• Dienstag, 15. Oktober 2013

Ein Hauswart in Neukölln

Ein Haus und eine Seele

  • Ronald Schulz, 50, ist die große Konstante bei aller Veränderung in Neukölln, Braunschweiger Ecke...
    Ronald Schulz, 50, ist die große Konstante bei aller Veränderung in Neukölln, Braunschweiger Ecke Richardstraße. Foto: Der Tagesspiegel - ©Thilo Rückeis

Hatten nicht alle Berliner mal einen Hauswart? Einen, der stets da war und die Geschichte jedes Mieters kannte. So einen wie Ronald Schulz. Er regelt das Leben in einem Neuköllner Eckhaus. "Kraft meiner Wassersuppe“, sagt er.

Krause ist jetzt die fünfte Woche verschwunden. Und die Sache muss geregelt werden. "Wassermalheur beim Mieter Krause. Zweites OG Mitte rechts.“ Er schickt jemanden los, der in der Wohnung darunter die Feuchtigkeit messen soll. Schließlich kann man, wenn der Frost kommt, nicht mehr einfach die Balkontür offen stehen lassen. Mehr als 400 Kontakte im Telefon. Platinstatus bei Vodafone. Ronald Schulz, offiziell "Bautechnische Hilfskraft mit Hausmeistertätigkeit“, vereint in seinem Heizungskeller und Hauptquartier: Blitzzement, Aceton, Glühbirnen. Mikrowelle, Motorradhelm. "Jut, mein Bester.“ – "Okay, mein Freund.“

Die giftigen Spinnen aus dem ersten Stock haben ihm nichts anhaben können. Der SEK-Trupp, der ihn eines Tages im Hinterhof an die Wand drückte, hat ihn nicht mehr geschockt als nötig, und als Mieter Krause blutend auf dem Podest lag, da wusste er sofort, was zu tun ist. Die Sammelbüchse jedoch, die seine Mieter ihm überreichten, mit 87 Euro darin, und die Klappkarte "Für unseren Haus-man Ronny“, rührten ihn zu Tränen.

Ronald Schulz ist gerade 50 Jahre alt geworden und jetzt klappt er in seinem wohltemperierten, wenn auch tageslichtlosen Heizungskeller die Glückwunschkarte wieder zu. "Das ist nach zehn Jahren die erste Rückmeldung.“ Und: "87 Euro – das ist richtig viel Geld.“

Eine räudige Gegend von Neukölln

Hier in der räudigen Gegend von Neukölln, Braunschweiger Ecke Richardstraße, von 36 Mietparteien haben drei eine geregelte Arbeit, in drei Wohnungen werden überhaupt jemals die Fenster geputzt. Hier kennt er jeden Nagel, die meisten Armaturen hat er selbst gewartet, einige Wohnungen strich er in den letzten zehn Jahren fünf Mal. Gitti hatte geschickt mit dem Sammeln am Monatsanfang begonnen. Weil am Monatsende nichts mehr übrig sein würde. Nicht einmal mehr für Ronny.

Hatten nicht alle Berliner mal einen Hauswart? Einen Kinderschreck, der die Geschichten aller Mieter kannte, wie in Frankreich die allwissende Concierge? Immer zuständig. Manchmal schlichtend. Auf der feinen Linie zwischen sozialer Kontrolle und Gesprächsangebot.

In einer Zeit, in der die Hausverwaltungen und Wohnungsbaugesellschaften vermehrt auf den "Facility Manager“ setzen, der vor allem schnell delegiert, statt selber Hand anzulegen, soll er Drehscheibe sein mit klar umrissenen Zuständigkeiten. Sie verknüpfen Funktionen im Haus. Das ist natürlich professionell. Es ist effizient und transparent für Hausverwaltungen. Aber fünfe sind niemals gerade, der Facility Manager ist ein Verleihnix und selten jemand, den man so etwas wie eine Seele nennen könnte.

