People-Festival: Lagerfeuerromantik und Trance-Tanz

People-Festival: Lagerfeuerromantik und Trance-Tanz
Wir waren auf dem People Festival im Funkhaus Berlin und berichten dir von unseren Erlebnissen: Mitsingen bei Leslie Feist erlaubt!
Wie hört sich wohl ein Song an, der erst ein paar Tage oder Stunden alt ist: Diese Frage hat am Wochenende das People Festival im Berliner Funkhaus beantwortet und hat den Besuchern viele musikalische Highlights für die Ewigkeit beschert und das, obwohl niemand wusste, wer, wann, wie auftritt. Ein Erlebnisbericht.

Die Schlange zu Saal 1 ist lang. Niemanden scheint das aber groß zu stören, schließlich ist Anstellen vor der Toilette oder dem Getränkestand nichts Neues auf Festivals. Dazu scheint die Sonne und es ist erst Nachmittag, da sind die Geister noch ausgeruht. Langsam bahne ich mir den Weg über Rindenmulch und Wiese. Eine Frau gibt über Lautsprecher das Zeichen, dass wir nun alle in den Saal können und schon beginnen die Ersten zu rennen und werden nur langsamer, weil da diese ermahnende Stimme über Mikrofon ertönt. Warum aber diese Eile und Ungeduld? Bisher weiß noch keiner, was genau auf uns wartet.

Musiker wird zu Tänzer

Electro-House-Sound von Boys Noize oder doch Folktronica von Justin Vernon (Bon Iver) – alles ist möglich. Um die 180 Künstler haben sich laut Mitorganisator Tom Michelberger angekündigt, jedoch findet das People Festival ohne konkretes Line-up statt und präsentiert viele Werke, die erst in den letzten sieben Tagen entstanden sind. Einen Timetable habe ich in meiner Hand, allerdings steht da nur Beginn: 16:40 Uhr. Ich ergattere einen Platz mit Blick auf das bereits aufgebaute Piano. Das Publikum sitzt wie in einem riesigen Sitzkreis um die etwas tiefer gelassene Bühne, wo sich mittlerweile ein Mann an eine Soundmaschine setzt und etliche Tänzer eintreffen. Das Licht ist gedimmt, sodass das Drumherum schnell schwindet. Eine Frau gibt vom Bühnenrand in Englisch Anweisungen an die Tänzer, die sich immer mehr in Rage tanzen. Ich merke, wie ich mich anfangs noch frage, was das genau soll, doch dann kann ich meine Augen nicht mehr abwenden. Die Musik wird von den Tänzern wie in Trance wiedergegeben und sie erzählen uns mit ihren Körpern von Rastlosigkeit und inneren Kampf, bis auch letztlich sich der junge Mann von seinem Instrument löst und selbst zu eingespielten Klängen tanzt.

Dieses Aufbrechen von Grenzen zwischen Musiker und Tänzer, aber auch zwischen Publikum und Künstler*innen ist sicher einer der Faktoren, der dieses Festival so außergewöhnlich macht. Und das an Orten, an denen man sich gewöhnlich nicht aufhält. Nach einer kurzen Pause befinde ich mich nämlich in den Hallway Studios (eine der acht Bühnen). Hier kann ich mich zwischen Studio 3 bis 6 entscheiden und in einer sehr intimen Atmosphäre in den unterschiedlichen Aufnahmestudios Musik erleben. Es ist ein bisschen so wie bei der TV-Sendung 1, 2 oder 3, denn wieder weiß niemand, wer oder was sich hinter den Türen verbirgt. Ich lasse meinen Bauch entscheiden und gehe ins Studio 4. Hier wartet unter anderem David Kitt, der aber wie fast alle Musiker, nur seinen Vornamen nennt. Er erzählt von den vergangen sieben Tagen: wie er fast seine Gitarre verloren hätte und von trinkfreudigen Abenden in Berlin. Die haben ihn so inspiriert, dass daraus auch ein Song entstanden ist. Kurzerhand bringt er uns den Refrain bei und wie zu besten Lagerfeuerzeiten singen wir alle mit, als er die Zeile von seinen pochenden Kopfschmerzen anstimmt. Es wird heute nicht das letzte Mal sein, dass ich mit voller Freude mitsinge.

