• Montag, 16. Januar 2012

Kommunikationstraining in Neukölln

Gesprächs-Aikido: Sabotage clever sabotieren

  • VHS Eingang Neukölln
    Die VHS Neukölln Foto: QIEZ - ©QIEZ

Wenn sich im Job ein anderer im Ton vergreift, ist die Lust groß, so richtig fies zu kontern – oder gleich zu verduften. Nur oft wird's dann erst richtig problematisch. Wer auf blöde Kommentare im Büro angemessen reagieren will, der kann genau das im Kurs Gesprächs-Aikido an der Volkshochschule Neukölln trainieren.

Schlagfertigkeit wird nicht wirklich das Thema sein. Weil in dem Begriff der Schlag steckt, also eine Aggression. Die berühmte verbale Keule. Susanne Eggert stellt das gleich klar, zu Beginn jedes ihrer Kurse mit dem Namen Gesprächs-Aikido: „Schlagfertigkeit kann man nicht wirklich lernen. Das hat man oder man hat es nicht.“ Was man aber lernen kann, das ist die elegante Abwehr von Angriffen. Und die passenden Techniken dazu sind gar nicht so kompliziert. Man muss sie lediglich trainieren, so wie echtes Aikido, die japanische Kampfsportart, bei der man Angreifer oft ins Leere laufen lasse oder die Wucht der Attacke aufgreife und gegen ihn verwende.

Manchmal möchte man gern mit „Kloppe“ antworten

13 Frauen und zwei Männer sitzen im Stuhlkreis in dem Unterrichtsraum der Neuköllner Volkshochschule. Die meisten wollen lernen, wie sie es anderen so richtig zurückgeben können, wie sie „schlagfertig“ werden. Die Dozentin Susanne Eggert lässt zu Beginn ein Stück Papier mit einer Persiflage auf die Produkte eines Möbelhauses herumgehen: Eine Gebrauchsanweisung für einen hölzernen Stock mit der Bezeichnung „Kloppe, Meinungsverstärker, massive Buche unbehandelt, 70 cm lang, 4 cm dick“. Die Gebrauchsanweisung zeigt auch die Zeichnung zweier Strichmännchen. Das eine zieht dem anderen mit „Kloppe“ so richtig eins über den Schädel – und steht im nächsten Bild fröhlich grinsend da. „Es gibt Leute, die haben ihren Kloppe im Mund“, sagt Susanne Eggert. Das sei gar nichts Gutes: „Wenn einer anfängt zu kloppen, kloppen alle anderen plötzlich auch.“ Letztendlich sei niemand mehr guter Laune.

Trotzdem fragt sie in der Vorstellungsrunde alle, ob sie Kloppe gern mal „rausholen“ würden. Damit trifft sie bei vielen einen Nerv. Zum Beispiel bei der hübschen Mathematikerin mit dem braunen Pferdeschwanz. „Manchmal wäre es toll, so was zu haben“, sagt die 30-Jährige, die vorwiegend männliche Kollegen hat. Sie besucht den Kurs, weil die Kollegen „oft vergessen, dass eine Frau dabei ist.“ Eine andere Kursteilnehmerin, eine blonde Bürokauffrau in den Zwanzigern mit glitzerndem Oberteil sagt: „Es gibt Kommentare, durch die man ganz klein gemacht wird.“ Dagegen möchte sie sich wehren können.

Lernen, was im Körper vorgeht, wenn die Wut hochkommt

„Dumme Sprüche im Vorbeigehen sind eine Form von Sabotage“, erklärt Eggert, die auch Sprachpädagogik und Schauspiel lehrt, zudem selbst Schauspielerin und sogar Diplom-Ingenieurin ist und an der „Gewaltakademie Villigst“ als Deeskalationstrainerin wirkt. An der Akademie lassen sich beispielsweise Lehrer zu Anti-Mobbing-Experten ausbilden. Einige Techniken, die sie an der Akademie lehrt, verwendet Eggert auch im Gesprächs-Aikido-Kurs. „Wenn ein Opfer sich nicht mehr zu erkennen gibt, wird der Täter aufhören. Dann macht es ihm keinen Spaß mehr.“

Im ersten Seminarteil vermittelt die Dozentin theoretisches Wissen. Es geht um Kommunikationsmodelle und –theorien und um die biologischen Vorgänge, die im Körper ablaufen, wenn man wütend oder gekränkt wird – oder gar beides: „Das ist ein uralter Überlebensmechanismus. Das Gehirn reagiert dann noch immer wie bei einem Steinzeitmenschen, der plötzlich vor einem Mammut steht.“ Im Gehirn werde Glukose frei, sodass „wir besser angreifen oder weglaufen können.“ Die Atmung und der Herzschlag seien beschleunigt, man halte die Luft an. Cholesterol werde freigesetzt. Man bekomme einen Tunnelblick. „Viele Leute sind dann so sehr mit ihrer biologischen Reaktion beschäftigt, dass sie blockiert sind. Daher kommt es, dass wir uns alle Kloppe wünschen.“

Jede Menge Tipps und Rhetorikübungen

Nur eine einzige Lösung gibt es, um sich aus diesem Zustand zu befreien: „Man muss lernen, in diesem Moment die Klappe zu halten und zu atmen. Wir brauchen Sauerstoff, um zu denken.“ Susanne Eggert verteilt eine Erste-Hilfe-Liste, die genau vermittelt, wie die Betroffenen sich in schwierigen Situationen verhalten sollen. Dann folgt endlich das eigentliche „Aikido-Training“: Die Teilnehmer üben zehn Kommunikationsstrategien, die sie später je nach Situation einsetzen können sollen, darunter bewusstes Schweigen, zweisilbige Kommentare, stumme Gesten und entgiftende Gegenfragen. Am Ende eines wahren Übungsmarathons entlässt Eggert ihre Schützlinge wieder in die freie Wildbahn des Berufsalltags. Ihr letzter Ratschlag: „Man darf einfach nicht zu viel darüber nachdenken, was andere Leute über einen denken.“ Vielleicht ist das sogar der allerbeste Tipp.

VHS Neukölln

Boddinstraße 34
12053 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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