Performances erhellen Wohnstrukturen am Kotti

Meine Straße, mein Zuhause, mein Block

Ein unüberschaubarer Block, nicht nur im physischen Sinne, auch was die sozialen Strukturen angeht. Die meisten kennen das Zentrum Kreuzberg sowieso nur von unten.
Ein unüberschaubarer Block, nicht nur im physischen Sinne, auch was die sozialen Strukturen angeht. Die meisten kennen das Zentrum Kreuzberg sowieso nur von unten.
Kottbusser Tor - Die Künstlergruppe "Vierte Welt" hat sich des Gebäudekomplexes auf und über der Adalbertstraße angenommen. Der Block wird vom 17. Oktober bis zum 3. November durch Führungen und Gesprächsrunden greifbar gemacht. Die Performances sind dabei zu gleichen Teilen künstlerisch und gesellschaftskritisch; ein Verständnis für das "Neue Zentrum Kreuzberg" wirft Fragen zur Urbanität und Gentrifizierung auf.

Es ist das Tor zum Kreuzberger Nachtleben. Es ist ein den Himmel verdeckender Gebäudeklotz. Es ist das markante Wahrzeichen des Kotti. Doch unter seinem richtigen Namen „Neues Zentrum Kreuzberg“ ist der Wohnungskomplex auf und über der Adalbertstraße wenig bekannt. Läuft man die Straße von der U-Bahnstation gen Norden, dann schließt sich die Gebäudeformation über dem eigenen Kopf und bildet mitsamt seiner Wohneinheiten eine Art Torbogen, auf dessen anderer Seite Dönerbuden und Spätis warten. Das – dieses Haus, von dem man kaum sagen kann, wie breit es ist – nennt sich Zentrum Kreuzberg.

Und mit Einbruch der Dunkelheit wird es ab dem 17. Oktober spannend in diesem Block. Nicht, weil man wie jede Nacht den Nachtschwärmern, Touris und Drogensüchtigen ausweichen muss, die sich ihre Wege durch X-Berg bahnen. Nein, das Haus selbst erwacht und zeigt seine Heim(e)lichkeit. Immer wieder werden Führungen stattfinden, die die Geschichte und die versteckten Winkel des Blocks beleuchten. Entweder eine japanische Urbanistin oder ein Mann, der Jahre lang in Caracas lebte, werden durch den Wohnkomplex leiten. Vom Keller bis zum Dach teilen sie dann ihre Erfahrungen mit Japanischem Blockbau-Stil bzw. mit der Hauptstadt Venezuelas und laden zum assoziativen Vergleich ein. Was ist ähnlich, auch auf der anderen Seite der Welt? Und vor allem: Was machen die Menschen draus?

In diese Kerbe schlagen auch die Video-Installationen: Interviews mit den Hausbewohnern runden das Bild vom Wohnort „Zentrum“ ab. Aus der Bausünde, dem „Kriminalitätszentrum“ in unseren Köpfen wird ein Gebäude mit gesellschaftsspiegelnder Geschichte, wird das Zuhause hunderter Menschen – im Verständnis um urbane Wohnkultur wird aus dem Haus ein Zuhause; so lässt sich der Untertitel „this home was once a house“ zumindest interpretieren. Die Performances bleiben dabei absichtlich artifiziell, oszillieren zwischen Fakten und Fiktionen, zerdenken niemals vollständig den Raum, durch den man sich bewegt, lassen das Zentrum in seiner vollständigen Erfassbarkeit peripher bleiben.

Der Block erschließt sich durch diskursiv-aufgeladene Performances

Unter die echten geführten Interviews mischen sich fiktive, der Block wird dadurch gleichzeitig begreifbar gemacht und doch dem direkten Denkzugriff entrückt. Die Macher von „Block – this home was once a house“, das im Haus ansässige Künstlerteam von „Vierte Welt“, schaffen mit ihrem zweiwöchigen Programm eine Performativität, die eine Brücke zwischen Kunst und wissenschaftlicher Begreifbarkeit schlägt. Gesellschaft, in diesem Fall das Zentrum Kreuzberg, wird angeeignet durch diskursiv-aufgeladene Performances, die sich spielerisch dem Bau nähern, wie auch gleichzeitig durch einen historischen bzw. soziologischen Blick auf die soziale Gebäudestrukur und seine Werdung.

Den letzten Schliff für einen gesellschaftskritischen Ansatz bringen die Gesprächsabende am 20. und 27. Oktober und am 03. November. Mal laden der Soziologe Andrej Holm, „Betongold“-Regisseurin Katrin Rothe und mehr zum Dialog, mal ist der Architekturkritiker und Publizist Bruno Flierl im Gespräch mit dem Schriftsteller Ulrich Peltzer; immer dreht es sich um die Frage, wie eine verständig-kritische Betrachtung auf urbane Phänomene neue Perspektiven aufzeigen kann. Das kann auch ganz pragmatisch die Frage nach einem menschenwürdigen Wohnraum sein. Und dem Kampfbegriff Gentrifizierung.

Nach dem 3. November, wenn die „Block – this home was once a house“-Performances, -Gespräche und Touren vorbei sind, werden wir wesentlich verständiger auf diese Sozialbauwand blicken und durch sein Mäuseloch ins Nachtleben eintauchen.

Führungen finden von 17.bis 20. Oktober, von 24. bis 27. Oktober und am 1. und 2.November, jeweils um 20:00 Uhr statt. Gespräche sind am 20., dem 27. Oktober und am 3. November um 20:00 Uhr. Der Eintritt zu allem ist frei, Karten sollten aber reserviert werden. Mehr Infos gibt es hier.

Meine Straße, mein Zuhause, mein Block, Adalbertstraße 96, 10999 Berlin

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