Berliner Regierungsviertel

Keine Cola, nirgends

Viel Platz hat  Regierungsviertel zwar zu bieten, doch wer gastronomische Angebote oder lebendige Kultur sucht, ist hier leider falsch.
Viel Platz hat  Regierungsviertel zwar zu bieten, doch wer gastronomische Angebote oder lebendige Kultur sucht, ist hier leider falsch.
Moderne Architektur und viele Freiflächen sind alles, was das Berliner Regierungsviertel derzeit zu bieten hat. Nun bemüht sich auch die Politik verstärkt darum, Leben in das Herz der Hauptstadt zu bringen.

Für Grillwalker ist das Berliner Regierungsviertel ein Paradies. Giuseppe ist einer von ihnen und jedes Wochenende ist er im Dienst. Egal ob er am Reichstag oder vor dem Jakob-Kaiser-Haus steht, den hungrigen Touristen kommt er gerade recht. Denn zwischen den Parlamentsgebäuden am Ufer der Spree gibt es zwar viel zu sehen – doch nur wenig Gelegenheit zum Ausruhen, Entspannen und Genießen.

In dem Bemühen um einen weiteren architektonischen Höhepunkt in der Hauptstadt haben die Planer des Regierungsviertels vergessen, das Machtzentrum auch zu einem lebendigen Kiez zu machen. Egal ob Restaurants, Cafés, Galerien oder kleine Boutiquen, vieles suchen Touristen und Anwohner hier vergeblich. Allein Guiseppe stellt mit Brötchen und Wurst einen kleinen Snack für die Besucher bereit.

„Im Parlaments- und Regierungsviertel sollte man sich eigentlich eingeladen fühlen“, kritisieren Unzufriedene. Auch Regula Lüscher würde sich „eine urbane Atmosphäre“ wünschen. Die Senatsbaudirektorin will nun beim Bund Verbesserungen anregen.

Triste Einseitigkeit

Bereits vor einigen Wochen beklagte sich der neue Senator für Stadtentwicklung Michael Müller (SPD) bei Peter Ramsauer (CSU) über die Einseitigkeit im Berliner Parlamentsviertel. Gegenüber dem Bundesbauminister verlieh Müller dem Wunsch Ausdruck, man solle mehr Gebäude für das Publikum öffnen und Läden und Gastronomie im Erdgeschoss ansiedeln. Nun wollen Bund und Land in regelmäßig stattfindender Runde diskutieren, wie das Viertel belebt werden kann. Heute tritt Lüscher in der ersten Sitzung für die Interessen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ein.

Es besteht viel Gesprächsbedarf, das wird bei einem Rundgang durchs Regierungsviertes schnell klar. Der Wind pfeift zwischen den beeindruckenden Gebäuden hindurch und vielen Besuchern wird es recht schnell ungemütlich. So auch einer Schulklasse aus Kiel. „Jeder Architekt hat hier sein persönliches Glanzstück vollbracht – aber offensichtlich nur seinen Solitär im Auge gehabt“, stellt der Lehrer der auf Parkbänken verteilten Jugendlichen fest. Seine Schützlinge erfassen das Problem in knappen Worten: „Wieso gibt’s hier nirgendwo ’ne Cola zu kaufen?“

Ein quirliges Metropolen-Gefühl kommt in der Schaltzentrale der Macht nicht auf. Zwischen den Regierungsgebäuden mutet Berlin eher wie eine Kleinstadt an, in der früh die Bürgersteige hochgeklappt werden. Ob die akkurat gestutzte Wiese vor dem Reichstag, die unbeachtet vor sich hinsprudelnden Brunnen unweit des Paul-Löbe-Hauses, die kühlen Außenfassade an der Dorotheenstraße oder der sterile Zugang zum U-Bahnhof „Bundestag“ – sie alle lassen die Ödnis des Regierungsviertels noch deutlicher vor Augen treten. Die Flagge der Schweizer Botschaft scheint der einzige Lichtblick in einem Meer aus Stahl, Glas und Beton zu sein.

