Poetry-Slam im Lido

Anonyme Aussichtslose und fehlende Guillotinen

Anonyme Aussichtslose und fehlende Guillotinen
Full House beim Poetry Slam im Lido in Kreuzberg. Zur Foto-Galerie
Wrangelkiez - Einmal monatlich findet im Partykeller des Lido der Kreuzberg Slam statt. Bei dem Dichterwettstreit treten in drei Runden insgesamt neun Poeten gegeneinander an. Das Publikum entscheidet, wer weiterkommt und wer nicht. Warum bei der Fülle an Berliner Poetry Slams ausgerechnet die Kreuzberger Wortschlacht empfehlenswert ist, lest ihr in unserer QIEZ-Kritik …

Der Saal des Lido ist knackevoll. Eine Hälfte des Publikums sitzt auf Klappstühlen, die andere verteilt sich links und rechts im Halbdunkeln. Ob an der Wand lehnend, vor der Bar hockend oder sogar auf der Bühne sitzend – der Raum ist gefüllt mit Leuten, die sich das dienstagabendliche Poesie-Event nicht entgehen lassen wollen. Wir sind eine Stunde vor Beginn da. Das sichert uns gerade noch so einen Platz am Rande der Bühne. Es ist schon ein wenig komisch, als Zuschauer im Rampenlicht zu sitzen. Aber gut, mal sehen – oder besser gesagt: hören, was der Abend noch so bringt!

Poetry Slam im Lido, Wrangelkiez, Kreuzberg
Und tatsächlich, es geht los und Moderator Sebastian Lehmann, selbst Schriftsteller und Poetry Slammer, stimmt das Publikum schon einmal mit einer kleinen New York-Geschichte ein. Konsterniert berichtet er, wie ungewohnt freundlich die Amerikaner seien und wie viele Komplimente sie bei seinem Besuch im Big Apple an ihn verteilt hätten: „I like your bag.“ (dt.: „Ich mag deine Tasche.“) war eines davon. Irritiert schaut er an sich hinunter und bemerkt, dass er nur eine Rewe-Tüte bei sich trägt. Das Publikum lacht. Das Eis ist durchbrochen.

In der ersten Runde treten, thematisch gesprochen, ein Apple-Handys abschießender Wilhelm Tell, ein sich mit dissenden Narzissen und Ölpipelines herumschlagender Flower-Power-Poet und ein in einem Mordstempo schnauzender Berliner, der die Speisekarten in Bayern nicht versteht, gegeneinander an. Zwischenbilanz: Die Berliner können jut über sich selbst lachen und jenau deshalb bestümmen sie och Tilman Birr und sein bayerischet Abenteuer als Jewinner.

Alltagsgeschichten im richtigen Versmaß

Auch in Runde zwei, in der an diesem Abend ausnahmsweise vier statt der üblichen drei Slammer auf der Bühne stehen, ist das kreative Niveau hoch und die Auswahl fällt schwer. Paul Bokowski erzählt vom Urlaub mit den Eltern in Paris, bei dem die gute Mutter ihn im Louvre lauthals über die üppigen Rundungen der nackten Renaissance-Frauen auf den Gemälden befragt. Aus lauter Verzweiflung versteckt er sich weinend auf der Toilette und wünscht sich eine Guillotine herbei. Das alles selbstverständlich im richtigen Versmaß.

Weiter kommt dann aber doch Julian Heun. Mit seinen stotternden und schweißdurchtränkten Annäherungsversuchen ans weibliche Geschlecht können sich wohl so einige identifizieren. Da können im Finale weder Tilman Birr (Deutscher Kabarettpreis 2013), noch Nick Pötter mit seiner Geschichte zu Hermes, dem Götterboten, oder die Studentin Leonie Warnke, die mit dem Hauptfach Kulturwissenschaft dem Club der Anonymen Aussichtslosen angehört, mithalten.

Fazit des Abends: Holla die Waldfee, so viel Talent auf einem Haufen und eine so geschickte Poetisierung von Alltagssituationen, in denen man sich an der ein oder anderen Stelle durchaus wiederfinden kann, ist schon ein Ohrenschmaus!

Wenn du dich gern selbst von den Dichtkünsten im Lido überzeugen möchtest, dann hast du immer am ersten Dienstag im Monat um 20.30 Uhr die Gelegenheit dazu. Der Eintritt kostet 5 Euro, es sind keine Reservierungen möglich.

Foto Galerie

Lido, Cuvrystr. 7, 10997 Berlin

Lido

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