Und plötzlich steht da Damien Rice

Wie ein Vampir, der aus seinem Sarg steigt, ergeht es mir, als ich die dunkle Lagerfeuer-Höhle verlasse und wieder raus an die frische Luft komme. Ich entscheide mich für eine kurze Stärkung mit Pizza und setze mich auf eine der Bänke mit direktem Blick auf die glitzernde Spree und die Bullenbruch-Insel. Es dauert nicht lange und schon höre ich, wie jemand seine Gitarre stimmt. Ich laufe rüber zur Waldbühne, die im Freien auf einem Hügel genau gegenüber der Hallway Studios liegt. Eine große Gruppe an Menschen hat sich versammelt, denn der irische Singer-Songwriter Damian Rice (The Blowers Daughter) beginnt zu spielen. Dieses plötzliche Auftauchen von namhaften Musiker*innen flasht mich immer wieder, obwohl ich zuvor bereits Justin Vernon, Henning May und Erlend Øye (Kings of Convenience) auf dieser kleinen Bühne mitten im Grünen entdeckt habe.

Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass so etwas funktioniert. Die Künstler*innen erhalten keine Gage, es gibt keine speziellen Ankündigungen und sie finden sich in den unterschiedlichsten Gruppierungen wieder. So tauchen im Saal 2 plötzlich Mitglieder der Bands Arcade Fire und The National zusammen auf der Bühne auf. Das klingt wie ein organisatorisches Unding, und doch passiert es.

Da die Räume zu klein sind, um alle Gäste gleichzeitig aufzunehmen und gerade auch diese kleinen intimen Momente zwischen Musiker*innen und Publikum zustande kommen sollen, gibt es insgesamt sieben Gruppen in die Besucher*innen aufgeteilt werden. Ich bin in Gruppe 7 gelandet und habe daher noch ein Event, um kurz vor halb acht. Das verzögert sich, sodass ich noch Zeit für ein Getränk und Gespräche habe. Denn jeder, den man hier trifft, hat etwas anderes erlebt. So höre ich davon, dass Macaulay Culkin aufgetaucht ist, um eine Band anzusagen und mir wird isländischer Hip Hop ans Herz gelegt, während ich von experimenteller Geigen- und Schlagzeugmusik aus einer der Hallway Sessions erzähle.

 

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Ein Beitrag geteilt von QIEZ (@qiez.de) am Aug 19, 2018 um 2:41 PDT

Singen mit Leslie Feist

Ich nähere mich meinem Highlight des Festivals und dabei weiß ich das noch gar nicht. Ich kann nicht anders und träume – von Woodkid oder Bon Iver: Aber als ich auf der Bühne Leslie Feist neben Jenny Lewis stehen sehe, kann ich nicht anders als an Bestimmung denken, vor allem als Feist alle animiert mitzusingen und durch fantastische Akustik jeder seine Stimme klingen lässt. Kein Alltag mehr, kein Denken an morgen, sondern nur magische Musik.

Das People Festival ist ein Ort von Intimität, vielleicht auch gerade weil das Smartphone aus bleiben soll. Künstler aus den unterschiedlichsten Genres finden zusammen, aber auch die Grenze zwischen Zuhörer*innen wird aufgebrochen. Da wird schon mal gefragt, ob der Sound zu leise oder laut ist und ob man nicht Töne summen möchte, um dem Stück Finesse zu geben. Überraschungen wie ein Chor, der plötzlich aus dem Publikum entspringt, sind Teil des harmonischen Ganzen. Durch den Verzicht auf Werbung wird zudem das Treffen von Musikverliebten in den Vordergrund rückt. Nicht jede Gitarre ist sofort gestimmt, eine Banjosaite hat bei einer der Sessions sogar ganz den Geist aufgegeben, aber wie Musiker*innen damit umgehen, von ihrer Aufregung berichten und die erleichternden Gesichter, wenn der Applaus eintritt, das sind sicher Momente, die man für immer mitnimmt. Bis zum nächsten Mal – People.

Funkhaus Berlin, Nalepastraße - 1850, 12459 Berlin

Telefon 030 53805401

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