Durch den Kiez

Franziska Giffey und die vielen Gesichter von Neukölln

Franziska Giffey und die vielen Gesichter von Neukölln
Franziska Giffey ist seit drei Jahren Bürgermeisterin und bundesweit auch ein wenig das Gesicht von Neukölln. Zur Foto-Galerie
Schon längst ist sie nicht mehr nur das Gesicht von Neukölln: Franziska Giffey wird Familienministerin in der neuen Bundesregierung. QIEZ war mit der SPD-Bürgermeisterin in ihrem Bezirk unterwegs – an Zukunftsorten und Schmuddelecken.

Wäre Neukölln doch nur immer so angenehm wie an diesem Februarmittag am Rathaus: Auf dessen Vorplatz strahlt die Sonne, die Gehwege sind belebt, ein Mann spielt goldene Statue und erhofft sich milde Gaben der Vorbeigehenden. Franziska Giffey, die wir soeben zu einem Kiezspaziergang abgeholt haben, kennt natürlich beide Seiten des Bezirks. Seit ziemlich genau drei Jahren ist sie seine Bürgermeisterin. Sie kann mit viel Enthusiasmus davon erzählen, was sich hier Spannendes entwickelt, scheut sich aber auch nicht davor, immer wieder die existierenden Missstände anzusprechen.

Es ist ein schöner Tag in Neukölln, aber kein guter. In der vorhergehenden Nacht wurden in den Ortsteilen Britz und Rudow zwei Autos angezündet. Eines gehörte dem Bezirkspolitiker Ferhat Ali Kocak von der Linken, eines dem Buchhändler Heinz Ostermann, der schon zum dritten Mal Opfer eines Anschlags geworden ist. Vermutlich, weil er sich gegen die rechtsextreme Szene engagiert, die gerade im Süden Neuköllns immer wieder von sich reden macht. Franziska Giffey hat an diesem Morgen bereits mit Ostermann telefoniert; wie die Polizei geht sie von rechtsextremen Tätern aus. Ein weiteres Problem in ihrem Bezirk, der in bundesweiten Medien vor allem dann vorkommt, wenn von kriminellen Familienclans die Rede ist. Die Welt am Sonntag schrieb kürzlich in einem Giffey-Porträt, Neukölln habe „Züge eines Problemviertels in Großstadtgröße“.

Karl-Marx-Straße: Einkaufsmeile, Verkehrsader und Baustelle.

Doch zunächst hat die Bürgermeisterin positive Neuigkeiten von der Karl-Marx-Straße zu vermelden. In dem ehemaligen C&A-Kaufhaus waren über zwei Jahre lang provisorisch Flüchtlinge untergebracht. Diese ziehen nun in eine neue Unterkunft in der Haarlemer Straße mit kleinen Wohneinheiten für Familien. Im Anschluss möchte der Besitzer des Gebäudes an der Karl-Marx-Straße dieses abreißen und neu bauen. Ein paar Schritte weiter steht die Alte Post seit Jahren leer, doch auch hier tut sich etwas, weiß Giffey. Ein Projektentwickler plant kleine Wohnungen, Coworking Spaces und Büros; ein Restaurant soll ebenfalls entstehen. In ein, zwei Jahren könnte wieder Leben in das markante Baudenkmal einkehren, hofft die Bürgermeisterin. Und auch im ehemaligen Leffers-Kaufhaus, derzeit ein Schnäppchen-Center, stehen Veränderungen an. Hier sind Büros, Coworking Spaces und neue Läden vorgesehen.

Bauarbeiten und Schmutzfinken

„Wir sind sehr froh, dass hier investiert wird und eine neue Nutzung die Straße belebt“, sagt Giffey. Passend dazu wird die Karl-Marx-Straße gerade in mehreren Abschnitten saniert. Die jahrelangen Bauarbeiten sind eine große Belastung für die ansässigen Geschäftsinhaber, die in der Zwischenzeit vom City Management Karl-Marx-Straße unterstützt werden. Ende März und damit etwas später als geplant soll der aktuelle Abschnitt zwischen Uthmann- und Briesestraße fertig sein. Im Anschluss folgt das letzte Stück bis zur Weichselstraße. Franziska Giffey wirbt um Verständnis für die lange Bauzeit. Schließlich würden nicht nur der Asphalt ausgebessert, sondern auch die Decken der U-Bahntunnel sowie alle Leitungen saniert – und das bei laufendem Verkehr. „Das ist wie eine Operation am offenen Herzen. Da können Sie auch nicht mal kurz ausschalten“, so Giffey.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht, heißt es. Die Bezirksbürgermeisterin hat den Spaß an der Arbeit nicht verloren, doch manchmal ist es mühsam, die gute Laune zu bewahren. Wir biegen in die Neckarstraße ein. Letztes Jahr wurden hier Bordsteine abgesenkt, Bäumchen gepflanzt, der Belag erneuert, um die Straße familienfreundlicher zu machen. Doch zumindest auf der einen Seite sammelt sich stattdessen Sperrmüll: ein kaputter Fernseher, eine Matratze, ein Einkaufswagen mit leeren Flaschen, dazu Hundekot. Neukölln schickte als erster Bezirk private „Müll-Sheriffs“ auf die Straßen, um Müllsünder häufiger auf frischer Tat zu ertappen. Die Bürgermeisterin zitiert erste Erfolge der Maßnahme, aber die Realität in der Neckarstraße sieht heute trist aus. „Sie können noch so viele Ordnungsamtsmitarbeiter losschicken, die Leute müssen selber umdenken und auf die Idee kommen: Sowas macht man nicht“, findet sie. Ohne soziale Kontrolle sei das aber schwierig.

