• Donnerstag, 05. Januar 2012

Rollbergviertel in Neukölln

Was lange währt

  • Die Falkstraße im Rollbergviertel
     Familien mit Kinder, Araber und eine Senioren-WG in der Falkstraße: sie alle leben im Neuköllner Rollbergviertel zusammen. Foto: Der Tagesspiegel - ©Thilo Rückeis

Über die Wohngebäude im Neuköllner Viertel um den Rollberg ist viel geschimpft worden. Ihr Architekt Reinhard Schmock hatte die Häuser als Lebensraum für Wohngemeinschaften geplant, doch Wunsch und Wirklichkeit liegen nicht immer nah beieinander. 30 Jahre nach der Fertigstellung der Gebäude lebt im Block Falkstraße 24 endlich eine WG.

Prügeleien, Diebstähle, Vergewaltigungen. „Natürlich tut einem das weh, wenn so etwas passiert“, sagt der Architekt Reinhard Schmock, als er an die schlechten Nachrichten denkt, die in den vergangenen Jahren vom Rollberg kamen. Immer, wenn vom sozialen Brennpunkt Rollbergviertel die Rede war, war sie es auch von der Architektur. Man sprach von „Ufos“ und „Betonburgen“, und ein wenig klang es so, als gedeihe in Gebäuden wie diesen nichts als Verderben.

Mit viel Idealismus hat Schmock die fünf Ringbauten zwischen Morus-, Kopf-, Hermann- und Werbellinstraße gebaut, 1976 begann er damit, 1982 war er fertig. Die Oktogon-Form gab er den Gebäuden in Anlehnung an Barcelona, wo im Stadtteil Eixample viele quadratische Blocks mit abgeschrägten Ecken stehen. Davon abgesehen, sagt Schmock, hätten er und seine Kollegen sich an die zwanziger Jahre gehalten, „daher die Sachlichkeit des Entwurfs“. 28 Jahre war er alt, als er zusammen mit Bernhard Freund und Rainer Oefelein 1972 den Wettbewerb zur Neubebauung des Rollbergviertels – bis dato ein Quartier mit Mietskasernen – gewann. In einer Altersstufe, in der andere maximal einen Joint bauen, baute er einen Kiez mit rund 2.200 Wohnungen auf einer 11,4 Hektar großen Fläche.

Ein Kiez zum Fürchten?

Zur damaligen Zeit war der Tempelhofer Fluglärm das aufreibendste Problem der Gegend, darum einigten sich die Architekten auf viereckige Bauten ohne Durchgänge, dafür aber mit schallgeschützten Innenhöfen. Jede Wohnung wurde mit ruhigen Zimmern zum Hof hin versehen. Wegen des Lärms verzichteten die drei Baufachmänner fast völlig auf Außenbalkone. Die Flure der Häuser sollten ausgesprochen praktisch sein. Über zwei Etagen umrundeten sie einmal den kompletten Ringbau, an den vier abgeschrägten Ecken kommt man hinunter zur Straße.

Eine dieser Ecken war es, an der Mona erlebt hat, wie ein Jugendlicher eine Waffe auf einen anderen abfeuerte. Ihren vollen Namen will die 17-Jährige nicht verraten. Im Rollbergviertel lebe sie schon seit dem Babyalter. Mittlerweile wohne sie gerne hier, erzählt sie, vor allem seit viele Gangmitglieder im Gefängnis sind und die Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land Kameras angebracht hat. Aber es habe Zeiten gegeben, in denen sie es schon mit der Angst bekommen habe, wenn sie bloß jemanden rennen sah. Die Häuser mit der Ausrichtung auf den Hof, sagt sie, seien mitunter wie eine Mauer gewesen. Eine, hinter der alles Denkbare passieren konnte. Ein paar Jahre ist es her, da seien einige Mädchen noch zum Sex herumgereicht worden, „wie bei stiller Post. Die Jungen hier waren einen Tick härter als alle anderen.“ Mona war erleichtert, wenn sie in den Mädchentreff im Erdgeschoss der Falkstraße 26 entfliehen konnte, ins Madonna.

