Theater in Neukölln

"Mit meinen sechs Stimmen steht die Party vor der Tür!“

Das filmische Musical Kopfkino dreht sich um Lennard (Mitte mit Kapuzenpullover), seine sechs Stimmen im Kopf und seine WG in Friedrichshain. Noch bis 3. Januar an der Neuköllner Oper. Zur Foto-Galerie
Schizophren oder nur ein bisschen ängstlich: Der junge Lennard hört täglich sechs Stimmen in seinem Kopf, die wissen natürlich auch alles besser und machen den Umzug nach Berlin zu einem ganz besonderen. Ein musikalisches Filmprojekt in Neukölln…

Treffen sich ein Draufgänger, eine Abenteuerin und ein Angsthase… Das ist nicht der Beginn eines Witzes, sondern nur ein Auszug dessen, was täglich im Kopf des 18-jährigen Lennard (Markus Fetter) so passiert. Denn statt sich ganz nach Freudscher-Manier durch Über-Ich, Ich und Es in der Entscheidungsfindung lenken zu lassen, wirken auf Lennards Psyche gleich sechs Stimmen. Der kindliche Theo (Nico Went), die vernünftige Sophia (Jasmin Eberl), die harmoniebedürftige und sexy Helena (Lisa Katharina Toh) sowie ihr Counterpart, der machohafte und draufgängerische Björn (Adrian Burri). Dazu gesellen sich noch Teenie Tess (Friederike Kury) und der von Ängsten zerfressene Jürgen (Helge Mark Lodder).

Mit so vielen Bewohnern im Hirn ist es kein Wunder, dass Lennard beim Sprechen so komische Pausen macht. Schließlich geraten die sechs Stimmen mit ihren konträren Ansichten immer wieder aneinander und lassen ihn oftmals verwirrter als zuvor zurück. „Sei nur du selbst“, wie sie dann doch ganz vereint samt Lennard zum Opening des Musicals Kopfkino singen, offenbart bereits die Komik des Stücks von Peter Lund (Regie, Text) und Thomas Zaufke (Musik) in Koproduktion mit der Universität der Künste Berlin (UdK Berlin).

Immer wieder die Psyche

Vier Jahre zuvor hatte Lund bereits mit der UdK – wo er auch als Professor tätig ist – das Stück Stimmen im Kopf aufgeführt. Hier hört die Protagonistin eine Stimme eines Jungen und wird von ihrer Schwester in eine psychiatrische Klinik gebracht. Im nun wieder aufgeführten Stück Kopfkino aus 2017 muss sich Lennard neben der eigenen Psyche einer anderen großen Herausforderung stellen: der Wohnungssuche in Berlin.

Der Junge aus der badischen Provinz will ins aufregende Friedrichshain ziehen und trifft bei der WG-Besichtigung auf die quirlige Fine (Linda Hartmann) und den arbeitsscheuen Ben (Jonathan Francke), der gerne mal nackt in der Wohnung rumstolziert. Schnell melden sich die Stimmen, denn vergilbte Wände, Berge von Schmutzwäsche, ein lebendiges Biotop als Kühlschrank und ein kleines Zimmer für 500 Euro sind schon ein echter Wucher, wie Sophia in Lennards Kopf raunt. Jürgen indessen ist schwer damit beschäftigt, in der großen Stadt vor Angst nicht zu hyperventilieren. Tess und Helena hingegen richten sich bereits ein.

Szene aus Kopfkino: Läuft da was zwischen Ben und Mona? ©Matthias Heyde

Vom Sparkassenturm vertschüsst

Auf Lennard wartet nach Einzug alles, was Berlin zu bieten hat und das erkundet er ein wenig wie ein scheues Reh: schaurige Fahrten in der U-Bahn, Drogennächte, Dreiecksbeziehung in der WG, aber und vor allem Freundschaft. So erzählt er Fine auch von seiner älteren Schwester Mona (Lisa Maria Hörl), die sich nach seiner Schilderung: „Vom Sparkassenturm in Pforzheim vertschüsst hat“. Ziemlich hektisch wird es, als sich nicht nur der unerfahrene Lennard verliebt, sondern ein unverhoffter Gast an der Tür klingelt.

Ist Lennard schizophren? Hat er eine blühende Phantasie oder sind seine Ängste und Ausbrüche, die mit den Schauspielern auch ein Gesicht bekommen, das Produkt unserer zu schnellen, erfolgsorientierten Gesellschaft? Alles kann in das Stück von Lund und Zaufke gelesen werden, ganz oben im Themenkomplex stehen allerdings die prägenden Einflüsse der Familie auf unsere Psyche und Entwicklung.

Dieses Kopfkino will man tatsächlich haben, denn Lunds Text sprüht nur so von Witz und treffenden Pointen. So wird Jürgens Angst vor der Stadt durch den unfertigen Flughafen ins Unermessliche gesteigert: „Wir kommen hier nie wieder weg, wenn der nicht fertig ist.“ Allerdings werden auch einige Klischees zur Sprache gebracht wie Schwabenhass, verklemmter Provinzler und Besetzermentalität in Friedrichshain. Das fließt aber ein, ohne den Figuren etwas von ihrer Originalität zu nehmen. Insgesamt ist es ein rundes Stück, das Spaß macht: Schauspieler werden auch mal zu Regisseuren umfunktioniert, filmische Ausschnitte stellen Lennards Innenleben im Drogenrausch dar und dabei wird bei Rocknummern bis hin zur Ballade über die Bühne gewirbelt. Besonders gut kommt dabei die Dirty Dancing-Einlage von Sophia und Jürgen. Und wer schon immer mal einen Song über Ketamin hören wollte, der sollte noch bis zum 3. Januar in die Neuköllner Oper, denn Sechs ist eine Party.

Foto Galerie

Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131, 12043 Berlin

Neuköllner Oper

Begeistert noch immer: Die Neuköllner Oper

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