Prachttomate in Gefahr

Neuköllns Betonwüste: Wohnungsbau statt Gemeinschaftsgarten?

Neuköllns Betonwüste: Wohnungsbau statt Gemeinschaftsgarten?
Eine grüne Oase mitten in der Stadt: Auch das Kita-Beet der "Großstadtgören" müsste dem Bagger weichen.
Letztes Jahr wurde eine Teilfläche des Gemeinschaftsgartens Prachttomate verkauft, nun sollen dort Eigentumswohnungen entstehen. Die Mitglieder fordern den Bezirk auf, das zu verhindern – ihre Chancen stehen schlecht. Leider. Ein Kommentar zur Lage.

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich am Gemeinschaftsgarten Prachttomate vorbeilaufe. Denn auch wenn ich schon seit Ewigkeiten plane, dort endlich mal persönlich mit anzupacken, mag ich diesen vor Kreativität und bunten Pflanzen strotzenden Ort. Vor sechs Jahren verwandelten die Bewohner des Neuköllner Rollbergkiezes den ehemaligen Müllplatz in eine kleine Oase inmitten der städtischen Betonwüste. Hier gibt es nicht nur seltene Obst- und Gemüsesorten und Bienenstöcke, es finden auch viele Veranstaltungen für den Kiez statt: zum Beispiel Filme im Open-Air Kino, Feste mit Live-Bands, ein Tausch- und Schenkmarkt und Workshops unter anderem für Schulkinder. Was nun auf dem verkauften Drittel der circa 1.800 Quadratmeter großen Fläche entstehen soll: nicht etwa sozialer Wohnungsbau, sondern Eigentumswohnungen. Hat der Ausverkauf des Bezirks nun offiziell begonnen?

Die Mitglieder der Prachttomate befürchten, dass dieser Verkauf erst der Anfang ist und später auch die beiden anderen Gartenstücke verkauft werden. Das wäre das Ende dieser kleinen Utopie in Neukölln. Bereits jetzt verlöre der Gemeinschaftsgarten durch den Verkauf die Hochbeete und die Gärten einer Kita sowie ein Workshop-Projekt mit Schulkindern. Deshalb schrieben die Mitglieder einen offenen Brief an den Senat mit der Forderung, dieser solle sein Vorkaufsrecht wahrnehmen, um die Prachttomate zu retten. Dafür müsste der Senat das bereits verkaufte Areal sowie das zweite 200 Quadratmeter große Teilstück kaufen, das derzeit in privater Hand ist.

Der Bezirk hat nun bis circa 18. März – die genaue Frist wissen nicht einmal die Gründer der Prachttomate – die Möglichkeit, dieses Vorkaufsrecht wahrzunehmen und ein Zeichen zu setzen, wie Neukölln in Zukunft aussehen soll: Weiterhin ein offener, bunter Bezirk mit Nationen aus aller Welt, in dem es noch bezahlbaren Raum für Selbstverwirklichung und Gemeinschaft in sozialen Projekten gibt. Oder ein Trend-Bezirk mit schicken Eigentumswohnungen, der langsam aber sicher alle Shisha-Bars, türkischen Lebensmittelläden und Eckkneipen verdrängt. Schon jetzt stiegen die Mieten in Neukölln 2017 berlinweit am stärksten.

Ist Wohn- wichtiger als Freiraum?

Doch die Chancen für die Prachttomate stehen schlecht: Einen siebenstelligen Betrag würde der Kauf des Teilareals der Prachttomate kosten, auch mit Vorkaufsrecht – das übersteigt laut Jochen Biedermann, Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, die Möglichkeiten des Bezirks. Stattdessen sucht Biedermann einen Kompromiss für beide Seiten: So sei mit den Käufern abgemacht, den hinteren Teil der verkauften Fläche für die Prachttomate zu reservieren, die damit ein dauerhaftes Bleiberecht bekäme, statt immer nur eine Zwischennutzung zu erhalten. Doch mit diesem Konzept wäre die übrig bleibende Gartenfläche eher eine abgetrennte Grünfläche im Innenhof statt ein gemeinschaftlicher Garten.

