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Nur eine Frau… die frei leben und lieben wollte

Nur eine Frau… die frei leben und lieben wollte
Aus Tradition werden in einigen Kulturen Töchter zwangsverheiratet. Das zu ändern, dauert Jahrzehnte oder länger...
Ehrenmorde sind so unverständlich wie brutal. Die Täter sind enge Verwandte, die Opfer fast immer junge Frauen. Der Fall der Berlinerin Hatun Sürücü entfachte viele Debatten. Nun widmet sich ein toller Film ihrem Schicksal…

Wie viele Ehrenmorde im Jahr verübt werden, kann man nicht genau belegen. Vor Gericht geben nur die wenigsten Täter zu, dass sie gemordet haben, um die sogenannte Familienehre wiederherzustellen. Man geht von fast 40 Ehrenmorden in Deutschland allein im letzten Jahr aus, dazu noch 46 Mordversuche, die zum Glück fehlschlugen. Die 23-jährige Berlinerin Hatun Aynur Sürücü musste 2005 mit ihrem Leben bezahlen, weil sie sich aus einer Zwangsehe befreite, ihr Kopftuch ablegte und einen Deutschen liebte. Ihre traurige Geschichte ist die Basis für den krassen Film Nur eine Frau, der heute in die Kinos kommt.

Kein Betroffenheitsdrama

Der Film erzählt, wie die junge Deutsch-Türkin Hatun (Almila Bagriacik) mit ihren Eltern und Brüdern in Kreuzberg lebt. Die Familie bestimmt, dass sie nicht weiter zur Schule gehen darf, sondern zu ihrem Cousin in die Türkei ziehen soll, um ihn zu heiraten. Doch die Ehe ist der Horror, ihr Mann gewalttätig. Schwanger flieht Aynur (wie Hatun zu Hause genannt wurde) zurück zu den Eltern nach Berlin. Allein dadurch hat sie in den Augen ihrer Brüder schon Schande über die Familie gebracht. Als Hatun sich weiter emanzipiert, beginnen die Brüder ihr zu drohen. Doch mutig stellt sie sich ihnen entgegen, bis die Situation eskaliert und ihr jüngster Bruder sie auf offener Straße erschießt.

Dass der Film so aufwühlt, liegt vor allem an Almila Bagriacik. Die junge Schauspielerin, die den meisten als Amara aus 4 Blocks in bester Erinnerung geblieben ist, bringt uns die Gefühlswelt Aynurs so nah, dass uns die schreckliche Tat noch einmal mitten ins Herz trifft – wie vor dreizehn Jahren als uns der Mord an Hatun zeigte, wie wenig wir darüber wissen, was in Berlin passiert. Ehrenmorde verortete man in fernen Ländern und fremden Kulturen. Statt eines moralinhaltigen Betroffenenfilms hat Regisseurin Sherry Hormann einen modernen und sehr direkten Film inszeniert, der genau deshalb tief berührt.

Hinschauen hilft

„Ich war ein Ehrenmord, der erste, der so richtig fett Presse hatte“, hören wir Aynur aus dem Off und so trocken Almila Bagriacik das spricht, so emotional nimmt es uns mit: in Aynurs Gedanken und Gefühlswelt. „Vielleicht denkt ihr: Na und? Alles schon so lange her, kann die nicht einfach tot bleiben“, heißt es weiter und gerade diese lakonische Berliner Art macht uns bewusst, sie war eine von uns, die nur leider nicht so leben durfte, wie sie es wollte. Im Film und in der Realität.

Kein Film über ein Opfer

Im wahren Leben bekam der Mörder von Hatun Sürücü, ihr Bruder Ayhan, eine Jugendhaftstrafe von neun Jahren und drei Monate und wurde anschließend in die Türkei abgeschoben. Da leben auch die anderen Brüder, deren Beihilfe damals nicht bewiesen werden konnte. Sandra Maischberger, die den Film produziert hat, war es wichtig, dass Hatun eine Stimme bekommt und der Film sie nicht noch einmal zum Opfer macht: „Wir wollten, dass sie mit ihrer gesamten Lebendigkeit und Lebenslust gezeigt wird“, erklärt sie der Deutschen Presse-Agentur. Das ist gelungen. Und noch viel mehr als das.

„Nur eine Frau“ von Sherry Hormann startet am 9. Mai 2019 deutschlandweit in den Kinos.

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