Neuer Kurs in Berlin

So wirst du zertifizierter "Märchenerzähler"

So wirst du zertifizierter
Anke Stollwerck ist überzeugt: "Menschen brauchen Märchen!". Deswegen hat sie einen Kurs besucht, wo sie gelernt hat, Geschichten richtig zu erzählen.
Arkonakiez - Märchen kennst du bestimmt viele. Aber kannst du sie auch richtig erzählen? Anke Stollwerck kann. Sie hat einen Kurs besucht und ist jetzt zertifizierte "Märchenerzählerin".

Jetzt duftet der Gewürztee im Keramikpott, die Adventskerzen flackern – und irgendwo in der Ecke, im Schummerlicht, steht eine Frau. Ihre Konturen verschwimmen, ihr Schatten tanzt im Takt der Flammen auf der Wand. Nun tritt sie in den Raum, ihre Lippen formen Wind und Meeresrauschen. Dumpf schlägt sie das Tamburin. Sie setzt sich in einen Ohrensessel wie man ihn aus Großeltern-Geschichten kennt. Wind und Meer schlafen langsam ein. Einen Moment lang lässt sie die Stille wirken, schaut ihr Publikum direkt an – die Kinder und Eltern der Lichterfelder Johannesgemeinde. Dann beginnt sie ihre Geschichte: „Jahre vergingen, bis sich niemand mehr daran erinnern konnte, gegen welches Gesetz das arme Mädchen verstoßen hatte…“

Anke Stollwerck hat eine ruhige, dunkle Stimme, viele Lachfältchen um die Augen und einen Blick, bei dem man sich gleich aufgehoben fühlt. Sie braucht nur einen Augenblick, dann sind ihre Zuhörer mit ihr zusammen schon tief in die Geschichte gerutscht. Sie erzählt eines ihrer Lieblingsmärchen, „Die Skelettfrau“, überliefert von den Inuit in Grönland. Es beginnt mit dem Tod eines Mädchens, macht dann aber, wie man es von Märchen kennt, eine Kehrtwende zum Guten: Anke Stollwerck (47), schwarze Stiefeletten, weinroter Folklorerock, Seidentuch über den Schultern, Knoten im dunkelbraunen Haar, nimmt ihre Zuhörer mit auf den den wunderbaren Weg der jungen Inuitfrau zurück ins Leben.

Märchenhauptstadt Berlin

Es war auch „Die Skelettfrau“, die sie vor ein paar Wochen auserkor, um mit ihr ein kleines Gesellenstück zu schaffen: Sie trug das Märchen ihren Dozenten und 19 Mitschülern zum Abschluss einer Ausbildung vor, die in Berlin 2015 erstmals angeboten wurde. Anke Stollwerck hat von April bis Oktober an zehn Wochenenden einen berufsbegleitenden Kurs zum „Pädagogischen Märchenerzähler“ absolviert.

Dass dies an der Spree möglich war, ist kein Zufall. Berlin gilt als Stadt der Märchen. Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. holte die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm 1840 nach Berlin und berief sie zur Akademie der Wissenschaften, wo sie ihre Sammlung von Volksmärchen komplettierten. Begraben sind sie auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg.

Am Spreeufer im Nikolaiviertel hat das Deutsche Zentrum für Märchenkultur seinen Sitz. Es wirkt bei den „Berliner Märchentagen“ mit, die im vergangenen November zum 26. Mal veranstaltet wurden. Das Theater im Monbijoupark in Mitte hat auch diesmal zur Adventszeit seine „Märchenhütte“ eröffnet, die Komische Oper spielt gerade Engelbert Humperdincks Weihnachts-Klassiker „Hänsel und Gretel“, es gibt Berliner Märchensammlungen mit Geschichten vom „Spukschloss im Grunewald“ bis zum „Eierdieb auf der Marienkirche“ – und überhaupt: Märchen gehören zu Weihnachten wie Lebkuchen und Bratäpfel, werden vorgelesen oder erzählt. Nicht nur Kindern – auch Erwachsenen.

Märchen erleben bei Pädagogen eine Renaissance

Nun gibt es ja bereits etliche professionelle Märchenerzähler in der Stadt und Schulen für ihre Kunst. Warum also haben die sozialpädagogischen Bildungsträger „Tempelhof Forum“ und „Bilderkraft“ 2015 dennoch einen zusätzlichen Lehrgang geschaffen, speziell zum „Pädagogischen Märchenerzähler“? Und gelten diese Geschichten, die meist in Volkssagen- oder Legenden wurzeln, nicht heute eher als Retro, so dass ein Märchenerzähler wie aus der Zeit gefallen wirkt?

„Ganz und gar nicht“, sagt der Erzieher Birger Holz von „Bilderkraft“. Er beobachtet in Berlin eine „Renaissance der Märchen“. Noch vor einigen Jahren, erinnert er sich, drängten die Eltern mancher Kitas und Grundschulen darauf, dass Märchen auf die schwarze Liste kommen. „Zu brutal“, meinten sie. Jetzt aber hören Erzieher wieder öfter: „Erzählt doch mal vom Gestiefelten Kater, Doktor Allwissend, Hans im Glück & Co…“

Das soll die neue Fortbildung fördern. Grundschullehrer und Erzieher, aber auch Altenpfleger oder Menschen, die in Hospizen Sterbende betreuen, haben daran teilgenommen. Sie trainierten nicht nur Performance und Präsenz, sondern lernten auch, wie man die Geschichten in der Arbeit mit Kindern und Erwachsenen empathisch einsetzen kann. Anke Stollwerck bringt das so auf den Punkt: „Es geht darum, einen Blick für die Persönlichkeit unserer Zuhörer zu entwickeln.“ Kann ein Märchen beispielsweise heilend helfen, Ängste oder gar Traumata abzubauen – oder diese eher verstärken?

