Vom Treptower Park nach Friedrichshain

Neubau A100: Wer wohnt auf der künftigen Autobahntrasse?

Neubau A100: Wer wohnt auf der künftigen Autobahntrasse?
Das Kraftwerk im Osthafen beherbergte vorübergehend die Redaktionsräume der Tageszeitung "Neues Deutschland" und danach eine Werbeagentur. Bald könnte es dem Autobahnbau zum Opfer fallen.
Neubauten? Gibt’s nicht – nur Gestrüpp, Trash, Clubs. Denn hier soll die A 100 entstehen. Ein Spaziergang über die künftige Trasse. Und Antworten auf die Frage, was alles abgerissen werden müsste.

Von seiner Bauwagen-Terrasse hat Oskar einen unverbauten Blick auf das, was mal Stadtring werden soll. Autobahn 100, 17. Bauabschnitt, Treptower Park bis Frankfurter Allee. Jetzt ist alles grün und menschenleer, ab vielleicht 2030 dröhnen hier zehntausende Autos über den Asphalt. Eine irrwitzge Vorstellung, findet Oskar, der sich einen schöneren Lebens- und Arbeitsplatz nicht vorstellen kann.

Ob jemals gebaut wird oder nicht, entscheidet die Politik. SPD-Senator Andreas Geisel (SPD) will „den Ring schließen“, die CDU auch, die SPD ist uneins, die Opposition dagegen. Unterdessen haben sich die Anwohner auf der geplanten Trasse mit der Ungewissheit arrangiert. Nachdem in den 90er Jahren konkrete Pläne vorgestellt worden waren, geriet das Projekt langsam in Vergessenheit. Auch, weil sich der 16. Bauabschnitt wegen des politischen Streits in der SPD verzögerte.

Die Trasse für die Autobahn ist ein Fenster in die Vergangenheit, hier ist Berlin noch so chaotisch, trashig und autonom wie in den frühen 90er Jahren. Seitdem gilt ein Planungsvorbehalt, das heißt, es darf nichts gebaut werden, was nicht bis 2020 wieder verschwinden kann.

Laubenkolonie bis 2018

Oskar hat seinen Bauwagen auf der Betriebsfläche eines ehemaligen Büromöbelkombinats am Markgrafendamm abgestellt. Ein Verein hat die Fläche vom Bezirksamt gepachtet, seit rund 20 Jahren, sagen die Nutzer. „War früher ein Kulturprojekt“, jetzt wird nur noch an der eigenen Existenz geschraubt. Überall stehen alte Lastwagen, Wohnwagen und Bretterbuden, eine alternative Laubenkolonie auf Betonpflaster. „Der Pachtvertrag läuft noch bis 2018.“ Hier würde sich die Autobahn langsam in den Untergrund bohren, damit sie am Ostkreuz unter der Erde verschwinden kann.

Die 17. Autobahn-Verlängerung beginnt am Treptower Park und überspannt zwischen Elsen- und Ringbahnbrücke die Spree. Am Friedrichshainer Ufer müssten mindestens zwei Häuser abgerissen werden, das ehemalige Druckhaus des Neuen Deutschland und das Wohnhaus Alt Stralau 70. Der grüne Verkehrsexperte Harald Moritz sieht die gesamte Bebauung am Markgrafendamm „unter Vorbehalt“.

Abrisse wird es auch dort geben, wo die Autobahn wieder an die Oberfläche kommt. Ob Häuser an der Gürtelstraße betroffen sind, ist unklar. In Berichten aus den 90er Jahren war von zehn Abrisshäusern die Rede. Die Bauverwaltung erklärt, aus der vorliegenden Machbarkeitsstudie, erstellt von 1997 bis 1999, könne nicht abgeleitet werden, „welche Gebäude tatsächlich dafür abgerissen werden müssen“.

Das Lichtenberger Gewerbegebiet am Wiesenweg/Wartenbergstraße, umschlossen von Bahntrassen, mit vielen kleinen Remisen aus den 20er Jahren, ist „planungsbefangen“, sagt der Lichtenberger Baustadtrat Wilfried Nünthel (CDU). Drei Wohnhäuser sind nur noch Ruinen. Selbst wenn die Eigentümer sie instandsetzen wollten, bekämen sie dafür keine Genehmigung. An der Wilhelm-Guddorf-Straße würde die Autobahn zwischen einem elfstöckigen Wohnblock und dem Bahndamm verlaufen. „Die Aufgänge Sechs bis Zehn sollten verschwinden“, erzählt ein Rentner, der sich an die Planungen der 90er Jahre erinnert.

Clubs als Zwischennutzer

Dass hier alles unter Vorbehalt steht, ist für die Clubszene ein Segen. Am Wiesenweg hat sich der Club Kosmonaut angesiedelt, im Haus Markgrafendamm/Alt Stralau ist „Zur wilden Renate“ zuhause, das Druckereigebäude an der Elsenbrücke baut sich Club Magdalena gerade zurecht. Die Strandbar unter der künftigen Autobahnbrücke soll schon geöffnet haben. Auf der anderen Spreeseite hat sich Club Else in den engen Raum zwischen Bahntrasse und Brücke gezwängt.

Reinhard Vogel, der am Markgrafendamm Gewerbeflächen vermarktet, ist von den Clubs weniger begeistert. Die könnten Grundstücksmieten bezahlen, die sich keine Autowerkstatt leisten könne – trotz der Autobahnplanung. Auch im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hätten die Clubs mehr Fürsprecher als klassische Unternehmer. Gegen die Verkehrsplaner im Senat wird die Clubszene aber kaum obsiegen. Die Mietverträge sind allesamt befristet.

Auch die Bauwagenszene gibt sich nicht sehr kämpferisch. Das Problem: „Das Gelände ist damals nicht besetzt worden“, sondern legal gepachtet, sagt ein Schrauber mit Irokesenfrisur. Somit fehlt die antikapitalistische Grundstimmung. Oskar engagiert sich „netzpolitisch“, mit Verkehrsfragen hat er sich bislang kaum beschäftigt. Harald Moritz hat erstmal Fragebögen unter den Anwohnern verteilt, rund 1000 Stück, um herauszufinden, was die Leute so denken.

Im Haus Markgrafendamm 12 sagt Mieterin Nadja Tiegs: „Autobahn? Woll’n wa nich.“ Wirklich ernst werde das Projekt im Haus aber nicht genommen. „Zu weit weg“, findet auch ein Werkstattbetreiber am Kietzer Weg. Aber irgendwann werde die A 100 kommen, glaubt er.


Quelle: Der Tagesspiegel

Neubau A100: Wer wohnt auf der künftigen Autobahntrasse?, Elsenbrücke, Berlin
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