• Dienstag, 01. November 2016
  • von Yuki Schubert

Ausstellung im "Kindl"

In Neukölln gehst du auf eine Zeitreise ins Jetzt

  • "You are right here right now" ist ein Werk von Jeppe Hein im KINDL
    Jeppe Hein lebt in Berlin und hat sein Werk "You are right here right now" zur Ausstellung im "Kindl" beigesteuert. Ein weißer Neonschriftzug befindet sich hinter einem Spionspiegel. Foto: externe Quelle - ©KINDL/Marko Funke

Seit dem 22. Oktober können Besucher des "Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst" neben dem eindrucksvollen Kesselhaus drei Ausstellungen sehen. Darunter "How long is now?", wo Künstler die Besucher animieren, sich mit Zeit zu befassen.

Es riecht nach Holz im Maschinenhaus in der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln. Ein Kran und der Überwachungsraum für den Betriebsleiter erinnern an die damalige Arbeitsstätte. Sonst hat die zeitgenössische Kunst Einzug gehalten. Seit Ende Oktober haben neben dem Kesselhaus nun alle drei Etagen im Kindl geöffnet.

Im Erdgeschoss ist die erste Gruppenausstellung How long is now? zu sehen. Acht Künstler befassen sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Zeitgenossenschaft. Es stellen sich die Fragen: Wie kann man über eine Zeit reflektieren, an der man selbst teilhat? Oder inwiefern treffen Vergangenheit und Zukunft bei Zeitgenossen aufeinander?

Zuschauer finden beim Rundgang Fotos der deutschen Künstlerin Andrea Geyer vor. ©Schubert Zuschauer finden beim Rundgang Fotos der deutschen Künstlerin Andrea Geyer vor. ©Schubert

Dabei werden Besucher persönlich angesprochen und aufgefordert aktiv zu werden. Anetta Mona Chisa und Lucia Tkacova aus Prag haben mehr als 500 Pflastersteine aus Porzellan erstellt, die auf dem Boden aufgetürmt liegen. Auf den ersten Blick könnten diese von der Straße oder Baustelle stammen. Wer aber näher herangeht, sieht, dass die Musterung aufgemalt ist. Besucher dürfen die zerbrechlichen Gebilde durchaus anfassen und wenn sie kaputtgehen,  ist es auch kein Problem. Denn die Künstlerinnen wollen auf die Handlungen und Erwartungen der Besucher aufmerksam machen, die durch die zerbrochenen "Steine" deutlich festgehalten werden.

Ceal Floyer kommt aus Pakistan und lebt in Berlin. Ein Video von ihr zählt von eins bis fünfundzwanzig und beeinflusst so die Besucher in ihrer Wahrnehmung von Zeit. In einem anderen Video kann man Wassertropfen beim Fallen zusehen und schon ist man völlig relaxt und fragt sich: Wie lange kann es nur dauern, bis der Tropfen fällt?

In ihrer Fotoserie Imagine to be here, right now spricht Andrea Geyer wie mit einem Brieffreund zum Zeitgenossen und damit auch zum Besucher. Durch die alten Bücher, das Briefpapier und den Füller geht der Besucher von einer Zeitreise in die Vergangenheit aus, wird dann aber wieder ins Jetzt katapultiert, wenn es plötzlich heißt: "We should meet soon".

Zeitgeschichte und die Weiterführung im Heute sind Thema in Michael Rakowitz' Arbeit. Während der Invasion in den Irak (2003) wurde das Nationalmuseum in Bagdad geplündert. Es verschwanden geschätzt 15.000 Objekte. Rakowitz arbeitet nun mit Pappmaché, das er mit arabischen Zeitungen und Verpackungen beklebt, daran, die Kunstwerke nachzubauen. Unterstützt wurde er dabei von Dr. Donny George Youkhanna, dem früheren Direktor des irakischen Nationalmuseums. Youkhanna erhielt Morddrohungen und musste fliehen – all das wird in Bleistiftzeichnungen neben den Artefakten aus Pappe gezeigt.

Es gibt für den Besucher aber noch eine Besonderheit. Ein Lautsprecher scheint zunächst wie aus dem nichts den Song Smoke on the water abzuspielen. Allerdings nicht von Deep Purple, sondern von einer arabischen Band. Rakowitz hat sie dazu beauftragt, um wieder auf Youkhanna zu verweisen. Der hat zu Lebzeiten mit einer Band Songs von Deep Purple und Pink Floyd gecovert.

Ein Drache aus Pappe ist das größte Stück von den Artefakten, die Rakowitz erstellt hat. ©Schubert Ein Drache aus Pappe ist das größte Stück von den Artefakten, die Rakowitz erstellt hat. ©Schubert

Der Besucher hört und sieht zeitgleich, wobei die Musik, die er hört, eine Reminiszenz an eine frühere Zeit ist. Die Ausstellung regt mit jedem Werk an, sich mit Zeit auseinanderzusetzen. Während es vor den Türen Termine gibt, existiert in der Kindl-Halle ein anderes, sehr viel bewussteres Zeitgefühl.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 19. Februar 2017. Der Eintritt beträgt regulär fünf Euro. Mehr Informationen zu den Öffnungszeiten bekommst du auf der Kindl-Internetseite.

KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst

Am Sudhaus
12053 Berlin

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Quelle: QIEZ
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