Das Gute und Zuversicht gewinnen fast immer

Skelettfrau? „Na, da bekommt mancher erstmal einen Schreck“, sagt die Märchenerzählerin und lacht. Kling ja nicht gerade optimistisch. Zumal das Mädchen von ihrem Vater wegen eines Vergehens in die See gestürzt wird. Erst nach vielen Jahren zieht sie ein junger Fischer als Skelett aus dem Meer und nimmt das skurrile Geschöpf mit nach Hause. Doch wenn Anke Stollwerck am Tisch mit dem tiefblauen Sternentuch sitzt, vor sich ein Stapel Märchenbücher, und erzählt, wie die junge Inuitfrau gerettet wurde, schwingt in ihrer Stimme auch ihr eigener unerschütterlicher Glaube an das Positive im Leben mit. „Märchen“, sagt sie, „sind ehrlich. Die lassen mit ihren klaren Bildern auch das Böse und Traurige im Leben zu. So können wir uns damit auseinandersetzen. Aber das Gute und die Zuversicht gewinnen fast immer. Das macht Mut.“Sie erzählt die Geschichte des Inuit-Mädchens von Strophe zu Strophe. Märchentexte haben ihre ganz eigenen Melodien und Rhythmen, oft im Dreivierteltakt. Sie spricht mal Largo, mal Andante, setzt Pausen, gerät in Schwung. „Das Mädchen ergriff das Herz des Fischers…und sang ein Lied dazu. Und je länger sie sang, desto mehr Fleisch legte sich auf ihre Knochen.“ So gewinnt die Skelettfrau dank der Nähe des jungen Mannes ihre menschliche Gestalt zurück.

Schon als Kind verzaubert

Stille im Raum. Es braucht eine Weile, bis ihre Zuhörer in die Realität zurückfinden. Für Anke Stollwerck sind das die „magischen Momente“. Wenn sie spürt: „Du berührst die Seelen.“ Frei erzählen, das fühlt sich für sie gut an. „Das schafft eine Aura von Nähe und Vertrauen, die selbst beim Vorlesen so nicht entsteht.“

Sie lernte diesen Zauber schon als Mädchen kennen. Ihre Mutter kannte viele Märchen und Balladen auswendig, „die hat sie mir für’s Leben geschenkt“, sagt Anke Stollwerck. Damals schickten ihr Ost-Berliner Verwandte „Ost-Pakete mit den tollen DDR-Märchenplatten“ nach Lichterfelde-West. Dort wuchs sie auf, lebt sie bis heute mit ihrer Familie. Später lernte sie Grafikdesign, arbeitete als Illustratorin, als Erzieherin – ging mit ihren drei Kindern beim Märchenerzählen in der Fantasie auf Reisen und machte die Erfahrung: „Kinder gehen mit dem Gegensatz von Gut und Böse viel unbefangener um als die meisten Erwachsenen.“

Eines Tages entdeckte sie dann das Buch „Die Wolfsfrau“ mit Mythen und Märchen rund um die tiefe Gefühlswelt von Frauen. Da wurde ihr klar: „Märchen sind wie Träume. Sie nehmen Urbilder der Seele auf, die in uns wurzeln. Von Liebe und Tod, Ängsten, Hass, von Freundschaft, Wünschen und Sehnsüchten.“

Demenzkranke überraschten Stollwerck

Sammelt sie Märchen? „Und wie!“, sagt Anke Stollwerck. Europäische Volksmärchen, Indianermärchen. Oder Kunstmärchen von Andersen bis zu den französischen Feenmärchen. Und sie probiert sich in ihrem Metier aus. Möchte in Seniorenheimen erzählen, Trauernde begleiten, war schon bei Demenzkranken. Die haben sie überrascht. „Manche kannten ganze Märchenpassagen auswendig.“

Noch eine Geschichte? Vielleicht das mecklenburgische Volksmärchen „Wie das Mäuslein und die Mettwurst zusammen lebten“? Sie spielt leise Flöte, der Tanz verklingt. „Mäuslein und Mettwurst…waren gute Freunde. Aber eines Tages, als die Mettwurst in der Kirche ist, fällt die Maus beim Suppenkochen in den Topf. Oh weh! Alle Tiere schreien entsetzt. Kikerikiiii!, Miaau!…und schließlich im Chor so laut, bis die Maus so sehr erschreckt, dass sie wieder Kraft findet und herausspringt.“

Gemeinsam macht stark. Wie bei den Bremer Stadtmusikanten. Anke Stollwerck bläst die Kerzen aus. „Und wenn sie nicht gestorben sind…“

Willst du mehr über den Kurs erfahren? Oder dir von Anke Stollwerck eine Geschichte vorlesen lassen? Dann schreib ihr einfach eine Mail an anke-stollwerck@t-online.de


Quelle: Der Tagesspiegel

So wirst du zertifizierter "Märchenerzähler", Brunnenstraße 29, 10119 Berlin
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