Tagesspiegel-Serie zu Berliner Plätzen

Der Ostbahnhof: Schnell weg hier

Der Vorplatz des Ostbahnhofes beschränkt sich momentan auf die Freifläche unter dem Vordach.
Der Vorplatz des Ostbahnhofes beschränkt sich momentan auf die Freifläche unter dem Vordach.
Zwischen Imbissbuden, Parkplätzen und Brachland fristet der Ostbahnhof ein jämmerliches Dasein als Aufenthaltsort für Trinker, Bettler und Schnäppchenjäger. Vor allem die Anrainer leiden darunter und was macht der Senat? Er zögert bei der Gestaltung der Gegend.

Der Empfang unterm hohen Vordach fällt großzügig aus, suggeriert sogar etwas Weltstädtisches. Der Ostbahnhof ist ein ehrwürdiger Vertreter seiner Zunft, das Drumherum aber, das Davor, Dahinter und Daneben, versinkt in ästhetischer Belanglosigkeit. Imbissbuden, Marktstände, eingezäunte Brachen, Trampelpfade. Und eine gefühlte Autobahn, die den Stralauer Platz, den Bahnhofsvorplatz, zum Straßenbegleitgrün degradiert. Die Devise für Reisende: schnell weg hier.

Der Ostbahnhof wurde in den neunziger Jahren in seinen momentanen Zustand versetzt, bis 2015 wird für etwa 43 Millionen Euro das Dach der Bahnhofshalle in Schuss gebracht. Das Umfeld ist Sache des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Und auch des Senats, denn der denkt immer noch darüber nach, dort einen zweiten Zentralen Omnibusbahnhof zu errichten. Erst, wenn dazu eine Entscheidung vorläge, werde es einen Wettbewerb zur Gestaltung des Umfelds geben, sagt Daniela Augenstein, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) möchte keinen ZOB und auch kein „grünes Entree“ zum Bahnhof.

Grün ist der Platz bisher nur an den Rändern. Parkflächen für Busse und Autos dominieren hingegen das Areal. Direkt vor dem Bahnhof ragt ein mehrgeschossiges Parkhaus aus der Erde, welches an der Straßenseite ein Hindernis bildet, das den Vorplatz vollkommen abschirmt. „Die Einbindung des Parkdecks ist noch unklar“, sagt Schulz. Das Parkhaus wird gerade aufwendig saniert, ein Bauschild allerdings sucht man vergebens. Der Bauherr, die R+V-Versicherung, meidet die Öffentlichkeit.

Auf Nachfragen des Tagesspiegels heißt es, „aufgrund von Durchfeuchtungen des Betons“ hätten viele Parkplätze im Untergeschoss nicht mehr zur Verfügung gestanden. Aus diesem Grund werde eine neue Abdichtung eingebaut. Wie die oberirdische Parkfläche gestaltet werden soll, ist noch zu klären. Anfang August soll alles fertig sein.

Der Stralauer Platz macht kaum noch Sinn

Den Stralauer Platz gab es lange vor dem Bahnhof. Als dieser 1846 eröffnete, wurde der Platz Bahnhofsentree. Bis 1856 entstand am nordwestlichen Ende die Andreaskirche, die im Krieg zerstört und 1949 abgeräumt wurde. Nur das denkmalgeschützte ehemalige Zentralmagazin der Gaswerke überlebte das Bombeninferno. Das Haus wurde 2001 umfassend erneuert und zum „Energieforum“ umgestaltet. Heute haben hier viele Firmen aus dem Bereich erneuerbare Energien ihren Standort. Eigentümer ist ebenfalls die R+V-Versicherung.

Heute macht die Adresse „Stralauer Platz“ kaum noch Sinn: Nachdem die Ruinen der Kirche und einer benachbarten Gewerbeschule beseitigt waren, wurden die Fahrbahnen breiter; inmitten derer nur ein schmaler Grünstreifen übrig blieb. Mit dem wachsenden Verkehrsaufkommen verlor der immer mehr an Bedeutung. „Die Adresse ist neutral, funktional“, so Felix Eisenhardt vom Energieforum. Mit städteplanerischen Entwürfen habe man sich noch nicht wirklich auseinandergesetzt. Der Stralauer Platz habe keine urbane Ausstrahlung, daran sei aufgrund des starken Verkehrs auch nicht viel zu ändern. Was neue Ideen und Konzepte angeht, ist Eisenhardt eher skeptisch. „Seit Jahren ist ein Uferwanderweg im Gespräch. Da ist bis heute nichts passiert.“

Das Energieforum schottet sich weitgehend von der Straße ab und bietet einen ruhigen Innenhof und zur Spree hin eine Terrasse. Auch der Yaam-Club daneben verbirgt sich hinter einer Mauer. Während draußen der Verkehr tost, wartet drinnen eine umfriedete Oase mit angeschlossener Strandbar. Zum Ostbahnhof gibt es wenn überhaupt nur eine Blickbeziehung, in der der Stralauer Platz komplett untergeht.

Trauriger Bahnhofskiez

Die Anwohner des Ostbahnhofs leiden still an der zerstörten Stadtstruktur. Bei einer Veranstaltung von „Berlin Partner“ vor anderthalb Jahren wurden die Aussichten des Wirtschaftsraums Ostbahnhof diskutiert. Mit Kaufhof, Hellweg-Baumarkt und Metro sind schon einige Einzelhandelsgrößen vor Ort, doch im Branchendurcheinander finden sie kaum zu einer fruchtbaren Gemeinschaft zusammen.

Im Anschluss an das Treffen wurden vor allem Ansprüche formuliert: Nötig seien ein „langfristiges Konzept für die Umfeldentwicklung“ und eine Profilierung, ein „Branding“. Doch wodurch soll sich der Standort auszeichnen? Und für welche Klientel? Für Nachtschwärmer, Reisende oder Konsumenten? Die Bahn verkauft den Ostbahnhof – wie inzwischen üblich – als „Einkaufsbahnhof“.

In den Buden auf der Nordseite hat sich ein Bahnhofskiez entwickelt, mit Tagtrinkern, Bettlern und Schnäppchenkunden. Die Preise haben das Niveau von Nord-Neukölln, und viele Transferempfänger haben sich in diesem Milieu eingerichtet. Nur am Wochenende kommen ein paar Externe aus anderen Bezirken der Stadt, um die Clubs, die Supermärkte oder den Trödelmarkt zu besuchen. Dazu haben die Gewerbetreibenden Folgendes zu sagen: „Der Ostbahnhof fungiert als Imageträger, sowohl positiv als auch negativ. Insofern ist die Umfeldverbesserung ein wichtiges Thema.“


Quelle: Der Tagesspiegel

Ostbahnhof, Str. der Pariser Kommune , 10243 Berlin

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