Die Menschen müssen zusammenpassen

Der Hauswart alter Schule jedoch ist Kenner aller Dramen. Und im Falle einer Räumung: Regisseur des letzten Akts. Beim ihm müssen die Menschen zusammenpassen. Deshalb spielt es überhaupt eine Rolle, dass der eine vom anderen etwas weiß. Und was Ronald Schulz jenseits der Übergabeprotokolle, der tropfenden Wasserhähne, ausgefallenen Heizungen und Wasserschäden so tut. "Ohne Ronny ginge das Haus hier den Bach runter“, sagen die Mieter. Den Unterschied macht das, wofür er offiziell nicht zuständig ist, sich aber zuständig fühlt. "Kraft meiner Wassersuppe“, sagt Ronald Schulz, kann er dann selbst entscheiden. Früher lief das so: Es sprach sich rum, wenn eine Wohnung frei wurde. Wenn jemand anfragte, rief Ronald Schulz bei Sympathie seine Hausverwaltung an: "Von mir hatter grünet.“ Aber weil mittlerweile gar keine Wohnungen mehr leer stehen, hat er das schon lange nicht mehr gesagt.

Jeder hat ja sein eigenes Früher

Als er vor zehn Jahren anfing, lehnten viele Bewohner dauerhaft gegenüber an einem Stromkasten. Eigentlich immer. Sie hatten ja Zeit, und hier konnten sie ihr Bier abstellen. Ein Freiluft-Tresen mitten in der Braunschweiger. Ronny nannte es die "Stromkastenzeit“ und führte einen neuen Gruß ein, bei dem sie die geballte Faust aneinander schlugen, Fingerknöchel an Fingerknöchel. Maximale Sympathiebekundung bei minimalem Körperkontakt. Das war auch eine Frage der Hygiene. Der Ton war etwas rüpelhaft und am meisten redete Detta, "wenn er gesoffen hatte, war er unser Baustellenradio“. Die beiden ältlichen Russinnen, die eine Zeit lang versuchten, im Erdgeschoss einen Puff am Laufen zu halten, gaben entnervt auf.

Jeder hat ja sein eigenes Früher. Nachdem der Puff aufgegeben hatte, zogen geschmeidige junge Frauen von jener gepflegten Makellosigkeit ein, die vor einem etwas abgerockten Hintergrund besonders zur Geltung kommt: Maite Sole aus Barcelona fragte an, ob die Erdgeschosswohnung zu haben sei, in die unwahrscheinlicherweise die Sonne fällt. Ronny fand, dass die Globalisierung ein hübsches Gesicht hatte, und holte für die Besichtigung sein VHS-Englisch raus. Seitdem besteht im Eck eine Künstlerinnen-WG. Neben Maite, 32, zog Stefanie Illouz aus Tel Aviv ein: Film, Video, Installationen. Die beiden servieren einen Kaffee. Als Illouz neulich alte Kleider brauchte für ein Projekt, lag prompt gegenüber vor einer Haustür ein ganzer Haufen herum. Das findet sie irre. Der Rauch ihrer Selbstgedrehten kräuselt sich in Richtung Stuckdecke. In Berlin finden die entferntesten Dinge ganz unkompliziert zusammen.

Er ist Hauswart - und Konstante

Dass sie sich von Anfang an sicher fühlten in diesem Haus, liege zu keinem geringem Teil daran, dass Ronald Schulz Hauswart und Konstante ist.

Hauswart werden die wenigsten von Anfang an. Da rutscht einer so rein und nutzt die Erfahrung aus allem, was er vorher gemacht hat. "Ick bin ’ne Bulette“, sagt Ronald Schulz, der Berliner. Seine Eltern in Adlershof arbeiteten "von Licht bis Licht“. Er lernte Anfang der Achtziger Maschinist für Kraftwerksanlagen, künstliche Kälteerzeugung, Ammoniakkühlung. Machte einen Kesselwärterbrief. Bis 85 war er Soldat, dann Busfahrer, der 23er in Alt-Glienicke seine Stammlinie. Er ging zum DDR-Fernsehen und fuhr Frank Zander und Konsorten. Er fuhr Taxi, Feinkost, Schwertransporte und Beton, bis ihn ein Bandscheibenvorfall anderthalb Jahre in den Sessel zwang.

Es ergab sich dann so, dass er abends mal für jemanden eine Baustelle abschließen sollte. "Könnten Sie hier auch die Dielung ergänzen?“ – "Und hier die Wände für Elektrokabel schlitzen?“ Er konnte so einiges, stellte er fest. Feuchtraumplatten verarbeiten, Trennwände, Trockenwandvorbauten, Duschtassen, Summer und Siphone.

Neukölln

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Quelle: Der Tagesspiegel
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