• Freitag, 29. März 2013
  • von Nikolaus Triantafillou

Berliner Persönlichkeiten zeigen ihren Kiez

Inger-Maria Mahlke: Neuköllner Schauplätze

  • Inger-Maria Mahlke
    Die Neuköllner Autorin Inger-Maria Mahlke mag Cafés mit Raucherraum. Foto: externe Quelle - ©Promo

Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke liest keine Berlin-Bücher. Sie findet, ihr aktueller Roman "Rechnung offen" könne vielerorts spielen. Dennoch ist dessen Kulisse unverkennbar Neukölln - der Stadtteil, in dem Mahlke seit 15 Jahren lebt.

Neukölln dreht sich immer schneller. Wie in allen sich wandelnden Stadtteilen öffnen und schließen Geschäfte und Lokale im Wochenrhythmus - oder ändern wenigstens ihre Öffnungszeiten. So grüßt das Café, in dem sich QIEZ mit Inger-Maria Mahlke zum Gespräch verabredet hat, mit heruntergelassenen Rollläden. Eine Ausweichmöglichkeit zu finden ist jedoch kein Problem - das gehört zu den wenigen positiven Folgen der Gentrifizierung, die auch den Schillerkiez langsam erfasst.

In Mahlkes zweitem Roman Rechnung offen spielt diese Thematik nur indirekt eine Rolle. "Es geht um Bindungen unter verschärften ökonomischen Bedingungen", sagt die Autorin. Die Handlung dreht sich um mehrere gleichberechtigte Charaktere, allesamt Bewohner eines Mietshauses, das Berlin-Kenner eindeutig in Neukölln verorten können. Jede dieser Figuren hat mit Bindungen zu kämpfen - mit deren Anwesenheit, Abwesenheit oder subjektiv empfundenen Unmöglichkeit. Für einige Seiten folgt der Leser dem kaufsüchtigen Psychologen Claas, der an Alzheimer erkrankten Elsa oder der depressiven Backshop-Angestellten Manuela. Geld ist ein Problem, aber nicht das einzige, das die Protagonisten belastet.

Menschen mit Macken

"Es ist interessanter, über Menschen mit Macken zu schreiben." - So erklärt Inger-Maria Mahlke die bedrückende Grundstimmung des Buches. Durch das Fehlen eines auktorialen Erzählers taucht der Leser direkt in das Leben der Figuren ein; die häufigen Sprünge zwischen ihnen sorgen dafür, dass ihre Geheimnisse erst nach und nach enthüllt werden. Mahlkes Erzählweise tut dem Buch außerordentlich gut  - sie sorgt für Spannung bis zum Schluss und ein Gefühl der Unmittelbarkeit.

Die Autorin streitet nicht ab, dass Rechnung offen in Neukölln spielt, hält es aber für nicht wesentlich. Mit Romanen, deren einziges Argument ihr Regionalbezug ist, kann sie nichts anfangen: "Ich lese keine Berlin-Bücher." Die Probleme ihrer Charaktere hätten nichts mit dem Stadtteil, ja nicht mal mit der Stadt an sich zu tun. Doch natürlich erkennt Mahlke den eigenen Hintergrund an: "Es sind in 15 Jahren gewonnene Eindrücke in das Buch eingeflossen." Die letzten 15 Jahre hat sie in Neukölln gelebt, nach Berlin kam sie des Jura-Studiums wegen, das sie an der FU abgeschlossen hat.

"Ich habe die Freiräume geschätzt", erzählt Mahlke. Immer wieder sei man in der Gegend vom Leben überrascht worden. Die momentane Entwicklung gefällt ihr weniger, sie befürchtet eine Homogenisierung und Gleichschaltung wie in anderen gentrifizierten Stadtteilen. Es ist eine Art von Heimatverlust, "das informelle Netz verschwindet", so Mahlke. "Diese Mischung aus Studenten, Künstlern, Handwerkern wird es so nicht mehr geben."

Ein freies Feld und viel Geschichte

Trotzdem gibt es noch viele Orte in Neukölln und Umgebung, an denen sie sich wohlfühlt. Natürlich auf dem Tempelhofer Feld - ein Freiraum im wörtlichsten Sinn. Gerne besucht Mahlke auch den Friedhof Columbiadamm mit seinen pompösen Feldherren-Denkmälern und der Mauer mit Einschusslöchern – der "nummerierten Geschichte" wegen. Ebenso gut gefällt ihr nach wie vor der überschaubare Körnerpark.

Für ein leckeres Abendessen empfiehlt Mahlke das Restaurant Mariamulata - "gute spanische Küche" gebe es dort. Gerne geht sie auch ins Café Rix auf der Karl-Marx-Straße oder den Heimathafen an gleicher Adresse, der Freiräume für Theater, Literatur und Musik bietet. Einen Klassiker der alternativen Kneipenkultur weiß Mahlke ebenfalls zu schätzen: das Syndikat in der Weisestraße. In der liegt auch das Frollein Langner – ein Café, in dem es die Autorin "supernett" findet. "Dort kann man schön sitzen und es gibt einen Raucherraum", erzählt sie.

Einen schönen Platz, an dem sich Kommerz und Freiraum ausnahmsweise nicht ausschließen, verrät Mahlke auch noch: "Nachts hat man vom Dach des Forum Neukölln eine schöne Aussicht." Ob der Zugang zu diesem besonderen Ort noch möglich ist, weiß sie allerdings nicht.

Inger-Maria Mahlkes Roman "Rechnung offen" ist im Berlin Verlag erschienen. Am 7. Mai liest die Autorin im Literarischen Colloquium Berlin am Wannsee.

 

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Quelle: QIEZ
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