• Mittwoch, 29. August 2012
  • von Constanze Troitzsch

Gelateria im Schillerkiez

Aber bitte mit Sahne...

  • Erste Sahne OTIVM Neukölln
    Sara Tricoli und Domenico Richichi führen das "Erste Sahne" erst seit dieser Saison, aber meisterhaftes Eis machen sie schon jetzt. Foto: QIEZ - ©QIEZ

Die Neuköllner Gelateria Erste Sahne bietet einen Anreiz, die letzten Sonnenstrahlen vor dem Herbst zu nutzen und sich ein Eis zu genehmigen, bevor die Verkäufer der kalten Kugeln in den Winterurlaub verschwinden.

Es ist heiß, es ist sonnig: die beste Zeit für Eis. Da kommen Erinnerungen auf – an die Zeit in Italien, in dem kleinen Küstenort, wo eine Gruppe kreischender Mädels eine Woche lang jeden Tag zur Gelateria an der Ecke pilgerte und sich durch das Sortimente probierte. Aber die Toskana ist weit und der Jahresurlaub fast aufgebraucht. So begnügt man sich mit den gefrorenen Kugeln vom Laden an der Ecke. Da sieht es zumindest sehr hübsch aus: Rund zwanzig Sorten sind meist gut sichtbar in einer Glasvitrine angerichtet. Das Eis kräuselt sich in den Behältern wie das Meer aus der Erinnerung, oft thront darauf ein Keks oder eine halbe Zitrone, je nach Geschmacksrichtung.

Doch solch attraktiv drapiertes Eis sei manchmal nicht nur Abzocke, sondern könne auch gesundheitsschädlich sein, sagt die gebürtige Süditalienerin Sara Tricoli von der Neuköllner Gelateria "Erste Sahne – OTIVM". Mitinhaber Domenico Richichi erklärt die gängige Vorgehensweise: "Um Geld und Zeit zu sparen benutzen viele Milchpulver statt echter Milch. Dann ist die Rezeptur nicht gut und man muss mehr Zucker benutzen, damit das Eis stabil bleibt." Weil es mit normalem Zucker viel zu süß sei, werde häufig chemischer Zucker benutzt, der weniger süß schmeckt und mehr Luft in die Masse bringt, erklärt er. So würde das Eis dann größer wirken - die Luft wird also mitbezahlt.

Erste Sahne geht nur mit echter Sahne

Erste Sahne OTIVM Neukölln Erste Sahne OTIVM Neukölln

Außerdem gäbe es chemische Stoffe, die hinzugefügt würden und oft schädlich seien, fügt die gelernte Archäologin hinzu. "Unsere Lieferanten haben Angst vor uns", grinst Richichi. Im Schillerkiez verkaufen die beiden Freunde, die sich in Rom kennengelernt haben, seit Ende Juli im eigenen Eislabor hergestelltes italienisches Eis, Semifreddi – halbgefrorenes Dessert wie Tiramisu – und Kaffee.

Weil sie immer nur richtige Sahne, Milch und Zucker bestellen, müssen sie kleine Mengen kaufen. "Das fertige Eis lagern wir in geschlossenen Kühlapparaten, wie sie auch Anfang des 19. Jahrhunderts benutzt wurden", sagt der Römer. So wäre die Milch für längere Zeit sicher konsumierbar. In Glasvitrinen sei die Haltbarkeit nur bis zu drei Tage garantiert und viele würden ihre Ware dann trotzdem noch verkaufen, kritisiert Tricoli.

La Dolce Vita in Neukölln

"Das beste Eis kommt aus Sizilien", ist sich die Eisverkäuferin sicher. Das Duo erlernte sein Fach bei einem Meister aus Kalabrien, bevor sie sich selbstständig machten. Der Meister wiederum sei bei einem Sizilianer in die Lehre gegangen. In Berlin, in das sich Tricoli bei ihrem ersten Aufenthalt 2003 verliebt hatte, wollen sie, inzwischen selbst Gelato-Meister, mit einem langsam wachsenden Konzept "OTIVM" (sprich: ozium), die italienische Lebensfreude und den Genuss verbreiten.

"Tut mir leid, kannst du kurz warten? Die drehen drinnen gerade ein Musikvideo", hieß es noch vor dem Eintritt in die gute Stube vom weiblichen Teil des Duos. Sie sind eben spontan. Die Filmtruppe hatte sich nur zehn Minuten zuvor im Laden eingefunden. Prompt hatte Domenico zugesagt, erzählte Tricoli, die gerade aus dem Eislabor kam. Das gehört wohl zu diesem Dolce Vita dazu, dass man anderen ohne zu zögern hilft. So hält der "Kreative" der beiden, der auch kleine Anschauungs-Semifreddi aus Servietten für den Laden bastelte, die zwei großen Hunde einer Kundin, während diese im Laden ihr Eis kauft.

Gutes Eis muss man nicht sehen, nur schmecken

Aber auch der Genuss von Qualität stehe für sie im Vordergrund, sagen sie. Die verderblichen Grundzutaten wie Milch und Sahne kämen von einem Bio-Händler aus Brandenburg. Die Pistazien stammen aus dem Mutterland der beiden Inhaber und auch die Haselnüsse kommen aus dem Piemont, weil sie da besonders gut sein sollen.

Beim Selbstversuch wird klar: Eis braucht richtige Sahne – oder eben gar keine, wie das milchlose Schokoladeneis für Laktose-Intolerante beweist. "Da ist auch keine Sojamilch drin. Soja-Eis macht immer einen etwas traurigen Eindruck", meint Tricoli. Bei den genetischen Experimenten, die mit Sojasprossen angestellt werden, ist das auch nicht unbedingt ein Verlust.

Zum Abschluss gibt es noch ein Semifreddi mit Waldfrüchten. Draußen am Freisitz düsen die Autos vorbei. Wenn man die Augen schließt, kann man sich vorstellen, es wäre das Rauschen des Meeres. Die Sonne scheint einem ins Gesicht und man sitzt auf einer Mauer in einem kleinen, italienischen Küstenort.

Adresse

Kienitzer Straße 116
12049 Berlin

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Quelle: QIEZ
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