Nachbarschaftsheim Schöneberg

Hilfe im Kiez

Viele Senioren in Berlin leben allein. 38 Nachbarschaftsheime im ganzen Stadtgebiet stehen ihnen mit Rat und Hilfe zur Seite.
Viele Senioren in Berlin leben allein. 38 Nachbarschaftsheime im ganzen Stadtgebiet stehen ihnen mit Rat und Hilfe zur Seite.
Das Nachbarschaftsheim Schöneberg ist die größte Einrichtung ihrer Art im Stadtgebiet. Vor allem für alte Menschen ist die Betreuung durch die rund 1600 ehrenamtlichen Helfer von großer Bedeutung.

Für unseriöse Geschäftemacher sind ältere Menschen wie der 71jährige Wolfgang Richter oft ein gefundenes Fressen. Ein zu voreiliges „Ja?“ am Telefon kann schnell zur Falle werden. Dies gilt kommerziellen Anrufern „oft schon als Vertragsabschluss“, erklärt Rainer Jahns. Seit einem Jahr unterstützt er Richter und dessen Frau Ursemarie ehrenamtlich beim Kampf gegen „dubiose Firmen“, die den Rentner immer wieder für sich zu gewinnen versuchten – leider häufig mit Erfolg. Doch zahlreiche Abmahnungen konnten Abhilfe schaffen. Heute wendet Richter lediglich noch ein paar Euro fürs Lottospiel auf.

Einmal pro Woche unterstützt Jahns das in Lichterfelde lebende Ehepaar Richter beim anfallenden Papierkram. Ob Stromzählerstand, Versicherungsfragen oder Steuererklärung – der ehrenamtliche Helfer weiß in allen Fragen Rat. Seit acht Jahren ist er für den Cura-Betreuungsverein vom Nachbarschaftsheim Schöneberg im Einsatz. Die Einrichtung ist mit 900 festen und 250 freien Mitarbeitern sowie 1600 ehrenamtlich Engagierten die größte Nachbarschaftsorganisation in Berlin.

Ein Treffpunkt für alle

Das Nachbarschaftsheim unterstützt vor allem arbeitslose, gesundheitlich angeschlagene oder alt gewordene Schöneberger. Doch auch „wenn man kein Problem hat“, ist man in den angeschlossenen Häusern gerne gesehen, so der seit 1978 aktive Geschäftsführer des Nachbarschaftsheims Schöneberg Georg Zinner. „Wir sind sozial und kulturell ausgerichtet.“ Neben ambulanten Pflegeleistungen werden zum Beispiel auch Kitas, Computer-Kurse oder Chöre finanziert und organisiert.

Als Zinner seine Tätigkeit in Schöneberg aufnahm, hatte er „keine zehn Mitarbeiter“. Heute wirtschaftet er mit einem Etat von 30 Millionen Euro. Nur 10 Prozent der Summe sind Fördergelder oder Unterstützung durch den Senat, den Hauptteil der Gelder erwirtschaftet das Nachbarschaftsheim aus eigener Kraft. Noch im vergangenen Jahr organisierten sich die knapp 40 Nachbarschaftsheime und Stadtteilzentren der Hauptstadt auf Länderebene, nun gehören sie dem deutschlandweiten „Verband für sozial-kulturelle Arbeit“ an.

Den Cura Betreuungsverein stellte das Nachbarschaftsheim Schöneberg bereits vor zwei Jahrzehnten auf die Beine. Rechtsexperte Jahns will über die genaue Anzahl der durch ihn betreuten Personen keine Auskunft geben. „Einige“, sagt er nur. Alte Menschen sind darunter, aber auch Suchtkranke oder psychisch labile Klienten. Sein wohl berühmtester Schützling war „Molly Luft“, die „dickste Hure Deutschlands“. Sich einen ersten Überblick über die finanzielle und rechtliche Lage seiner Klienten zu verschaffen, sei der zeitaufwändigste Schritt, so Jahns. Später muss er nur noch etwa 15 Minuten wöchentlich für jeden Fall aufwenden.

Hilfe für alte Menschen

Das Ehepaar Richter wird in seiner Wohnung von einer Putzkraft, einem Pflege- und Essensdienst sowie einer Nachbarin betreut. Zwei Töchter haben sie auch, doch die leben außerhalb Berlins. Wolfgang und Ursemarie Richter verlassen ihre Wohnung nur noch selten. „Gibt es Post?“, ist eine der wichtigsten Fragen, die Jahns an diesem Morgen in ihrer Wohnung stellt. Die Richters reichen ihm die Heizkostenrechnung.

Auch in Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf ist der Cura-Verein aktiv. Durch seine Lage in Friedenau kann das Nachbarschaftsheim in den angrenzenden Bezirken tätig werden. Der Einsatz der Bürger sei der größte Rückhalt seiner Einrichtung, betont Zinner. Noch bevor staatliche Stellen von Veränderungen erführen, könnte das Nachbarschaftsheim aktiv werden. „Wie sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern, so müssen wir uns weiterentwickeln“, so Zinner.

Rainer Jahn beobachtet, dass alte Menschen zu oft sich selbst überlassen werden. Die Sozialstation unterstützt ihn bei der Betreuung der Richters. Für Ursemarie hat Jahns kürzlich ein neues Bett mit elektronischer Hebevorrichtung beantragt. Dem schwerhörigen Wolfgang Richter besorgte er ein Gerät, das Lichtzeichen gibt, wenn es klingelt.  Den Abschiedsgruß ruft Jahns dem Rentner ins Ohr: „Bis nächste Woche“. Ursemarie Richter scheint enttäuscht zu sein. „Erst?“, gibt sie Jahns mit auf den Weg.


Quelle: Der Tagesspiegel

Nachbarschaftsheim Schöneberg, Holsteinische Str. 30-31, 12161 Berlin

Telefon 030 85995110
Fax 85995111

Webseite öffnen

Weitere Artikel zum Thema

Service
Generationenübergreifende Hilfe
Der Verein ALEP betreibt seit fast 25 Jahren Sozialarbeit und betreut Kinder und Jugendliche aus […]
Wohnen + Leben | Service
Der Berlkönig darf weiterfahren
Nach noch nicht einmal zwei Jahren Testbetrieb sollte der Berlkönig eigentlich schon im April wieder […]