Schon seit Mitte September heißt es auch in Berlin „O’zapft is“ – mit allem was dazugehört: Löwenbräu Festbier, Dirndl und Lederhosen, Brezn und sogar eine original bayerische Band. Während die SpreeWiesn jahrelang am Postbahnhof stattfand, entschied man sich dieses Jahr für den Umzug in das Obergeschoss des Hofbräu München – Wirtshaus Berlin in Mitte. Statt rustikalem Industrie-Charme an der East Side Gallery wurde für die Saison sogar ein eigener SpreeWiesn-Bereich eingerichtet. Doch kann das „Festzelt“ der SpreeWiesn dennoch überzeugen? Oder handelt es sich nur um einen seelenlosen Abklatsch?
Qiez zu Google hinzufügenWarum versucht die Berliner Wiesn wie das Original zu sein?
Klar ist: An das gigantische Ausmaß und die einzigartige Historie der Münchner Theresienwiese reicht eine Berliner Event-Variante natürlich nicht heran. Wer stundenlang durch kilometerlange Zeltgassen schlendern und die historische Kirmesluft einatmen will, wird in Mitte etwas vermissen. Die SpreeWiesn versteht sich durchaus als eine Art kompakte, feierlaunige Hommage an das Original. Das funktioniert auch erstaunlich gut dank Live-Musik, Mitsing-Hymnen und ausgelassener Feierlaune im Festbereich. Von frisch gezapftem Festbier bis hin zu deftigen Schmankerln stimmt auch die Verpflegung von Anfang bis Ende – sogar ein veganes Angebot gibt es.
Auf der anderen Seite fühlt es sich aber einfach nicht richtig an. Mit dem Umzug in das Obergeschoss des Beton- und Glas-Giganten am Alexanderplatz hat man sich zwar durchaus wetterfester und logistisch optimierter aufgestellt, dafür aber auch spürbar am Berliner Charakter eingebüßt. Hatte das Fest vorher noch eine Art eigenen „Berlin-Charme“ dank Location und Aufmachung, erinnert jetzt tatsächlich alles an eine etwas unfertige Kopie des Oktoberfests. Dabei ähnelt die Location allerdings mehr einer sterilen Event-Fabrik als ein uriges Festzelt.
Auf den Prüfstand geraten dabei vor allem die harten Bandagen, mit denen hier gewirtschaftet wird: Neben saftigen Ticketpreisen und Vorverkaufsgebühren schlagen vor Ort Zusatzkosten zu Buche, die man selbst aus München so extrem kaum erwartet. Im Hofbräu am Alex zahlt man für einen Tisch 39 Euro pro Person, inklusive zwei Maß. Rechnerisch sind das 19,50 Euro für den Liter. Auf der Münchner Wiesn kostet die Maß in diesem Jahr laut der Stadt München übrigens maximal 15,90 Euro.
Durchgestyltes Kommerz-Event
Dass eine Berliner Kopie des Oktoberfestes niemals an echtes Theresienwiese-Feeling heranreichen kann, ist geschenkt. Doch die SpreeWiesn leidet unter größeren Problemen: Wer spontan als Gruppe vorbeischauen möchte, der schaut oft in die Röhre oder endet in engen „Laufkarten“-Kategorien ohne jeglichen Sitzanspruch. Flexibilität? Fehlanzeige. Das Geschäft basiert auf strikt durchgeplanten Groß- und Gruppenbuchungen.
Zudem schlagen Trunk und Speis mit happigen Preisen zu Buche, Klassiker wie Hendl oder Haxe sind hier Luxusgüter – und das bei schwankender Service-Qualität, wie frustrierte Gäste in den Bewertungen immer wieder monieren. die x-te Wiederholung von „Oana geht noch“ anstimmt und die Mengen auf den Bänken schunkeln, stößt der Indoor-Bereich in Mitte schnell an seine Kapazitätsgrenzen. Es wird stickig, laut und bisweilen schlicht ungemütlich. Andererseits: Das dürften viele eigentlich auch vom Münchner Original kennen.
Jubiläum mit fadem Beigeschmack
20 Jahre SpreeWiesn sind ohne Frage eine beachtliche Marke für ein temporäres Event in Berlin. Wer rein auf Partystimmung, Bierzelt-Musik und das Ausführen der teuer erworbenen Tracht aus ist, bekommt hier genau das, was er sucht.
Wer näher hinschaut, sieht allerdings, dass das Event nicht aus Liebe zu bayerischer Tradition, sondern vor allem aus einem Grund jedes Jahr aufs neue stattfindet: weil sich damit hervorragend Kasse machen lässt. Der Umzug nach Mitte hat das Event nicht authentischer gemacht – er hat es lediglich in einen teureren, glatteren Rahmen gepresst. Ein Fest für unerschütterliche Feierbiester – aber sicher kein kulinarischer oder kultureller Meilenstein der Hauptstadt.