Der Architekt fühlt sich nicht nur baulich, sondern auch sozial verantwortlich

Als Schmock am Ende der neunziger Jahre erfuhr, welche Entwicklung das Viertel nahm, kehrte er zurück. Er tauschte die Betonmauern vor den Hauseingängen aus, die den Kiez isoliert erschienen ließen, und setzte an ihre Stelle leichte Geländer in Blau und Rot. Er schloss die umlaufenden Hausflure und legte Grünflächen an. „Ich habe mich auf mein Urheberrecht berufen“, erinnert er sich. „Ich habe mich verantwortlich gefühlt.“

War es damals tatsächlich nötig gewesen, die Mietskasernen abzureißen? Heute wäre an dieser Stelle ein Gründerzeitviertel mitsamt Stuck, Türmchen und Giebeln eine überaus begehrte Wohngegend. „Damals hatten wir keine Wahl“, erklärt Schmock: „Das war politisch alles eingetütet.“ Der Berliner Senat hatte 1963 ein erstes Programm zur Stadterneuerung beschlossen, vordergründig, um die Wohnbedingungen zu verbessern, tatsächlich aber auch, um der Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen. Die Arbeiter, die im Viertel gelebt hatten, zogen weg und arabische Familien ohne Arbeit zogen in die Wohnungen, die Schmock für studentische Wohngemeinschaften gedacht hatte.

Gelebte Integration

2007 allerdings ist schließlich doch noch eine WG eingezogen, eine Alten-WG. Elf Menschen haben zehn Wohnungen in einem Block in der Falkstraße 24 gemietet. Eine der Bewohnerinnen ist Bärbel Rustow, sie kam zusammen mit ihrem Mann von Mahlow hierher. Die Rentnerin doziert nicht über Integration, sie lebt sie einfach. Ohne Aufregung, fast nebenbei: Vor Kurzem waren sie in der Nachbarschaft als Gäste zu einem Beschneidungsfest eingeladen. Ein arabischer Junge, der mit seinen Geschwistern ein gemeinsames Kinderzimmer hat, kommt zum Lernen in die stille Wohnung im Erdgeschoss, die Teil der Alten-WG ist. Vor dem Fenster gedeiht ihr Gingkobaum, der Hof ist hell und licht wie die weiter oben gelegene Maisonette-Wohnung.

Und noch einen Vorteil hat ihre neue Wohngegend, er betrifft den Fluglärm: Im Rollbergviertel ist es still geworden. Darum hat Reinhard Schmock für die Ristows einen Balkon angebaut. Allmählich hat der Architekt den Eindruck, dass er die Rollbergsiedlung getrost sich selbst überlassen kann. Umso mehr Zeit bleibt für sein Hobby, er baut inzwischen Stahlskulpturen. Dabei, sagt Schmock, könne er endlich tun, was er wolle.

Adresse

Falkstraße
12053 Berlin

Entdecke deinen Kiez mit unserer Karte! aufklappen

 
Quelle: Der Tagesspiegel
Möchten Sie einen Beitrag schreiben oder eine Bewertung vornehmen?
Weitere Artikel zum Thema "Wohnen & Leben"

Wohnen & Leben

Diese fünf Berliner Typen triffst du bei Badoo

Diese fünf Berliner Typen triffst du bei Badoo

Als Single-Lady gehört Badoo zu meinem Dating-Alltag, denn hier kann man … mehr Berlin

Wohnen & Leben

Auf einen Drink mit... Violetta Zironi!

Auf einen Drink mit... Violetta Zironi!

Wir ziehen durch die Bars der Stadt und laden uns Berliner Newcomer als … mehr Kreuzberg

Radio ENERGY

Das QIEZ-Poesiealbum #28: Sabrina Zukaina

Das QIEZ-Poesiealbum #28: Sabrina Zukaina

QIEZ hat ein eigenes Poesiealbum. Mit vielen freien Seiten für unsere … mehr Weißensee

Wohnen & Leben

Warum Manspreading nicht klargeht

Warum Manspreading nicht klargeht

An dieser Stelle schreiben zweimal im Monat unsere Freunde vom Blog Happy … mehr Berlin

Mobil

Fünf Dinge, die du über das Mobilitätsgesetz wissen solltest

Fünf Dinge, die du über das Mobilitätsgesetz wissen solltest

Vorfahrt für Radler – auf diese einfache Formel wird das vom Senat … mehr Berlin

Eigenheime

Die besten Tipps zum Wohungskauf

Die besten Tipps zum Wohungskauf

Du hast viele Jahre in einer Mietwohnung verbracht und überlegst nun ob … mehr Berlin

Artikel versenden

Geben Sie hier die E-Mail-Adresse des Empfängers ein (z.B. name@xyz.de).
Mehrere Empfänger werden durch Kommata getrennt.

* Pflichtfelder

Hast Du bereits ein QIEZ-Benutzerkonto? Melde Dich hier an.

ODER
Falls Sie sich mit Ihrem Facebook-Konto auf Qiez.de registriert haben, klicken Sie auf den nebenstehenden Button, um sich mit Ihrem Facebook-Konto anzumelden.

Passwort zurücksetzen