Polizeiausbildung in 80er Jahre Kulisse

Auf Schimanskis Spuren

Auf Schimanskis Spuren
In einer "Tatortstraße" wird unter anderem die Spurensicherung geübt.
Falkenhagener Feld - Spandaus "Tatortstraße" ist in Berlin wohl die mit der höchsten Kriminalitätsrate, wenn auch nur gespielt. Angehende Polizisten lernen hier, wie man Spuren auswertet und wo Diebe ihre Beute verstecken.

Die Schnapsflaschen sind alle leer im „Café Schimanski“. Das kleine Lokal mit angeschlossenem „Spielsalon“ befindet sich in Spandau, und zwar in der „Tatortstraße“. Am Montag kehrten dort die Mitglieder des parlamentarischen Innenausschusses ein, angeführt von Innensenator Frank Henkel (CDU). Alles klar? 

Es hat offensichtlich ein wenig gedauert, bis die Politik davon Wind bekam, wie die Polizei übt. Denn die Tatortstraße gibt es schon seit 2007 in der Spandauer Radelandstraße. Das realistisch gestaltete Übungsgelände unterm Dach eines alten Polizeigebäudes bietet eine Gartenlaube, einen Keller, eine Baustelle, einen Supermarkt, eine Zwei-Zimmerwohnung mit Küche, Bad und Geheimversteck und eben die Kneipe, das „Café Schimanski“.

Alles Orte, in denen eingebrochen, geklaut wird und Täter Spuren hinterlassen. Und diese Spuren sollen angehende Polizisten finden, unter realistischen Bedingungen. Polizeipräsident Klaus Kandt und der Leiter der Polizeischule, Harald Wunderlich, loben die Tatortstraße als die modernste der Republik. Viele Abgeordnete finden sie eher altbacken, vor allem Grüne, Linke und Piraten lästern über das Mobiliar. In der Tat ist am Tatort nicht alles neu. Die Fischkonserven im „Supermarkt“ tragen ein Haltbarkeitsdatum von 1985. Das deutet darauf hin, dass sie aus der ersten Übungsstraße der Polizei stammen, die bereits in den fünfziger Jahren entstand.

Aber kommt es darauf an, fragt die Chefin der Tatortstraße, Kriminalhauptkommissarin Patrizia Bamberger. Es sei doch egal, worauf Fingerabdrücke und DNA-Spuren genommen werden.

Polizisten werden zu Spurenlegern

In den nachgebauten Räumen lernen die Polizisten, Spuren überhaupt erst einmal zu erkennen. Wie ist der Einbrecher in die Wohnung gekommen? Gibt es Hebelspuren am Fenster, hatte er einen Schlüssel, hat er mit einem Trick die Tür geöffnet? Die Ausbilder legen diese Spuren, die künftigen Beamten müssen diese finden. Und parallel dazu die verzweifelten, aufgelöst durch die Wohnung  – also durch die zu sichernden Spuren – herumlaufenden Einbruchsopfer beruhigen, wie im echten Leben. Diese werden von Kollegen gespielt.

Im „Keller“ oder im „Spielsalon“ findet das Training auch schon mal ohne Licht statt, nur mit Taschenlampe. Kontrolliert werden die Übenden über leistungsstarke Videokameras, die auch aus dem Dunkeln Bilder auf die Monitore der Ausbilder übertragen.

In der „Wohnung“ wird vor allem das Durchsuchen geübt. Wo verstecken Kriminelle Geld, Papiere oder Drogen? Vom Kinderhochbett bis zur Waschmaschine ist die Wohnung vollständig möbliert, nur die Geheimverstecke sind bemerkenswert. Im Parkett ist ein Brett lose eingesetzt, in einer Trittstufe ist ein Geheimmechanismus versteckt. Beides müssen die Polizeischüler finden.

660 000 Euro hat die Tatortstraße gekostet, viel Geld steckt in der Technik. Das meiste Mobiliar dagegen und die leeren Schnapsflaschen haben Polizisten gespendet, sagt Bamberger. Ob zum Beispiel die Baustellenlampen gekauft oder beschlagnahmte Diebesbeute sind, blieb unklar.

Ermitteln auf Sparflamme

270 Studenten der Fachhochschule und 408 Azubis für den mittleren Dienst werden 2014 die Tatortstraße durchlaufen. Innenstaatssekretär Bernd Krömer sagte nach der Besichtigung, dass für eine Erweiterung  1,7 Millionen Euro erforderlich seien. Denn es muss in den kommenden Jahren deutlich mehr Nachwuchs ausgebildet werden, weil so viele Polizisten in den Ruhestand gehen. Auch die Polizeischule ist, wie berichtet, in Nöten. Da das Geld noch nicht im Haushalt drin ist, sollen die Kurse zeitlich „entzerrt“ werden, wie Kandt sagte. Schon jetzt wird von morgens um 7 bis abends um 7 geübt.

Zum Beispiel in den Laboren, die ebenfalls zur Tatortstraße gehören. Mit einer weißen Paste macht eine Ausbilderin Fingerabdrücke auf einem Wasserglas sichtbar. Hier lernen die Abgeordneten wirklich etwas Neues, sie kannten zuvor nur die Methode mit Pinsel und Rußpulver aus dem „Tatort“. Aber hier ist die Berliner Tatortstraße. Und weil Berlin kein Geld hat, lernen die angehenden Polizisten gleich mit, dass die weiße Paste so teuer ist, dass sie möglichst nur sparsam eingesetzt werden sollte.

Polizeipräsident Klaus Kandt spricht später ebenfalls das Thema Geld an. Die Auswertung aller DNA-Spuren in Berlin sei zu teuer geworden. Deshalb überlege man, ob die Polizei besser alle Spuren selbst analysieren solle; derzeit werden überwiegend Fremdlabore beauftragt. Eine andere Idee sei, „nicht unnötig Masse zu erzeugen“. Im Klartext: weniger DNA-Proben zu nehmen. Genauso hatte es die Kriminalbeamtin zuvor in der Tatortstraße gelehrt.


Quelle: Der Tagesspiegel

Auf Schimanskis Spuren, Radelandstraße 21, 13589 Berlin
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