• Montag, 03. Juli 2017
  • von ​Mareile Morawietz

Queeres Berlin

Berührende Storys: Mein wunderbares West Berlin

  • Mein wunderbares West Berlin
    Obwohl die Schwulenbewegung nach außen vor allem auch für Spaß stand, erntete sie viel Ablehung. Foto: dpa - ©picture alliance/ Edition Salzgeber/ Galeria Alaska Productions

Was waren das für Zeiten! Die Hommage an das alte West Berlin hat es in sich. Die Lebensgeschichten von Menschen zwischen Coming Out, Schwulenbewegung und kultigem Nachtleben berühren und zeichnen zugleich ein Bild einer geteilten Stadt, die jede Erinnerung wert ist.

Die 175iger, wie die Homosexuellen in den 1960er Jahren abfällig genannt wurden, lassen das gute alte West Berlin wieder auferstehen. Beeindruckend ist nicht nur das Archivmaterial, das der Filmemacher Jochen Hick zusammengetragen hat, sondern die sehr persönlichen Erzählungen, die uns die Historie einer Bewegung nahe bringen, die politisch wurde, obwohl es doch eigentlich um etwas sehr Persönliches ging: die eigene Sexualität. Prominente wie Udo Walz, Romy Haag und René Koch kommen zu Wort, Aktivisten wie Egmont Fassbinder und Gerhard Hoffmann, Teddy-Gründer Wieland Speck und Filmemacher Rosa von Praunheim.

Es ist keineswegs eine muntere Plauderstunde über die bunte Klischee-Welt von Homosexuellen. Keiner der Beteiligten scheut sich, ehrlich über Gefühle und schmerzhafte Erfahrungen mit dem Schwulsein zu reden – in einer Zeit, in der eben jener Paragraf 175 sexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte. Natürlich gibt es auch amüsante Berichte von Diskussionsrunden, Kundgebungen und schillernden Abenden in Clubs wie dem Why not im Hinterhof einer Ruine, dem kuscheligen Chez nous oder dem opulenten Kleist Casino, in dem sich die Upperclass der homosexuellen Szene traf. Dabei bleibt selten unerwähnt, dass bei all dem Spaß auch immer etwas Unerfreuliches mitschwang. Seien es die Razzien, die lustigen Abenden ein jähes Ende setzten, Zwangsoutings von jungen Männern durch Verhaftungen, der Hass der Bevölkerung oder auch die Ignoranz von Institutionen wie der Deutschen Film- und Fernsehakademie, von der man Offenheit erwartet hätte.

Mareile


Der Film erzählt chronologisch die Entwicklung vom homosexuellen Leben in der Nachkriegszeit, von der Entstehung der Lesben- und Schwulenbewegung in den 1970er Jahren, vom Schwuz als Zentrum des neuen schwulen Selbstbewusstseins, von gesellschaftlichen Rückschläge und der harten Zeit durch das Aufkommen des AIDS-Virus bis zum bunten Nach-Wende CSD-Straßenfest, das heute bei Heteros so beliebt ist wie bei Homosexuellen. Und wer jetzt meint: Ich bin hetero, was geht mich das an? Dem kann der Film helfen, ein toleranter Mensch zu werden. Und diejenigen, die meinen, ich bin selber homosexuell, was soll ich da lernen, denen sei gesagt: Bildung schadet nie!

Mit der gerade beschlossenen Ehe für alle ist die Gleichberechtigung von Homosexuellen wieder einen Schritt vorangetrieben worden. Bis sich das aber in den Köpfen aller konservativen Menschen durchgesetzt hat, wird es noch eine Weile dauern. Mein wunderbares West Berlin könnte auch dem schlimmsten Gay-Gegner Herz und Augen öffnen.

Mein wunderbares West Berlin im Verleih der Edition Salzgeber läuft seit dem 29. Juni 2017 unter anderem im Kant Kino , im Xenon und im Hackesche Höfe Kino .

SchwuZ

Rollbergstraße 26
12053 Berlin

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Quelle: QIEZ
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