Bilder aus dem Herzen der Hauptstadt:

Eine Service-Wüste

Zwar ist die Großstadtkulisse am Spreeufer durchaus beeindruckend und die sonnenbeschienenen Kaimauern unweit des Reichstags laden zum Staunen und Verweilen ein – doch auch hier fehlt von einem Café oder der Sonnenterrasse eines familiären Restaurants jede Spur. Die Leere mag ihren Reiz haben – doch spätestens nach Sonnenuntergang kehren die Besucher dem Regierungsviertel den Rücken. Auch der einsame Musiker vor der Kita der Bundestagsmitarbeiter und der triste Zaun am Bildungsministerium verstärken das Gefühl der Trostlosigkeit.

In den 1992 vorgestellten Plänen zum sogenannten „Band des Bundes“ hatten die Architekten Schultes und Frank noch ein „Bürgerforum“ vor Augen, dass das Regierungsviertel mit verschiedenen öffentlichen Treffpunkten und Kultur beleben sollte. Allein der Bundespressestrand nahm 2003 die wegen knapper finanzieller Mittel verworfene Idee auf. Doch auch dieses innovative Konzept musste dem Bau eines neuen Ministeriums weichen.

Als 2010 die Pläne für die Schließung bekannt wurden, regte sich Widerstand. Der damalige Baustadtrat Ephraim Grothe (SPD) regte Verbesserungen bezüglich der Atmosphäre im Regierungsviertel an. So sollten etwa die Bibliothek des Bundestags für Studenten zugänglich gemacht, Bäume gepflanzt und Geschäfte im Bildungsministerium untergebracht werden. Bis Ende des vergangenen Jahres wurde der Bundespressestrand von der „Occupy“-Bewegung besetzt, dann mussten die Aktivisten weichen. Seit März bemüht sich nun die Fraktion der Grünen im Bundestag um ein „Konzept für mehr öffentliche Nutzungen im Regierungsviertel“. Ein erster Antrag wurde jedoch abgelehnt. Sicherheitsbedenken stünden einer stärkeren öffentlichen Nutzung des Viertels im Weg, so die Begründung.

Hohes Gefährdungspotenzial

Publikum und Sicherheit sind nach Angaben der CDU-Bundestagsfraktion kaum miteinander vereinbar. Trotzdem rechnet man mit positiven Veränderungen. Das neue Bildungsministerium etwa beweise, dass man sich um ein Entgegenkommen bemühe, so Bauexperte Peter Goetz (CDU). Auf dem Gelände wird auch das für die Öffentlichkeit zugängliche „Haus der Zukunft“ gebaut. Für Daniela Wagner ist das nicht genug. Die Grünen-Politikerin hat das Auswärtige Amt bei ihren Plänen für die zukünftige Gestaltung des Regierungsviertels vor Augen. Dort ist trotz der Sicherheitskontrollen ein Café entstanden, dass jährlich mehrere 10.000 Besucher anzieht. „Ähnlich könnte man auch den ‚Lampenladen‘ öffnen“, so Wagner. Die Kantine mit Spreeblick im Paul-Löbe-Haus dürfte sich schnell zu einem Publikumsmagneten entwickeln.

Für Baudirektorin Lüscher sind solche Pläne „Verhandlungssache“. Der Bund habe ein ausdrückliches Sondernutzungsrecht für die Gelände im Regierungsviertel. Doch man wolle sich für eine verstärkte öffentliche und kreative Nutzung einsetzen. Lüscher liegen vor allem die Brachflächen und in Bau befindlichen Projekte am Herzen. Ob im „Luisenblock“, am Humboldthafen oder in Moabit, auf vielen Flächen ist eine veränderte Herangehensweise möglich. „Dort kann man noch gestalten“, so die Senatsbaudirektorin. Auch bezahlbare Wohnungsneubauten würden einen lebendigen Kiez befördern.

Einen Lichtblick stellt schon heute der „Capital Beach“ gegenüber vom Hauptbahnhof dar. Dort können die Besucher des Regierungsviertels in Liegestühlen ihren Durst stillen und sich am Spreeufer von den Strapazen des Sightseeing erholen. Barchefin Jacqueline Bergmann ist zufrieden: „Unser Laden läuft gut .“


Quelle: Der Tagesspiegel

Capital Beach, Bettina-von-Arnim-Ufer, 10557 Berlin

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