Ost-West-Übergang Friedrichstraße

Bahnhof der Tränen

Bahnhof der Tränen
Der Tränenpalast auf dem Vorplatz zwischen Bahnhof Friedrichstraße und dem markanten Neubau Spree-Dreieck.
Der Bahnhof Friedrichstraße ist die absurdeste Station, die je in Berlin, ach was!, in Europa existiert hat. Ein neues Buch erzählt die Geschichte der Grenzgänger zwischen Ost- und West-Berlin.

Er war nachts hell erleuchtet, aber derart abgeschottet, dass man von außen nicht sehen durfte, was sich hinter den roten Klinkern und gelben Sichtblenden tat. Millionen haben ihn gemocht, aber auch gehasst, er hat niemanden kaltgelassen. Vom 13. August bis zum Mauerfall war der Bahnhof Friedrichstraße, den der Kaiser höchstselbst anno 1882 eingeweiht hatte, die seltsamste Bahnstation Europas und der absurdeste Bahnhof, den Berlin zu bieten hatte.

Er war Grenzstation am Schienenstrang, hier trafen West und Ost nicht nur auf den Gleisen aufeinander, sondern auch im Labyrinth in und unter den gewölbten Dächern der Halle. Hier wurden die Nerven von Reisenden auf eine harte Probe gestellt. Agenten gingen ein und aus, hier fingerte sich der Zoll durch persönliche Sachen. Im „Bahnhof der Tränen“ schlug einem das Herz bis zum Halse, wenn man von Ost nach West oder von West nach Ost wollte.

Über diesen emotionalsten Bahnhof der Teilung in Berlin gibt es jetzt ein Buch, in dem der Autor Philipp Springer auf 224 fleißig recherchierten Seiten nichts auslässt, was den S-, U- und Fernbahnhof Friedrichstraße für fast drei Jahrzehnte so einmalig machte. Gestern Abend wurde das Buch vorgestellt.

Zwischen Freude und Häme

Wie eine „Höllenpassage“ empfand Friedrich Luft, die „Stimme der Kritik“, die Reise durch das Labyrinth: „Ein machtbewusster, aber fast ekelhaft freundlicher Uniformierter nimmt uns unsere Papiere ab. Er sieht uns an, als wollte er uns durchdringen. Er weist uns an, zu verharren, reicht unsere Unterlagen in einen Verschlag, wo nun, geheimnisvoll und beängstigend, unser Einreisebegehr überprüft wird. Den Betroffenen, ob er will oder nicht, ergreift Angst“. Jene Spannung lag schon in der Luft, wenn man den 1962 errichteten gläsernen Anbau betrat. Seit Anfang der 1980er Jahre lassen sich Begriffe wie „Tränenbunker“, „Tränenpavillon“ und „Tränenpalast“ nachweisen, schreibt der Autor über die Bezeichnungen für die Ausreisehalle, wo die Abschiedstränen in unzählige Taschentücher flossen. „Sie konnten vieles bedeuten; Trauer und Freude, Lachen und Häme, Scham und Schmerz, Wut und Erleichterung.“

Der moderne Anbau mit seinen hohen Glasfenstern wurde am 3. Juli 1962 in Betrieb genommen, Reichsbahn-Architekt Horst Lüderitz musste in einer Nacht die Pläne fertigstellen, Eile war geboten für „eine moderne architektonische Gestaltung, die den ankommenden Reisenden die Kraft und Autorität der DDR und die siegreichen Ideen und die Überlegenheit des Sozialismus demonstrieren sollten“. In diesem Zusammenhang erinnert sich Projektleiter Günter Matzko an die Bauvorgaben: „Dem aus dem Westen durch einen dunklen Tunnel Kommenden sollte sich die Halle zum Licht hin öffnen, während der Ausreisende aus dem Licht in den dunklen Tunnel Richtung Westen geführt wurde.“

Helmut Kohl und Beschwerden bei Honecker

Diese rührende Bahnhofspoesie entwickelte DDR-Verkehrsminister Erwin Kramer. Der Alltag im Grenzbahnhof ist, bar aller Leichtigkeit, Routine für die, die dort arbeiteten, vom Reichsbahner über die Intershop-Verkäuferin, den Grenzsoldaten, der unter dem Dach der Halle seinen Sitz hatte oder der Passkontrolleur von der Stasi. Deren Hinterlassenschaft – Zeichnungen, Berichte und vor allem Fotos – sind wichtige Quellen und illustrieren die Erinnerung an einen profanen Bahnhof mit höchst seltenen wie seltsamen Eigenschaften.

Darüber erzählen 19 Zeit- und Ortszeugen, die vor den Schaltern standen oder hinter ihnen saßen, den Stempel in der einen Hand, während die andere diesen Knopf drückte, damit sich mit einem seltsamen Geknarre die nächste Tür öffnete – oder auch nicht. Wie bei Petra Kelly und Gert Bastian, die sich über ihr Einreiseverbot bei Erich Honecker beschwerten. Oder Helmut Kohl, der am 15. Januar 1978 mit seinem Büroleiter Horst Teltschik und dem CDU-Abgeordneten Philipp Jenninger am Bahnhof Friedrichstraße eintraf und nach 20 Minuten erfuhr: „Ihre Einreise ist zur Zeit nicht erwünscht“. „Na, das ist ja schön“, sagte Kohl und machte kehrt.

Von Agenten und falschen Pässen

Im ganzen Bahnhof waren 140 Kameras im Einsatz – selbst wenn sie gewollt hätten, durften sich die Kontrolleure keine der West-Illustrierten, die den Reisenden abgenommen wurden, unter den Nagel reißen, Big Brother war überall. Passkontrolleur Heinrich W. berichtete, dass seine Kollegen gefälschte Pässe am Papier „erfühlen“ konnten. Opfer waren sowjetische Agenten, die dann flugs eine Telefonnummer zeigten, die mit 53 begann – es war die Nummer der KGB-Zentrale in Karlshorst, die den Spion aus seiner Lage befreite (und einen neuen Pass ausstellte).

Es gab aber auch seltsame Geschichten: Eine Frau habe sich immer wieder an die Treppen im Westteil gestellt und dort lautstark eine halbe Stunde lang Volkslieder gesungen. Ein Mann sei regelmäßig nachts zur Einreise gekommen, habe sich hinter eine Tür gestellt und stundenlang mit wiegendem Körper das Wort „Tiritomba“ vor sich hin gesagt. Das Buch enthält viele Geschichten, von einem Bombenanschlag bis zu Fluchtversuchen, von Menschen, denen die Aufregung das Leben nahm.

Am 9. November 1989 war plötzlich alles anders. An der S-Bahn Richtung Lehrter Bahnhof stauten sich die Menschen. Lokführer Dieter Müller kam nicht in seinen überfüllten Führerstand, er musste an der dem Bahnsteig abgewandten Seite entlanglaufen und fragte die Fahrgäste: „Wollt ihr in den Westen?“ „Jaaaa!“ „Dann müsst ihr mich aber erst mal reinlassen, sonst fährt hier nichts“.

Philipp Springers „Bahnhof der Tränen“ aus dem Ch. Links Verlag kostet 19,90 Euro.


Quelle: Der Tagesspiegel

Bahnhof Friedrichstraße, Friedrichstraße 142, 10117 Berlin

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