• Montag, 18. Mai 2015

Tag der offenen Gärten

Lok-ruf im Verborgenen

  • Bahn frei. Durch die grüne Hofoase von Jessi und Hendrik Rosenthal an der Kirchgasse 52
    Bahn frei. Durch die grüne Hofoase von Jessi und Hendrik Rosenthal an der Kirchgasse 52 im Böhmischen Dorf fährt ein elektrischer Zug. Foto: Der Tagesspiegel - © Doris Spiekermann-Klaas

Die idyllischen Hofgärten im Böhmischen Dorf sind die Oasen von Neukölln. Ausnahmsweise öffnen ihre Besitzer am Sonntag noch einmal die Pforten.

Man hält es kaum für möglich. Vorn auf der Karl-Marx-Straße tost der Verkehr, es riecht nach Abgasen, Gedränge vor Woolworth – aber nur ein paar hundert Meter weiter, also kurz den Herrnhuter Weg hinab, entführt Lutz Müller-Fröhlich seine Gäste in eine ganz andere Welt. "Willkommen auf dem Lande!" grüßt er, lupft den Panamahut, schmunzelt wie ein freundlicher Gutsherr und macht eine einladende Handbewegung: zum Japanischen Kirschbaum und Bauerngarten, zum Sitzplatz an der sonnenwarmen Ziegelwand mit den roten Geranien, zu seiner ausgebauten Scheune.

Der 72-Jährige ist ein Nachfahre der ab 1737 nach Rixdorf im heutigen Neukölln geflüchteten Böhmen. Er besitzt dort einen der acht "Verborgenen Hofgärten" an der Kirchgasse im Böhmischen Dorf. Normalerweise sind diese privaten Oasen verschlossen. Doch zum "Tag der Offenen Gärten" kann man sie an diesem Wochenende erleben.

"Da öffnen sich liebevoll gestaltete Paradiese"

Punkt 12 Uhr, kaum haben die Bewohner die Pforten zu ihren Gehöften mit den grünen Innenhöfen aufgeschlossen, rücken am Sonnabend erste Besucher an. Zum Beispiel Till Altpeter und Antonia Pallauf mit Baby Louise. Sie wohnen um die Ecke am Richardplatz, sind schon oft übers Katzenkopfpflaster der dörflichen Kirchgasse gelaufen, vorbei an Scheunenmauern und geduckten, bunt verputzten Bauernhäuschen. Konnten aber nie dahintergucken. Umso neugieriger sind sie jetzt – und fasziniert. "Da öffnen sich liebevoll gestaltete Paradiese", schwärmt Till Altpeter. Sieben Hofgärten auf einen Streich. Und jeder ist anders.

Als Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. die im katholischen Böhmen verfolgten Protestanten großzügig in sein Preußen einlud und 85 Familien in Rixdorf kleine Gehöfte schenkte, legte er zugleich den Grundstein für eine bis heute dauerhafte Tradition:

Das Böhmische Dorf, 1849 durch einen Großbrand versehrt und später im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs teils zerstört, wurde wieder aufgebaut und hat sein historisches Aussehen bewahrt. So gesehen ist der Bummel durch die verborgenen Hofgärten auch ein Ausflug in Berlins Stadtgeschichte.

Mitten im Garten von Lutz Müller-Fröhlich steht eine Staffelei mit einem großen Foto von 1916. Es zeigt seine Vorfahren im selben Innenhof. Urgroßmutter Anna sitzt auf einem Stuhl, die Großeltern Elise und Bruno posieren neben ihr, seine Mutter Hildegard, ein kleines Mädchen, füttert gerade die Hühner. Das Anwesen blieb in Familienbesitz, ebenso wie die meisten anderen Gehöfte.

Beispielsweise die Kirchgasse 52. Hendrik und Jessi Rosenthal wohnen dort mit ihrem einjährigen Jan-Phillip und Hendriks Eltern. Auch sie dokumentieren ihren Stammbaum. Ein Vorfahr war zur späten Kaiserzeit der letzte Dorfschulze von Rixdorf. Aber bei ihnen dreht sich eigentlich alles um die elektrische Gartenbahn. Sie schnurrt auf einer Brücke über den Teich, quert Beete mit Himmelsschlüsseln und Rittersporn, dann zieht die Lok ihre Waggons am Johannisbeerstrauch vorbei zur Seilbahnstation. Deren Gondeln schweben hinauf zur Spitze des Korkenzieherhaselnussstrauches.

Vergissmeinnicht, Maiglöckchen und Glyzinien

Direkt nebenan sitzt Hanne Epinatjeff am Rand ihres Urwald-Hofgartens in der Sonne und plaudert mit Besuchern. Die Rhododendren sind üppig aufgeblüht, Erdbeeren recken sich im Hochbeet, Maiglöckchen schmücken den Boden mit weißen Schleiern, Kirschbaum und Büsche wuchern ohne allzu ordnende Hand. "Aber schön romantisch", sagt Epinatjeff.

Und jetzt rasch zur Hausnummer 11 – dem Kaffeehaus-Idyll. Links die Wiese voller Vergissmeinnicht, an der Pforte Fuchsien, Tränendes Herz und Lupinen, nun führt der Weg zwischen Stauden zur Kuchentheke und zum Gartenpavillon, überwuchert von blauen Glyzinien – und weiter hinten zum Barockgärtchen mit Buchsbaumhecken. Überall gemütliche Plätzchen, Gäste in Wohlfühl-Stimmung.

Gestärkt flanieren sie weiter – vielleicht zu Emma (6), Louise (7) und Philina (9) Motel, Kirchgasse 60. Die Drei haben in ihrem Spielegarten mit Trampolin einen Flohmarkt aufgebaut. Es ist eine der letzten Stationen an der Kirchgasse. An deren Ende steht Friedrich Wilhelm I. auf dem Sockel in aller Leibesfülle und blickt zu den Höfen. Als würde er sich über seinen nachhaltigen Coup freuen.

Museum im Böhmischen Dorf

Kirchgasse 5
12043 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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