Handwerk trifft Design

Möbel mit Seele und Patina

Möbel mit Seele und Patina
Der Künstler und sein Werk. Zur Foto-Galerie
Ursprünglich wollte Philipp Wiedemann Kfz-Mechaniker werden. Heute baut er Möbel, Lichtobjekte und Einbauarbeiten, wie Küchen oder Bibliotheken. Er stattet auch komplette Räume und Wohnungen aus und bringt dabei seine eigenen Arbeiten und die Patina von alten Möbelstücken zusammen. Für den Fotografen Alexander Gnädinger hat er ein Studioapartment ausgestattet, in dem er mit QIEZ über seine Arbeiten und die Philosophie dahinter spricht.

Ein Küchenbuffet aus den 50er Jahren, dem die Jahrzehnte intensiver Nutzung deutlich anzusehen sind, fällt sofort ins Auge, wenn man das Wohnzimmer des Apartments im Prenzlauer Berg betritt. Gleich in mehreren Schichten blättert die Farbe ab. Philipp Wiedemann hat, Zentimeter für Zentimeter, matten Parkettlack aufgetupft, um diese einzigartige Oberfläche des Stückes zu erhalten. „Die Patina zeigt, dass das Möbelstück lebt“, sagt er. „Viele Leute denken, du stellst einfach altes Zeug irgendwohin und der Charme der Möbel reicht, um einen Raum zu bespielen. Aber das stimmt eben nicht.“ Die Aura des Möbelstücks setzt Philipp Wiedemann mit einem Tisch in Beziehung, dessen Platte aus unterschiedlich großen mit Ochsenblut behandelten Dielen gefertigt ist. Neun Schichten Klarlack schützen das Material, das über die Jahre seiner Nutzung eine ganz eigene, gewachsene Oberfläche – wie einen Fingerabdruck – bekommen hat.

Der Möbelmacher arbeitet mit gebrauchten Materialien, die oftmals ursprünglich eine ganz andere Verwendung hatten. Jedes der Bretter, die er verwendet, hat eine eigene Geschichte. Wiedemanns Handwerkskunst verhilft ihnen zu einem neuen Dasein als individuelles Einzelstück. Der Weg, den der Designer beschreitet, geht dabei stets vom Material aus zum Objekt und nicht umgekehrt. „Wenn ich das Material vor mir habe, denke ich zum Beispiel, dieses Holz will ein Tisch sein“, erklärt er. „Dann helfe ihm dabei.“ Eine Serienproduktion ist bei einer solchen Arbeitsweise unmöglich. „Ich kann mich auch nicht wiederholen“, sagt er.

Patina statt Purismus

„Ein schöner Raum wirkt zurück auf die Menschen, die sich darin aufhalten“, ist der Designer überzeugt. „Viele Leute haben von so cleanen, puristischen Sachen genug, sie wollen weg vom uniformen Design“, sagt Wiedemann. Schlimm findet er allerdings den Uniformismus der Leute, die den Anspruch haben, individuell zu sein. „Dabei muss man gar nicht zwangsweise immer was anders machen. Aber man sollte etwas machen, das nicht reproduzierbar ist.“

Die Arbeit mit dem alten Holz, das er vor der Vernichtung rettet, ist dankbare Arbeit, erzählt Philipp Wiedemann. „Es gibt unter Handwerkern den Spruch ‚the last screw fucks it up‘ – der letzte Handgriff macht dir die Arbeit kaputt. Das ist sowas wie ein Naturgesetz.“ Aber mit dem alten Holz sei ihm das noch nie passiert. „Ich denke mir, wenn du jahrelang eine alte Eichendiele gewesen bist und lauter Menschen über dich drüber getrampelt sind, dann freust du dich vielleicht, wenn du ein Tisch sein darfst, an dem sich Menschen treffen und nette Gespräche führen. Dann machst du nicht so viele Probleme“, lacht der 34-Jährige, der schon mit einem Hammer im Kinderwagen lag.

Mit drei bekam der Möbelmacher seine erste Werkbank. „Auch wenn mir damals niemand gezeigt hat, wie es geht, hat mich das Handwerkliche doch immer begleitet“, erzählt er. Dass aus der kindlichen Begeisterung einmal ein Beruf werden sollte, war zunächst jedoch nicht abzusehen. Nach der Schule machte er erst mal eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann beim Skater-Ausstatter Titus in Münster. Doch fürs ganze Leben konnte er sich diesen Job nicht vorstellen – allerdings auch nicht, was danach kommen sollte. Also packte er seine Sachen, zog nach Hamburg und begann, in einer Kneipe zu arbeiten, bevor ihn einer seiner Stammgäste hinter der Bar hervorholte. „Du hast doch bestimmt keinen Bock mehr hier drauf“, meinte der und engagierte ihn in seiner Tischlerwerkstatt.

Kunst und Design

Ein befreundeter Galerist rief eines Tages an, weil eine Künstlerin Hilfe bei der Installation eines Objektes brauchte. Wiedemann fuhr nach Berlin und half beim Aufbau. Die besagte Künstlerin war keine geringere als Sarah Oppenheimer. Sein handwerkliches Geschick überzeugte die Künstlerin und sie engagierte ihn als ihren technischen Assistenten. Dann folgten Aufträge für große Kunden wie den Chef der Designhotels Klaus Sendlinger in Tulum, wo Wiedemann den Innenausbau des Musterhauses für eine komplette Hotelanlage übernahm. In Tim Mälzers Hamburger Restaurant Bullerei hängt ein Kronleuchter aus Beilen, den Wiedemann gebaut hat.

„Liebe, Tod und Schwachsinn“, sagt der Möbeldesigner. „Wenn ich drei Worte hätte, um das Wichtigste bei meiner Arbeit zu beschrieben, dann wären es diese.“ Der liebevolle Umgang mit dem Material und die Liebe zum Detail sind ein wesentlicher Aspekt. „Aber meine Arbeiten haben auch immer etwas Morbides“, sagt er. „Bei diesem Tisch hier, da hatte ich bei der Arbeit tatsächlich das Ochsenblut an den Händen.“ Und der Schwachsinn, der sei ganz wichtig für die Arbeit, lacht er und erzählt von seiner Arbeit für das Hubert im Wedding, für das er den Innenausbau machte. Der Laden wünschte sich einen Stopper. Also baute Philipp Wiedemann eine Vogelkirche und hängte sie in den Baum vor dem Café. „Vor allem Omas finden das toll“, verrät er. „Die Kinder bleiben stehen und fragen, was das ist. Dann müssen die Erwachsenen erklären, dass Vögel ja auch eine Kirche brauchen“, schmunzelt er. „Ich finde es immer gut, wenn ich Zuspruch von Menschen bekomme, die nichts mit der Designkultur zu tun haben. Wenn man es zum Beispiel schafft, Kinder von einem Raum zu begeistern, ist das ein ganz tolles Kompliment.“

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Foto Galerie

Möbel mit Seele und Patina, Winsstraße, 10405 Berlin

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