Nächstes Beispiel: Der vor wenigen Jahren neu geschaffene Treppenaufgang zwischen der Neckarstraße und dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei sowie dem dahinter liegenden Rollbergviertel. Die Wände am Aufgang sind in viele kleine Abschnitte aufgeteilt, die von Kindern und Schülern künstlerisch gestaltet wurden. Nun ist der Großteil von ihnen besprüht oder mit Farbbomben bekleckst. Selbst wer nichts gegen Graffiti und ein bisschen Dreck hat: Bei solch sinnlosem Zerstörungsdrang kommt man nicht mehr mit. Es ist eines der Themen, die Franziska Giffey umtreiben und an Orten wie diesem versteht man warum.

Da gehen wir jetzt hoch: Treppenaufgang zum Kindl-Gelände.

Die Zukunft ist Vielfalt

Die Treppe an sich ist jedoch eine tolle Sache und als wir im Sonnenschein oben auf dem Kindl-Gelände stehen, ist auch die Bürgermeisterin schnell wieder positiv gestimmt. Sie zückt ihr Telefon, um ein Foto vom Zentrum für zeitgenössische Kunst zu machen, dem inzwischen sanierten Brauereigebäude. Ein Passant macht Giffey ein Kompliment für ihre Arbeit und dann treffen wir noch Nils Heins. Der sorgt zusammen mit Wilko Bereit dafür, dass die Brautradition an diesem Standort bestehen bleibt. Mit ihrem Team betreiben die beiden die Rollberg Brauerei und stellen seit 2009 handwerklich gebrautes Bier her, als der Begriff Craft Beer noch kein Trendwort war. Giffey und Heins kennen sich und plauschen ein wenig über die Nachbarschaft.

Noch ist auf dem Gelände viel Platz. Bald wird laut der Bürgermeisterin der Verein Global Village hier sein Eine-Welt-Zentrum errichten. Mit Platz für Projekte und NGOs, die sich mit globaler Zusammenarbeit und Nachhaltigkeit beschäftigen. Das CRCLR House ist schon da, eine Art Thinktank für zirkuläres Wirtschaften – also möglichst umfassendes Recycling. Franziska Giffey findet die Ecke rund um das Kindl-Areal ohnehin spannend: „Sie haben an dieser Stelle alles, was [in Neukölln] an unterschiedlichen Welten aufeinanderprallt.“ Jenseits des Zentrums für zeitgenössische Kunst erblicken wir mehrstöckige neue Stadthäuser mit Eigentumswohnungen. Dahinter steht das Jobcenter Neukölln, das größte in Deutschland. Im Süden liegt das Rollbergviertel, einer der größten sozialen Brennpunkte im Bezirk. In der architektonisch fragwürdigen Siedlung aus den Siebzigern lebt ein sehr hoher Anteil von Menschen in „sozial schwierigsten Verhältnissen“, so Giffey.

Der Bürgermeisterin bleibt jetzt noch Zeit, uns kurz das König Otto zu zeigen – das Café im Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst. Oder besser gesagt Kafenion, denn es wird von der griechischstämmigen Wirtin Nikoletta Bousdoukou betrieben. Neben Kupferkesseln könne man hier im alten Brauerei-Flair „tolle vegetarische Küche“ genießen, sagt Giffey. Allzu oft dürfte sie nicht dazu kommen – die Freizeit ist begrenzt als Rathauschefin. Der nächste Termin wartet. Als Bundesministerin würde sich daran wohl kaum etwas ändern – Der Tagesspiegel berichtete jüngst, dass ihr Name in diesem Zusammenhang gefallen sei. Während Franziska Giffey mit dem Wagen abgeholt wird, haben wir nach rund 70 Minuten Kiezspaziergang mit ihr den Eindruck, Neukölln wieder ein bisschen besser zu verstehen. Als wir etwas später zum Rathaus zurückkehren, nimmt der goldene Mann gerade seine Maske ab und wird von zwei Mitarbeiterinnen des Ordnungsamts kontrolliert.

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KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Am Sudhaus, 12053 Berlin

Telefon 030 832159120

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