt mit seinen zwei Brüdern zusammen. Und hat auch ein bisschen mit dem Kaufhaus KaDeWe zu tun. Als Junge bestaunte er dort die Modellbahnausstellungen, die damals traditionell zu Weihnachten gezeigt wurden. Zu Hause werkelte er dann stundenlang an seinem eigenen kleinen Eisenbahnparadies auf einer Sperrholzplatte. Später, Anfang der 80er Jahre, verkaufte sein älterer Bruder gebrauchte Loks und Zubehör auf Berliner Flohmärkten. Das gefiel Dümchen. Erst machte er mit, dann eröffneten alle drei Brüder eigene Second-Hand-Modellbahnläden in Charlottenburg, Wilmersdorf und Steglitz. Die betreiben sie bis heute. Den „Lokschuppen“ gibt es seit 1984.

Auch Verkäufer Christian Schmidt (59) ist Quereinsteiger. Entwarf als Architekt Häuser, bevor er vor 14 Jahren beschloss, sich ganz und gar der Welt im Kleinen zu widmen. Sein Kollege Thomas Wache wiederum verbrachte schon als Kind mehr Zeit in Modellbahngeschäften als daheim. Klar, dass er nach der Schule als Einzelhandelslehrling im Lokschuppen anfing – und blieb.

Konzentrierter Ernst und kindliche Freude

In diesem Mikrokosmos gerät nichts wie draußen im Großen aus den Fugen. Mutter und Tochter haben an diesem Morgen längst ihre „allerliebste Vitrine“ entdeckt. Es ist die mit den streichholzschachtelkleinen Häuschen der schmalsten Spurweite Z. Die zwei sind im Laden eine Minderheit. „Das ist absolut kein Frauenhobby“, sagt Dümchen. „It’s a man’s world“, wirbt die Modellbahnfirma Roco.

Am Tresen steht jetzt einer, Mitte fünfzig, und hält einen elektrisch betriebenen Straßenbahnzug. Studiert den Reiz filigraner Kleinigkeiten mit einem Mix aus konzentriertem Ernst und kindlicher Freude. „Typ Tatra T-2, DDR, 60er Jahre.“ Der Mann sammelt Modell-Straßenbahnen. Ist Richter, schwärmt von seinem Dienstraum. „Rundherum Vitrinen mit Trambahnen.“

Erotikszene in der Modellbahnwelt

Unterdessen setzt ein jüngerer Verwaltungsbeamter eine karminrote V200- Diesellok aufs Testgleis, in den Fünfzigern die schickste Schnellzuglok der Bundesbahn. Die V200 hat auch eine kleine Schwester, die V160, Spitzname: „Lollo“, weil ihre opulente runde Front an die Schauspielerin Gina Lollobrigida, das Busenwunder der Nachkriegszeit, erinnerte. Sein Wunsch: Die V200 oder V160 soll zu Neujahr bei ihm zu Hause durch die Tunnel seiner 40-Quadratmeter-Mittelgebirgslandschaft kurven. Aber es geht noch größer.

Ein Kunde, erzählt Dümchen, ein emeritierter Professor, habe eine ganze Wohnung für seine Anlage gemietet. Und auch Vips sind modellbahninfiziert. So der frühere US-Botschafter in Berlin, Philip D. Murphy. Der stoppte einst mit seinem Corps-Diplomatique-Wagen in der Markelstraße, Security sicherte den Lokschuppen. Murphy erwarb einen kompletten ICE-Zug.

„Die besten Modellbahner sind diejenigen, die als Kind nicht mit den Loks von Papa spielen durften“, sagt Dümchen. Auch etliche Zugführer, die nach Feierabend von ihrem Beruf nicht lassen können, verfallen der Magie seines Ladens. Dümchen blättert zum Spaß in jahrzehntealten Katalogen, erzählt von der ersten Erotikszene in der Modellbahnwelt in den frühen Sechzigern. Ein Aktmaler porträtierte eine Nackte in der Dachstube eines Plastikhäuschens.

Früher drängelten vor allem Jungs ins Geschäft

Damals war Dümchens Branche noch voll in Fahrt. Doch in den Neunzigern brach die Nachfrage ein. „Wir haben den Kampf gegen die Spielkonsole verloren“, sagt er. Auch der Modernisierungsschub, den die Hersteller einleiteten, hat das Produkt kaum aus der Nische gebracht. Heute gibt es digitale Startkästen, Loks, die qualmen und zischen, sogar Minikameras, die am Zug montiert filmen.

Früher drängelten vor allem Jungs ins Geschäft, inzwischen altere er mit seinen Kunden, stellt Dümchen fest, „75 Prozent haben graue Haare“. Nur zur Weihnachtszeit kamen wieder mehr Kinder und Jugendliche, oft mit den Vätern. Die Lok unterm Christbaum ist noch immer ein verlockendes Bild. Ansonsten lebt der Lokschuppen von den älteren Jahrgängen.

„Modelleisenbahner ist man in der Regel ein Leben lang“, sagt Dümchen. Deshalb bieten ihm meist Witwen Nachlässe an. Neulich klingelte er in Friedrichshain bei einer Frau im 6. Stock. Die gesamte Wohnung war dekoriert mit kunstvoll inszenierten Landschaftsmodellen. Abraumbagger im Tagebau, Rangierbahnhöfe, eine Fähre. Mehr als dreißig Jahre Arbeit. Viele der Modelle sind jetzt im Lokschuppen ausgestellt.

Dort verlangte kürzlich ein Kunde einen Schienenbus, der müsse auch nicht funktionieren. Sein Kumpel sei gestorben, ein passionierter Modellbahner. Den Bus wolle er ihm statt Rosen ins Grab werfen.


Quelle: Der Tagesspiegel

Der Lokschuppen, Inh. Thomas Dümchen, Markelstr. 2, 12163 Berlin

Telefon 0307921465

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