Zehn Jahre Nottke's

Ein starkes Stück

Gläschen aufs Jubiläum. Katja Nottke und Nicolai Preiß in ihrem Theater am S-Bahnhof Lichterfelde-Ost. Auf der Bühne spielen sie mit ihrem Schauspieler-Ensemble einen Mix aus Chanson- und Kabarettprogrammen, Musical, Komödie und Volkstheater.
Gläschen aufs Jubiläum. Katja Nottke und Nicolai Preiß in ihrem Theater am S-Bahnhof Lichterfelde-Ost. Auf der Bühne spielen sie mit ihrem Schauspieler-Ensemble einen Mix aus Chanson- und Kabarettprogrammen, Musical, Komödie und Volkstheater.
Lichterfelde-Ost - Ende 2004 begannen Katja Nottke und Nicolai Preiß ein riskantes Unternehmen: Sie gründeten ein Theater im Steglitzer Ortsteil Lichterfelde. Chanson & Kabarett, Musical, Komödie und Volkstheater stehen auf dem Spielplan. Jetzt wird "Nottke’s das Kiez-Theater" zehn Jahre alt. Wie haben sie das geschafft?

Zuallererst dachte er: „Ich falle in Ohnmacht“. Es war der Moment, in dem Nicolai Preiß vor etwas mehr als zehn Jahren einen grau verputzten Flachbau am S-Bahnhof Lichterfelde-Ost betrat. Rechts Büros, links Büros, dazwischen ein langer Flur, die Decken abgehängt. Es war schwer vorstellbar, dass hier mal ein charmantes Theater entstehen könnte. Das malte sich seine Frau, die Schauspielerin und Sängerin Katja Nottke, damals in den verlockendsten Farben aus. Auch den Eröffnungstermin hatte sie schon im Kopf: Bereits vier Monate später, zum Start der nächsten Theatersaison, sollte ihr Lebenstraum verwirklicht sein. Also legte Nicolai Preiß los. Erfahrung hatte er ja genug, Ende 2004 arbeitete er noch als Architekt und Bauleiter. Er ließ Zwischenwände und Decken herausreißen, um Platz zu schaffen für Bühne und Saal. Dann öffnete sich der erste Vorhang – exakt im Zeitplan.

2015 feiert die Lichterfelder Privatbühne „Nottke’s das Kiez-Theater“ nun Jubiläum: Zehn Jahre Kleinkunst in vielerlei Facetten, Chansons und Kabarett, Musical, Komödie, Volkstheater – ein cleverer Mix aus eigenen Produktionen und Gastspielen. Ganz ohne Subventionen.

Es ist ein Projekt, das die Lebensläufe des Paares umgekrempelt hat: Nicolai Preiß, Jeans, legerer Blazer, gelockte Haare, ist längst nicht mehr in seinem früheren Job tätig. Er hat eine neue Rolle übernommen. Kümmert sich „100 Prozent“ ums Theater, schafft Getränke heran, putzt die Toiletten, lässt Flyer drucken, macht den Barkeeper, begrüßt Gäste persönlich, sitzt an der Kasse, am Licht- und Tonpult. Dabei hat er seine schlummernden künstlerischen Talente entdeckt. Hin und wieder schlüpft er jetzt auch in Bühnenrollen.

Im bordeauxroten Sessel entspannt die Show erleben

Auch Katja Nottke ist alles zugleich vor und hinter der Bühne, hat als Theaterdirektorin die künstlerische Leitung, macht Regie, kümmert sich um Kostüme, Ausstattung, Kulissenbilder, spielt und singt. Auf die Uhr guckt keiner der beiden, zumal sie nur ein kleines Helferteam unterstützt. „Das macht uns nicht reich, aber glücklich“, sagt Nicolai Preiß. Dann zieht er an einem Zigarillo und erzählt, dass er mit seinem alten Job nicht mehr tauschen möchte. Schwärmt von Begegnungen, Gesichtern voller Vorfreude. Weist auf die 80 bordeauxroten Sessel an Bistrotischchen, demonstriert die Beinfreiheit in den Reihen und wie entspannt man während der Shows am Wein nippen kann. „Die Gäste sollen sich wohlfühlen wie wir selbst.“

