Das Landhaus von Dr. Bejach in Wannsee

Nur drei Jahre Sonne

Das Landhaus des Arztes Curt Bejach in Steinstücken tauchte bereits im Ufa-Klassiker "Die Drei von der Tankstelle“ auf. Gebaut hat es Erich Mendelsohn. Dessen Namen trägt auch die Stiftung, die hier heute residiert.

Am Anfang steht das Ende. Fröhlich ein Liedchen trällernd fahren Heinz Rühmann, Willy Fritsch und Oskar Karlweis mit dem Auto vor, spazieren durch die Pergola in Richtung Haus. Bald merken sie jedoch: es ist keiner da, bis auf einen großen schwarzen Hund und einen Stapel ungeöffneter Briefe. Kurze Zeit später erscheint der Gerichtsvollzieher, um die bereits gepfändeten Möbel abzuholen. „Lieber, guter Herr Gerichtsvollzieher, geh’n se weg, Sie finden nichts bei mir“, singen die Freunde. Mit der Flucht durch das Glasfenster beginnt für sie eine ungewisse Zukunft und für die Zuschauer der Hauptteil des Filmerfolgs „Die Drei von der Tankstelle“.

Das Haus mit der herrschaftlichen Auffahrt, den großen Glastüren und der Fassade, die durch den Wechsel von rotem Ziegel und weißem Putz charakteristische Querstreifen bildet, wurde bereits zwei Jahre nach seiner Errichtung für den UFA-Klassiker verwendet. Es ist ein Projekt des Architekten Erich Mendelsohn, der es 1927/28 für den Arzt Curt Bejach aus Kreuzberg errichtete. Am äußersten Rand Berlins, in der ehemaligen Exklave Steinstücken, hat es jahrzehntelang niemand wahrgenommen.

Moderne Bescheidenheit

Helge Pitz hat schon häufiger an der Sanierung von Bauten dieser Epoche gearbeitet. Der Architekt kaufte das Landhaus 1992 und machte es zum Sitz der 2009 gegründeten Erich- Mendelsohn-Stiftung. Langfristig möchte er dort ein Forschungszentrum mit Bibliothek, Arbeitsplätzen und Stipendiatenwohnungen einrichten, das sich mit der Architektur der Moderne jenseits des Bauhauses beschäftigt. Momentan liegt das Haus noch etwas einsam und verwildert da. Gräben ziehen sich darum, die Außenwand muss abgedichtet werden, denn das Souterrain war feucht. „Pfusch am Bau“, kommentiert Helge Pitz, der bereits seine Erfahrungen mit der Qualität der Bauausführung bei Mendelsohn-Häusern gemacht hat.

Das Haus ist ohnehin keine Luxus-Villa wie im UFA-Film. Es gehört zu Mendelsohns kleineren Wohnbauten. Der Besitzer Bejach, der das Gesundheitszentrum Am Urban gründete, um die Bevölkerung durch Aufklärung und Prävention zu einem gesünderen Leben zu erziehen, galt als bescheiden. Nachzulesen ist das in der Biografie „Curt Bejach, Berliner Stadtarzt und Sozialmediziner“ von Dietlinde Peters.

Diese Bescheidenheit wird auch am Haus sichtbar: 150 Quadratmeter Wohnfläche, ein großer heller Wohnraum im Erdgeschoss, Herren- und Damenzimmer, verbunden durch einen schmalen Flur. Im Obergeschoss befanden sich die Schlafzimmer für Kinder und Eltern sowie Gäste- und Mädchenzimmer. Vor und hinter dem Haus jeweils ein Garten. Durch die breiten Fenster fällt viel Licht, für schöne Stunden im Sommer gibt es eine großzügige Dachterrasse.

Erinnerung an die tragische Geschichte

Seinen Rückzugsort konnte der Mediziner Bejach jedoch nur drei Jahre genießen. Der Philosoph Ernst Bloch brachte es auf den Punkt: „Die Glastüren bis zum Boden setzen wirklichen Sonnenschein voraus, der hineinblickt und eindringt, keine Gestapo“. Zunächst starb Bejachs Frau Hedwig 1931 an Tuberkulose, er bleibt mit den drei Töchtern zurück. In den folgenden Jahren wird Bejach von den Nationalsozialisten drangsaliert, verliert erst sein Amt als Stadtarzt, dann sein Landhaus und schließlich die Approbation. 1942 muss er zur Zwangsarbeit in einem Kriegsgefangenenlager in Eberswalde einrücken, im Oktober 1944 wird Curt Bejach in Auschwitz ermordet. Seine beiden jüngeren Töchter hatte er 1939 in einem Kindertransport nach England untergebracht, sie kamen bei der Familie von Richard Attenborough, dem späteren Filmregisseur, unter. Die älteste Tochter Jutta blieb in Berlin.

Es gibt kaum etwas, was im Landhaus noch an seine ersten Bewohner erinnert. Da ist nur der Stolperstein in der Einfahrt. Viele Details im Innenraum wurden von späteren Besitzern verändert. Die Geschichte von Vertreibung und Verlust bleibt im Hintergrund trotzdem – oder gerade deswegen – gegenwärtig. Weitreichende Rekonstruktionen kann sich auch Helge Pitz nicht leisten. Immerhin veranstaltet der heutige Eigentümer viermal im Jahr Vorträge und Diskussionen, um an Erich Mendelsohn und Curt Bejach zu erinnern. 2011 beschäftigte man sich unter anderem mit Werner Richard Heymann, der die Musik zu „Die Drei von der Tankstelle“ komponierte. Von ihm stammen die unvergesslichen Zeilen „Lieber, guter Herr Gerichtsvollzieher…“


Quelle: Der Tagesspiegel

Erich-Mendelsohn-Stiftung - Zentrum für die Architektur der Moderne, Bernhard-Beyer-Straße 12, 14109 Berlin

Erich-Mendelsohn-Stiftung - Zentrum für die Architektur der Moderne

Filmreif: Das Landhaus in Wannsee war Kulisse in einem Hans Rühmann-Klassiker

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