• Donnerstag, 09. August 2012

Initiative gegen Fremdenhass

Die Hipster-Beschützer

  • Hipster Antifa Neukölln
    Sind "Für die Aufwertung der Kieze – für mehr Bars, Soja-Latte, Wifi und Bio-Märkte!"- die Jungs von der Hipster Antifa Neukölln. Foto: Der Tagesspiegel - ©Mike Wolff

Der Berlintourist, der Hipster oder der Schwabe muss in der Hauptstadt immer öfter mit Übergriffen rechnen. Dokumentiert wird diese Art des Fremdenhasses von der "Hipster Antifa Neukölln". Auch die Initiative "Andere Zustände ermöglichen" wehrt sich gegen diese gefährliche Entwicklung.

Mit der Rikscha durch den Görli? Keine gute Idee. Als ein Mann zwei Frauen durch den Kreuzberger Park kutschierte, wurden sie beschimpft: "Scheiß Touris, das ist unser Park. Verpisst euch von hier." Zum Schluss wurden sie noch mit Flaschen beworfen. Was die Angreifer natürlich nicht wussten: Die zwei im Anhänger waren Freundinnen des Rikschafahrers, er wollte sie nach Hause bringen. Erzählt wird diese Geschichte von Jonas, einem Freund des Rikschafahrers. Auch Jannek kennt ein Beispiel für Fremdenhass in Berlin: Ein junger Mann wurde in der Tram-Linie M10 als Zugezogener beschimpft und geschlagen.

Jonas (25), Jannek (30) und Markus (29) entschieden gemeinsam mit Freunden, dass sie diese Feindbilder nicht mehr dulden wollen. Im Mai gründeten sie die Initiative Hipster Antifa Neukölln. Sie arbeiten vor allem auf Facebook und dokumentieren dort Übergriffe auf Personen, Läden und Cafés sowie Graffiti an den Wänden, die vom Hass auf die vermeintlichen Gentrifizierer zeugen.

Der Tourist als Sündenbock

Sogar ein eigenes Motto haben sie sich überlegt: "Für die Aufwertung der Kieze - für mehr Bars, Soja-Latte, Wifi und Bio-Märkte!" Sie verwenden Pseudonyme, weil sie unerkannt bleiben wollen. Zwar stellen sie sich die Frage, was an einem neuen Bioladen so verfänglich ist, doch tatsächlich wollen sie in ihren Kiezen in Friedrichshain und Neukölln gar nichts verändern. Außer eben einem Auftreten entgegenzuwirken, welches viel mit Fremdenfeindlichkeit zu tun hat.

Dass sie damit einen Nerv treffen, wird daran deutlich, dass sich abgesehen von ihnen eine weitere Gruppe des Touristenhasses angenommen hat. Die antikapitalistische Initiative "Andere Zustände ermöglichen" (AZE) beklebt neuerdings Szenestadtteile wie Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain mit ihren grünen "Spot the Touri"-Plakaten. Darauf steht: "Gesucht: Der offizielle Sündenbock für hohe Mieten, laute Feierei und Mangel an Deutschtum".

An die Fassade einer neuen Neuköllner Bar hat jemand den Spruch "Go Home" gesprayt, berichtet Markus. Er schaudert. Befreundete Australier und Spanier trauen sich oft nicht, jemanden auf der Straße anzureden. Sie ängstigen sich vor Vorurteilen, sobald kein Deutsch gesprochen wird. Die drei Freunde von der Hipster Antifa spüren schon länger, "dass sich da was zusammenbraut“. Sie begannen, die Graffiti zu fotografieren und teilten sie privat über Facebook. Im Mai gründeten sie ihre öffentliche Facebook-Seite, mit inzwischen mehr als 1700 Fans - und viel Missbilligungen und Anfeindungen. Doch die Provokation hat sich ausgezahlt, sie schafft Aufmerksamkeit. Besonders der linken Szene, der Jonas, Jannek und Markus selbst angehören, wollen sie einen Spiegel vorhalten. Zwar ziehe sich der Fremdenhass durch alle Gesellschaftsschichten, doch gerade die Linke müsste es besser wissen, sagen sie, schließlich wolle sie weltoffen sein.

Eine zu abstrakte Logik

Der 30-jährige Alex und der 31-jährige Lorenz von "Andere Zustände ermöglichen" sind fest mit der linken Szene verbandelt. Mit ihrer Initiative sorgen sie sich vor allem um das Thema Mietsteigerungen und Verdrängung. Um diesen Problemen wirklich auf den Grund zu kommen, wollen sie mit falschen Schuldzuweisungen, besonders gegenüber Berlinbesuchern, aufräumen. Schuld habe "die kapitalistische Verwertungslogik der Stadt". Zu abstrakt? Genau das sei das Problem, sagt Alex. "Es ist eine abstrakte Logik - es ist einfacher zu sagen, die bösen Touris, die bösen Schwaben sind schuld." Dabei sei es keine Entweder-oder-Frage, ob nun ein Luxushotel oder eine Sozialwohnung errichtet werde. Doch die Stadt kümmere sich immer weniger um die eigenen Bewohner. Auch in ihrer eigenen Szene wollen die beiden von AZE aufklären. Vor allem Bewegungsfreiheit und freie Grenzen seien ja Themen der Linken, sagt Alex. "Bei Touristen hört die Bewegungsfreiheit anscheinend auf."

Die Mitstreiter von der Hipster Antifa und von AZE sind schon miteinander in Kontakt getreten. Eine Zusammenarbeit sei nicht ausgeschlossen. Beide wollen einer Atmosphäre ein Ende bereiten, in der es in Ordnung ist, sich gegen Touristen, Hipster und Yuppies aufzulehnen. Denn hier wird eine Frage der Lebenshaltung zu einer politischen Frage erhoben. Für Jonas von der Hipster Antifa löste ein Graffiti besondere Besorgnis hervor: "Gays, Nazis & Hipsters fuck off".

Am Donnerstag, 9. August, veranstaltet die Initiative "Andere Zustände ermöglichen" ab 20 Uhr eine offene Diskussionsveranstaltung zu "Spot the Touri" in der Kneipe B-Lage, Mareschstr. 1, in Neukölln. www.aze.blogsport.de, www.hipster-antifa.com

Adresse

Mareschstraße 1
12055 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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