Die Prachttomate dagegen will eine Kooperative, ein soziales Modellprojekt. So sagte uns der 53-jährige Mitgründer Thomas Herr: „Wir sind mit der aktuellen Lösung nicht glücklich und fühlen uns ausgebotet, dass der Bezirk das alleine plant.“ Bezirksstadtrat Biedermann sei zwar schon vor dem Verkauf bei ihnen gewesen und alle gemeinsam hätten über die Zukunft des Areals gesprochen, die Realität sieht aber ganz anders aus und kommt den Wünschen der Hobbygärtner nicht entgegen. Auch das Angebot Biedermanns, sich nach einem neuen Zuhause für den Gemeinschaftsgarten umzusehen, hilft da nicht viel. „Es ist schwierig, einen ganzen Garten zu verpflanzen. Wir müssten von null anfangen und wissen gar nicht, ob unsere Gärtner, die alle im Kiez wohnen, dann überhaupt noch mitmachen würden“, so Thomas Herr.

Nachrichten wie diese machen mich sehr traurig. Es gibt einen Grund, warum ich vor drei Jahren nach Neukölln gezogen bin: Weil der Bezirk roh, ehrlich und voller Leben ist, weil er so entspannt ist und nicht zuletzt, weil ich mir dort die Miete und – im Gegensatz zum Prenzlauer Berg – auch mal einen Café oder ein Bier mehr leisten kann. Mit Besorgnis sehe ich die Entwicklung im Kiez: Neue Cafés und Restaurants eröffnen mit einem für Neukölln untypisch hohen Preisniveau. Auch die Nachbarschaft ändert sich: Wohnten früher noch vier arabische Familien in meinem Haus, gibt es nun innerhalb von drei Jahren dort nur noch eine einzige.

 

Ein Beitrag geteilt von semisara (@semisara) am Mär 25, 2017 um 9:22 PDT

Das Kiez-Ökosystem darf nicht kippen

Natürlich freue ich mich auch über ein paar der neuen Entwicklungen im Bezirk: zum Beispiel, dass nicht mehr so viel Sperrmüll auf der Straße liegt, mal eine nette Bar wie das Herr Lindemann oder auch mal ein schöner Beautystore wie Lovely Day eröffnen. Es ist nicht per se etwas Schlechtes, dass der Kiez sich wandelt und sein buntes Gesicht eine andere Farbpalette annimmt. Aber das Gleichgewicht muss stimmen, das Ökosystem darf nicht zerstört werden, wie schon in anderen Bezirken wie Friedrichshain oder Prenzlauer Berg passiert. So nerven mich beispielsweise neue Läden wie das Karl says relax, wo junge Leute auf Berlin-Besuch, die nebenan im Karl-Marx-Hostel wohnen, ein Berlin-Hipster-Klischee und lieblose Fertigmuffins serviert bekommen – in einer künstlichen Kulisse der Gemütlichkeit, hinter der sich Profitgier versteckt.  

Das Gleichgewicht schwankt, wenn wichtige Orte des Austausches und der Begegnung der Neuköllner Gemeinschaft wie die Prachttomate verschwinden. Zum Beispiel musste gerade erst die alte Berliner Kneipe Zum Steckenpferd schließen, weil ihr Mietvertrag nicht verlängert wurde. Die Kneipe war viel mehr als ein Ort zum gemeinsamen Biertrinken – hier versammelten sich alte Berliner Urgesteine genauso wie junge Leute aus dem Kiez zum Karaoke-Singen. Hier probten Rock- oder Jazzbands, es gab Faschingsfeiern, Grillabende und Treffen des Briefmarkensammlervereins.

Solche Orte braucht der Kiez, um weiterhin ein Miteinander statt ein Nebeneinander oder sogar Gegeneinander zu erzeugen. Dazu gehört sowohl das Tempelhofer Feld als auch Projekte wie das Trial and Error oder der Gemeinschaftsgarten Prachttomate. Nur so kann die Seele Neuköllns weiterleben, nur so kann der bunte, fröhliche, offene und auch immer schmuddelige Kiezcharakter erhalten bleiben. 

Gemeinschaftsgarten Prachttomate, Bornsdorfer Straße 9, 12053 Berlin

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