Fußball war sein Leben, Hertha-Star Hanne Sobek sein Idol. Simon Mandel kickte in seiner Kindheit nur wenige Meter von seinem Zuhause entfernt, bei „Bar Kochba Berlin“ – einem der Vereine unter dem Dach des jüdischen Sportverbunds Makkabi. Gespielt wurde in einer Turnhalle in der heutigen Kollwitzstraße am Senefelderplatz, bis die Nazis den Riegel vorschoben. Das war Ende der 1930er-Jahre. Von der Turnhalle, die an dieser Stelle stand, ist heute nichts mehr zu sehen. Ein grauer Wohnblock steht dort, daneben ein düsteres Lokal. Dass sich hier und rund um den Kollwitzplatz in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts viel jüdisches Leben abspielte, ist heute schwer vorzustellen.
„Wir wollten Geschichten aus dem Alltag erzählen, auch um deutlich zu machen, dass es vor 1933 ein vielfältiges jüdisches Leben gegeben hat, das heute so nicht mehr sichtbar ist“, erklärt Vera Henßler. Sie ist eine der Verantwortlichen für das Projekt aus dem Arbeitskreis Historisch-politische Bildung. Inhaltlich und finanziell hat das Museum Pankow das Projekt unterstützt. Anfänglich war Museumsleiter Bernt Roder noch skeptisch – diese Art, Geschichte zu vermitteln, war doch sehr ungewohnt. Jetzt ist er überzeugt: „Die App ist eine sinnvolle Möglichkeit, auch junge Leute zu erreichen und neue Zugänge zur Geschichte zu schaffen.“
Die Geschichten sind sehr weit weg von dem heutigen Kiez
Die App führt den Hörer auch an Orte im Kiez, an denen das jüdische Leben heute noch erfahrbar ist. Da ist der jüdische Friedhof in der Schönhauser Allee, die Synagoge oder die jüdische Volksschule in der Rykestraße, die mehrere der Zeitzeugen in Kindertagen besuchten. Noch heute werden in diesem Gebäude Kinder in der jüdischen Lauder Beth-Zion Schule unterrichtet.
Das Ziel der Audio-Tour ist es, die Geschichten vom jüdischen Leben in Prenzlauer Berg mit dem heutigen Stadtbild zu konfrontieren. Es bleibt aber leider bei einer Konfrontation. Vielmehr als die Erkenntnis, dass die Geschichten im Ohr ganz weit weg von dem sind, was man heute dort sieht, bleibt nach der Audio-Tour nicht hängen. Das ist schade, weil die Erzählungen spannend sind und einen Teil des jüdisches Lebens zeigen, von dem man vorher noch nicht gehört hat. Aber vor einer derartig neuen Kulisse gelingt es nur sehr schwer, sich Simon Mandel und die anderen jüdischen Bewohner des Kollwitz-Kiezes vorzustellen.
Weitere Apps mit Informationen zum jüdischen Leben in Berlin: Kudamm ’31, Storytude, Kenny, Yopegu, Orte jüdischen Lebens Berlin