Berliner Persönlichkeiten zeigen ihren Kiez

Hagen Stoll: Zwischen den Welten

Hagen Stoll: Zwischen den Welten
Rocker Hagen Stoll mit seinem Buch "So fühlt sich Leben an".
Vom Marzahner Rapper zum rockenden Friedrichshainer mit Haus in Brandenburg: Der Musiker Hagen Stoll, bei vielen Hip Hop-Fans besser unter dem Pseudonym Joe Rilla bekannt, hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Mit QIEZ hat der Gründer der Band Haudegen über seine Heimat Marzahn, das trubelige Friedrichshain und seine erfolgreiche Biografie "So fühlt sich Leben an" gesprochen.

„Dieses Buch zu schreiben, das war für mich so eine Art Selbsttherapie bei der ich gleichzeitig Arzt und Patient sein konnte“, so der Sänger der Band Haudegen bei unserem Treffen in der Blechbilderbar im Friedrichshain. Seit vier Jahren betreibt Hagen Stoll zusammen mit seinem Jugendfreund und Bandkollegen Sven Gillert in der Wühlischstraße gleich um die Ecke das Tattoo-Studio „Flügel & Schwert“. Bereits ein halbes Jahr nach der Eröffnung begann Stoll mit der Arbeit an seiner erfolgreichen Autobiografie, die im Februar 2013 auf den Markt kam.

In seinem Buch verarbeitet Stoll die Beziehung zu seinem häufig abwesenden Vater sowie seine Jugend- und frühen Erwachsenenjahre im Marzahner Plattenbau. „Nach der Wende ist die soziale Lage in Marzahn gekippt“, erinnert sich Stoll, dessen Eltern 1980 in eine der für damalige Verhältnisse luxuriösen Plattenbauwohnungen zogen. „Ich bin total dankbar für die Wende und genieße die Freiheit die sie uns gebracht hat – doch in Marzahn hat sich in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung vieles zum Schlechteren gewandelt“, so Stoll. „Viele denken, die in Marzahn geborenen Rapper würden maßlos übertreiben. Aber wer einmal wirklich da gewesen ist und so wie ich ein Kind im Winter nackig und allein auf der Straße hat stehen sehen, der weiß was für Zustände dort herrschen.“

Heute sei in Marzahn zwar dank vieler Grünflächen nicht mehr alles Grau in Grau, doch die Menschen könne man durch die Sanierungsmaßnahmen nicht verändern, so Stoll. Für viele Bewohner des Bezirks stelle das Eastgate den einzigen Ort zum Ausgehen und Leute treffen dar. „In der großen Masse an Menschen, die in den Plattenbauten leben, igeln sich viele einfach ein und kommen nicht mehr raus. Sven und mir ist es nur gelungen wegzugehen, weil wir den Willen hatten, die Massenhaltung zu durchbrechen“, so Stoll. Gemeinsam mit Gillert rief der Sänger kurze Zeit nach seinem 2006 endgültig erfolgten Wegzug aus Marzahn die Deutschrockband Haudegen ins Leben.

In Marzahn zu Hause, im Friedrichshain unterwegs

Derzeit pendelt der Vater einer 9-jährigen Tocher und eines  5-jährigen Sohnes zwischen seinem „Familiensitz“ in Brandenburg und dem Friedrichshain hin und her. Obwohl Marzahn laut Stoll noch immer sein Zuhause ist und der ehemalige Rapper sogar überlegt, sich in Alt-Marzahn eine alte Scheune zu kaufen, fühlt er sich im Friedrichshain wohl. „Die Lebendigkeit im Kiez ist einfach unglaublich inspirierend“, so Stoll, der den Zuzug von außen nicht als Problem wahrnimmt. „Hier sollte niemand so tun, als würde ihm die Gehwegplatte gehören, der Wandel gehört einfach zu Berlin“, betont der Musiker.

Auch die Gentrifizierung  stellt für ihn nicht zwangsläufig eine Bedrohung dar: „Klar – für die Alteingesessenen, die sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können, ist das hart. Doch eigentlich gibt es in der Stadt noch immer viele Freiräume und irgendeine Option besteht immer“, so Stoll, der mit dem Mut zum Wandel Erfahrung hat. Der ehemalige Rapper fühlte sich mit seinen Texten von den jungen Hip Hop-Fans  irgendwann „nicht mehr verstanden“ und wandte sich musikalisch dem Deutsch-Rock zu. Mit Erfolg: „Heute signiere ich ein Buch für Reinhard May und bekomme SMS von Ben Becker“, schmunzelt Stoll.

An Berlin und seinem Friedrichshainer Kiez liebt der Haudegen-Frontmann vor allem den multikulturellen Mix – und die leckeren internationalen Restaurants. Besonders gern probiert Hagen Stoll beispielsweise die Tapas im Senti Restaurant in Kreuzberg oder das „super leckere Essen“ im mexikanischen Restaurant La Paz. Auch den „Lieblingsitaliener“ seiner Tochter, das Due di Coppe in der Schlesischen Straße, kann Hagen Stoll empfehlen. Am allerliebsten verbringt der Musiker seine Freizeit allerdings im Treptower Park: „Dort ist einfach alles was ich brauche – viel Platz, nette Leute und eine entspannte Stimmung.“ Auch dem Spreeufer und vor allem dem Oststrand stattet Hagen Stoll – häufig in Begleitung seines Hundes – gerne einen Besuch ab.

Hagen Stolls Buch „So fühlt sich Leben an“ ist zum Preis von 12,99 Euro im Buchhandel und online erhältlich. Im Haudegen Shop gibt es für Fans außerdem das „Große Fanpaket“ mit Buch, Holzbox und Lesezeichen.

 

Tattoostudio "Flügel und Schwert", Wühlischstraße 19, 10245 Berlin

Telefon 0171 5822037

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