Vielleicht haben sie es auch deshalb geschafft, ihr Theater gut am Leben zu erhalten. Trotz der harten Konkurrenz in der Kleinkunstszene und mancher „Auf und Abs bis an den Rand der Existenz“, die sie durchstehen mussten. „Es war ja ein riskantes Bühnenabenteuer“, sagt Katja Nottke. „Verdammt stolz“ ist sie deshalb aufs Jubiläum. Sie hat mit ihrem Ensemble von Sängern und Schauspielern gemeinsam die Kerzen auf der Geburtstagstorte ausgepustet und sich gefreut über die Glückwünsche ihres Stammpublikums aus dem Kiez, aber auch aus der ganzen Stadt. „Man kennt sich“, sagt sie. Theaterleute und Publikum sollten sich möglichst nahe sein, nur dann mache Kleinkunst so richtig Spaß. Und dann lacht sie mit ihrer vollen wuchtigen Alt-Stimme, die an Zarah Leander erinnert. Die Diva hat sie erst im Januar wieder viermal verkörpert. Motto: „Zarah, es war so wunderbar.“

„Gute Unterhaltung kann auch anspruchsvoll sein“

Katja Nottke ist mit ihrer runden Figur irgendwie immer in Fahrt und im Gesicht unter dem dunkelbraunen Haar ein wohlgeratener Mix aus Dame und Göre. Die geborene Berlinerin war nach der Schauspielschule in etlichen Theatern der Stadt zu sehen – von der einstigen Tribüne bis zum Renaissance-Theater. Lieh als gefragte Synchronsprecherin Michelle Pfeiffer ihre Stimme oder der Raupe Nimmersatt. In den 90er Jahren betrieb sie erstmals mehrere Jahre lang eine eigene Bühne – das KAMA-Theater in Kreuzberg. Diese Erfahrung hat sie gründlich ausgewertet, bevor sie den zweiten Anlauf in Lichterfelde wagte. Diesmal bewusst nicht in der Berliner City, wo viele Theater konkurrieren, sondern als Pionierin am Rande des S-Bahnringes im gutbürgerlichen Kiez.

Problemstücke laufen mäßig. Amüsement ist eher gefragt. Flaches Spaßtheater also? „Keineswegs“, sagt die Theaterchefin. Gute Unterhaltung könne ja auch anspruchsvoll sein. „Ist das Leben nicht immer eine Komödie – bei allem Ernst?“ Hier die rechte Balance zu finden, das fordert sie heraus. Dabei helfen ihr die Klassiker des Berliner Humors aus den 20er Jahren, die bis heute überraschend aktuell sind – wie Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Werner Richard Heymann, Friedrich Hollaender oder Claire Waldoff. Aber auch viele zeitgenössische Texte und Kompositionen nimmt sie ins Programm.

„Dinner der Diven“ und „Frauchen Platz!“ – ein turbulentes Hundekabarett

„Die Frauleins“ hat sie 2013/14 inszeniert mit Songs der Andrews-Sisters. Oder „Willkommen in der Wunderbar“ mit Chansons aus den 30ern. „Trau keinem über 50“ steht in der Jubiläumssaison auf dem Spielplan. Außerdem „Die Bar zum Krokodil“ mit Chanson-Highlights zwischen Gestern und Morgen, ein „Dinner der Diven“, ein Berliner Volksstück und „Frauchen Platz“ – ein Chansonkabarett rund um das umstrittenste Wesen Berlins: den Hund – sowie die Menschen am anderen Ende der Leine und drum herum. Top aktuell zum neuen Berliner Hundegesetz. Motto: Der Besuch des Stücks erspart eine Stunde beim Kurs für den Hundeführerschein.

Viel ist passiert, seit der Vorhang erstmals aufging. Nur von außen sieht der Flachbau noch fast so trist aus wie damals. „Na ja“, sagt Nicolai Preiß. „Um so größer ist doch die Überraschung, wenn man unser Theater betritt.“


Quelle: Der Tagesspiegel

Nottke’s - Das Kiez-Theater, Jungfernstieg 4C, 12207 Berlin

Nottkes Kiez-Theater Lichterfelde

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