Opernsänger in Schöneberg

Die Kirche im Dorf lassen

Die Kirche im Dorf lassen
Hanno Müller-Brachmann unterstützt die Sanierung der Philippuskirche.
Friedenau ist die Heimat von Opernsänger Hanno Müller-Brachmann. In seinem Kiez wohnt er gerne: "Fast alles, was man Ungutes über Berlin sagen kann, trifft hier ja nicht zu."

Schmale Straßen, gesäumt von Bäumen und grünen Gärten. Herrschaftliche Bürgerhäuser. Das ist Friedenau im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Der Weg führt zu einem besonders schönen Bau mit reichlich Stuck an Balkonen und Erkern. Im akkurat bepflanzten Vorgarten steht ein voll besetzter Fahrradständer. Kaum wird der Klingelknopf gedrückt, ertönt von weit oben eine klangvolle Baritonstimme: „Ich komme!“ Es gibt keinen Zweifel: Hier befindet sich die Wohnung von Opernsänger Hanno Müller-Brachmann, bekannt aus Daniel Barenboims Ensemble an der Staatsoper und international gefragter Solist. Seit dem Wintersemester 2011 lehrt er zudem als Professor an der Musikhochschule Karlsruhe.

Der Spaziergang führt zunächst zum italienischen  Restaurant „Trattoria del Corso“ an der Hauptstraße. „Das ist nicht nur unser Familien-Italiener“, erzählt Müller-Brachmann, „sondern auch ein beliebtes Mittagsziel für meinen Pianisten und mich.“ Gerne geht der Sänger an seinen wenigen freien Abenden direkt im Kiez essen. Ebenso schätzt er, dass es in der Gegend noch echten Einzelhandel gibt, Fachgeschäfte wie den gut sortierten Weinhändler oder den Blumenladen, die vom Inhaber geführt werden. Eine Konditorei, wo noch selber gebacken wird. Angetan haben es Müller-Brachmann auch die zahlreichen Antiquitätengeschäfte. In einem von ihnen habe er kürzlich einen wunderschönen Notenständer erstanden, erzählt er.

Ein Ort für Kinder und bürgerschaftliches Engagement

Der Opernsänger und seine Frau, eine Ärztin, sind nach der Geburt des ersten Kindes von Kreuzberg nach Friedenau gezogen. Mittlerweile sind noch zwei Kinder hinzugekommen. Die Eltern freuen sich über die vielen sauberen Spielplätze im Kiez. Am Perelsplatz gibt es einen Bolzplatz und eine beliebte Eisdiele. Nur mit der Wahl der Schule waren Müller-Brachmanns weniger zufrieden: 60 Prozent Ausländeranteil – etwas überraschend in diesem Kiez, findet der Bariton. Er denkt, dass alle besser lernen könnten, wenn die Kinder mit Migrationshintergrund gleichmäßig auf die Schulen in Berlin verteilt würden. Inzwischen schickt er seine Kinder auf eine Privatschule, empfindet dies jedoch als Notlösung.

Ansonsten gibt es für den 40-jährigen Opernsänger kaum etwas an seinem Kiez auszusetzen. „Fast alles, was man Ungutes über Berlin sagen kann, trifft hier ja nicht zu.“ Schade findet er, dass 2012 das Rathaus Friedenau am Breslauer Platz verkauft werden soll, da der Bezirk Tempelhof-Schöneberg die Betriebskosten von einer Million Euro im Jahr einsparen möchte. Solange das Gebäude mit dem auffälligen Turm nicht abgerissen wird, hat er jedoch Verständnis für die Situation der Stadt. Ein weiterer Kritikpunkt fällt Müller-Brachmann dann doch noch ein: An der Hauptstraße, an der Einmündung Stierstraße, würde dringend eine Ampel gebraucht oder zumindest ein Zebrastreifen. Wegen den Besuchern der Philippuskirche, die dort über die stark befahrene Straße müssen, und den Eltern, die ihre Kinder zur Kita der Gemeinde bringen.

Vor zwei Jahren wurde die Statik der evangelischen Kirche durch die winterlichen Schneemassen in Mitleidenschaft gezogen. Es ist auch dem bürgerschaftlichen Engagement von Hanno Müller-Brachmann und anderen zu verdanken, dass sie nun saniert werden kann. Als der Sänger hörte, dass der Bau aus den 60er-Jahren wegen Einsturzgefahr geschlossen worden war, organisierte er mit befreundeten Künstlern eine Reihe von Benefiz-Konzerten mit hochkarätiger Besetzung.

2011 haben die Sanierungsarbeiten begonnen. „Wie schön“, sagt Hanno Müller-Brachmann und lacht wieder sein markantes Lachen, „nun kann die Kirche im Dorf bleiben.“


Quelle: Der Tagesspiegel

Die Kirche im Dorf lassen, Perelsplatz, 12159 Berlin

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