Die Fans können ihren Augen kaum trauen, während Eintracht Braunschweig gerade das fünfte Gegentor des Spiels und damit eine dicke Klatsche kassiert. Auf der Gästebank herrscht kollektive Schnappatmung. Was ist da gerade passiert? Ist das ein Fiebertraum oder Realität? Für die Hertha-Fans, die aus dem Jubeln kaum wieder rauskommen, fühlt es sich definitiv wie ein Sommernachtstraum an: Gleich drei Spiele hintereinander hat der Hertha BSC für sich entscheiden können. Und weil Aufhören bekanntlich was für Anfänger ist, legen die Berliner nur wenige Tage später nach und kochen auch den 1. FC Magdeburg mit 2:1 ab.

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Vier Siege aus vier Spielen, makellose Bilanz, historischer Traumstart – ein Kunststück, das im Westend seit geschlagenen 16 Jahren keiner mehr gesehen hat. Urplötzlich schnuppert das Olympiastadion wieder Höhenluft, und auf den Rängen keimt eine längst vergessen geglaubte Fantasie auf: Zum ersten Mal seit Langem könnte die „Alte Dame“ wieder Kandidat für den Sprung in die 1. Liga sein. Im Kiez schlägt die Stimmung jedenfalls blitzschnell von Schwermut in Ekstase um, während sich nur eine einzige Frage breitmacht: Warum denn nicht gleich so?

Warum blieb Hertha so lange erfolglos?

Über mehrere Jahre hinweg wirkte Hertha BSC wie ein Verein im schleichenden Kollaps – so ziemlich alles, was auch nur im Ansatz schiefgehen konnte, flog dem Hauptstadtverein verlässlich und mit Anlauf um die Ohren. Das lag an einer giftigen Mischung aus finanziellem Größenwahn, völlig verfehlter Kaderplanung und einer andauernden Führungskrise.

Drehen wir die Uhr ein paar Jahre zurück: Im Jahr 2019 stieg Investor Lars Windhorst (Tennor Holding) bei Hertha ein und pumpte sagenhafte 374 Millionen Euro in den Verein. Statt das Geld vernünftig in nachhaltige Strukturen, Nachwuchs oder wenigstens etwas Fußballsachverstand zu investieren, verpflichtete man teure Spieler, die nicht zur Realität des Vereins passten. Prominente Beispiele für gefloppte Einkäufe waren Lucas Tousart (ca. 25 Mio. Euro), Krzysztof Piątek (ca. 24 Mio. Euro) oder Dodi Lukébakio (ca. 20 Mio. Euro). Weil die Spieler trotz Champions-League-Gehältern auf dem Platz nur Abstiegskampf lieferten, schossen die Betriebskosten für den Verein durch die Decke, die Leistung ging in den Keller.

Blau-Weiß warf das Geld zum Fenster raus

Weil der sportliche Erfolg ausblieb und der Verein finanziell mit dem Rücken zur Wand stand, verlor der Kader rasant an Wert. Um Lizenzauflagen der DFL zu erfüllen und das Loch in der Kasse zu stopfen, mussten Spieler zwangsweise panisch verramscht werden – unter Wert, mit Verlust oder gleich komplett ablösefrei. Gleichzeitig gab es im Kader über lange Jahre hinweg keine klare Spielphilosophie, da die Trainer- und Managerpositionen ständig umbesetzt wurden. Durch die schnellen Wechsel wurde der Kader wild zusammengewürfelt – es fehlten Führungsspieler, die Identifikation stifteten. Das spiegelte sich in fehlendem Teamgeist auf dem Platz wider.

Nachdem das Windhorst-Geld verbrannt war und die Corona-Krise zusätzlich Einnahmen verhagelte, blieb der Verein auf einem gewaltigen Schuldenberg sitzen. Erst mit dem Einstieg des Investors 777 Partners und einem drastischen Sparkurs konnte der Verein sich wieder erholen. Inzwischen bilden wieder die Eigengewächse aus der Akademie das Herzstück der Mannschaft – junge, hungrige Spieler, die sich endlich wieder mit ihrem Verein identifizieren können. Auf einmal erinnert Hertha sogar wieder an einen echten Fußballverein!

Plötzlich sitzt wieder echte Torgefahr auf der Bank

Nach Jahren des kollektiven Kopfschüttelns hat sich die Truppe tatsächlich wieder gefangen: Der bunte Haufen von einst ist Geschichte – heute steht da wieder eine echte Einheit auf dem Rasen. Mit einer Mischung aus abgezockten Haudegen und aufrückenden Talenten aus der hauseigenen Akademie stimmt die Chemie nicht nur in der Kabine, sondern endlich auch auf dem Platz. Im Gegensatz zu früher bringen Wechsel von der Bank nun wieder richtig Schwung und Tore – die Kaderbreite wird zur Waffe, die enge Kisten kurz vor Abpfiff entscheidet.

Auch taktisch wirkt das Gebilde nicht mehr wie ein Kartenhaus – selbst wenn es mal brennt oder der Ball ins eigene Netz geht, verfällt niemand mehr in Panik. Bereits jetzt stechen vor allem zwei Protagonisten besonders heraus: Mit dem 21-jährigen Oluwaseun Adewumi hat Hertha sich einen echten Offensiv-Allrounder vom englischen Premier-League-Verein Burnley FC ausgeliehen. Als Edeljoker von der Bank knipste er gleich dreimal in Folge und gehört damit zu den treffsichersten Kickern des Kaders. Und dann ist da noch Josip Brekalo: Der Routinier hat sich schon nach kürzester Zeit im Berliner Offensivspiel etabliert. Mit bereits zwei Toren und zwei Torvorlagen ist er einer der wertvollsten Scorer im Team – und ein absoluter Spektakel-Garant.

Das Beste: Die schrittweise finanzielle Genesung hat dem Boulevard spürbar die Munition genommen. Kein Theater mehr in den Etagen, keine schmutzige Wäsche in den Medien. Diese fast schon unheimliche Ruhe tut dem Team spürbar gut – und sorgt für eine Arbeitsatmosphäre, die man rund ums Olympiastadion seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt hat. Egal ob der Aufstieg am Saisonende gelingt oder nicht, sicher ist: Es kann wieder aufwärts gehen – wenn man nur fest genug daran glaubt.

Hertha BSC gegen VFL Osnabrück

Am Sonntag wird sich zeigen, ob Hertha seine Siegesserie gegen Osnabrück aufrecht erhalten kann. Auf dem Papier geht Hertha aufgrund der starken Frühform und des überlegenen Kaders als Favorit in das Duell. Dennoch ist ein Spiel an der Bremer Brücke traditionell kein Selbstläufer. So werden die Kontrahenten sich aller Wahrscheinlichkeit nach ein beinhartes Duell liefern, wobei sich die Berliner knapp durchsetzen könnten. Strategisch dürfte Osnabrück versuchen, über Aggressivität, hohe Laufbereitschaft und robustes Zweikampfverhalten die Herthaner aus dem Rhythmus zu bringen.

Sollte es den Berlinern nicht gelingen, eine kompakte Osnabrücker Defensivblockade frühzeitig vor Probleme zu stellen, könnte mit zunehmender Spieldauer Geduld und Nervenstärke gefragt sein. Gerade bei Standardsituationen strahlen die Osnabrücker stets Gefahr aus – die Berliner Defensive wird so vor eine konzentrationsintensive Aufgabe gestellt. Wie auch immer das Spiel ausgeht: Am spektakulären Saisonstart von Blau-Weiß kann niemand mehr rütteln.

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